09.06.2021 - 18:07 Uhr
Röthenbach bei KohlbergOberpfalz

Wo Spiegelglas und Geschichten entstehen

Ab 1866 baut Baron Georg Hermann von Grafenstein Röthenbach zum Glashüttenstandort aus. Vom Leben der Gloserer gibt es viele Erzählungen - und die Sage, warum der Teufel beim Pochermanderl den Kürzeren zieht.

Im Umkreis der ehemaligen Röthenbacher Glashütte fand man vor Jahren noch Glasstücke und Schlacken wie sie das Pochermanderl aus den Schmelzhäfen abklopfen musste.
von Autor JMLProfil

Der Kohlberger Ortsteil Röthenbach war früher auch ein Glashüttenstandort. Weit nördlich abgelegen, gemessen an den etwa 56 anderen Hütten im Oberpfälzer und Bayerischen Wald, aber nahe dran an der Rohglas-abnehmenden Industrie in Fürth. Seit 1873 durch die Bahnstrecke Weiden-Nürnberg nach dort auch bestens angebunden. Gute Voraussetzungen also, hier produziertes Rohglas ab dem Röthenbacher Bahnhof zu versenden.

Das Material wurde in den fränkischen Werken mit Silber oder Quecksilber belegt und die Spiegel in großem Ausmaß zwischen 1870 und 1890 in die USA exportiert. Es kann also angenommen werden, dass in manchen vornehmen Herrschaftshäusern der amerikanischen Ostküste oder auch in Saloons des Wilden Westens Röthenbacher Spiegelglas an der Wand hing.

Spiegelschleife

Die erste Erwähnung einer Spiegelschleife erfolgt schon 1759. Ab 1866 baut Baron Georg Hermann von Grafenstein Röthenbach zum Glashüttenstandort aus. 1867 entsteht erst mal eine Paterlhütte am Hammerwerk-Standort. 1873 wird die neu erbaute Glasfabrik beim Bahnhof mit sechs Häfen in Betrieb genommen. Die Öfen werden erst mit Torf, später mit Kohle befeuert. Die Hütte muss jedoch bereits 1928 wegen Unrentabilität "kaltgeschürt" werden. Im selben Jahr eröffnet die DETAG ihr Weidener Werk. 1946 werden die letzten Gebäudereste entfernt. Seitdem hat sich die Natur den Platz wieder zurückgeholt.

"Geboren" wurde das Glas in Röthenbach nach althergebrachten Herstellungsverfahren. Das Gemenge aus Quarzsand, Kalk und Soda wurde in kegelförmigen Töpfen, sogenannten Häfen in die Hafenofen aus Schamotte-Stein gestellt. Bei einer Temperatur von etwa 1400 Grad Celsius verflüssigte sich das Material. Der Glasmacher zog dann mit der Glaspfeife die benötigte Menge weißglühende Masse aus dem Ofen, blies und drehte das Material zu einer immer größer werdenden Hohlkugel und schließlich zu einem zylinderförmigen "Glaswalzl". Im Streckofen wurde das Ganze dann geplättet, später sorgfältig geschliffen, dussiert (von Hand nachgeschliffen) und schlussendlich noch im Polierblock mit Filz endbehandelt. Der Fertigungsprozess am heißen Ofen in der eigentlichen Glashütte war also nur ein Teil der Herstellung.

Religiös waren die Gloserer sicher nur teilweise. Sie galten eher als "Kirchschwänzer". "Ein Blick zum Himmel, das reicht", soll die Schröpf-Mutter ihren Kindern gesagt haben. Es gab aber auch sehr fromme Familien, welche den sonntäglichen Weg in die Kirchen von Kohlberg oder Mantel regelmäßig unter die Sohlen nahmen. Auch befanden sich eine große Muttergottes und zwei Kruzifixe in der Glashütte. Vor Arbeitsbeginn knieten die Glasmacher davor und beteten.

Dazu gibt es die Überlieferung, dass eines Tages der Kohlberger Pfarrer zur Glashütte kam. Ein Glasmacher-Töchterchen schaute interessiert durch eines der Fenster auf das seltsame Treiben in der Hütte. Der Pfarrer gesellte sich dazu und sagte nach einer Weile: "Siehst Nani, diese Männer kommen einmal alle in den Himmel!" - "Warum?" - "Weil die ham's Fegefeuer schon auf dieser Welt!"

Burkhard von Grafenstein, ein Nachkomme der Röthenbacher Glashüttenbesitzer schreibt dazu: "Wenn die Glasmacher a Sitzweil' hatten, erzählten sie sich auch allerhand Geschichten. So auch die "Schnellerbatzensage" mit dem Pochermann, wie es einen auch in Röthenbach gab. Der Pochermann musste nach der Schmelze die Glasreste aus den Häfen entfernen. Diese Häfen wurden dann im Pocherwerk zertrümmert und die Tonscherben zermahlen. Dabei hatte er Tag und Nacht zu arbeiten, denn die Schmelzer warteten immer schon auf die neuen Häfen, welche zum Teil aus dem Altmaterial hergestellt wurden.

Spiel mit dem Teufel

Eines Abends kam der Teufel in die Pocherschupfe am Zufluss des Hainbachs in den Rablmühlweiher und wollte die Seele des armen Pochermanderls: "Das kann doch nicht so weitergehen. Die Glasmacher machen sich abends ein schönes Leben und du musst Tag und Nacht arbeiten. Komm doch mit mir, dann hast du es viel schöner wie hier!" Der Pochermann hatte sofort gemerkt, dass der Teufel es auf seine Seele abgesehen hatte und schlug ein Spiel vor: Jeder teilt dem anderen zehn Schnellerbatzen (=Fingerschnalzer) auf die Schläfe aus. Verträgt der Pochermann mehr als der Teufel - das Ganze kann recht schmerzhaft sein - hat er gewonnen und der Gang in die Hölle bleibt ihm erspart.

Der Teufel, immer für ein Spiel zu haben, willigte ein. Auch in die Vorgabe des Pochermanderls, dass jener, der die Schnellerbatzen empfängt, sich die Augen verbinden lassen müsse. Als er nun dem Teufel die Augenbinde umgelegt hatte, holte das Pochermanderl flugs seinen großen Hammer unterm Tisch hervor und schlug ihm den Teufel um die Ohren.

Jämmerlich schrie dieser auf, riss die Binde vom Kopf und blickte wirr um sich: "Mit welchem Finger hast du da g'schnalzt!", jaulte er. Und der Pochermann, der den Hammer rasch wieder versteckt hatte, antwortete scheinheilig: "Zum Anfang erstmal nur mit dem kleinen Finger." "Was?", rief der Teufel ungläubig: "Nein, ich habe keine Lust mehr, ich geb auf, behalt' deine Seel'!" Und verschwand. Der Text wurde mit freundlicher Genehmigung (in 2003) von Burkhard von Grafenstein aus seiner Facharbeit in Geschichte: "Die alte Spiegelglasindustrie in der Oberpfalz im 19. Jahrhundert bis 1928, dargestellt am Beispiel der Röthenbachhütte" entnommen.

Amberg am Rhein-Main-Donau-Kanal

Amberg

Historische Schmuckstücke in Eschenbach

Eschenbach
Auf der Postkarte um 1900 sieht man von der Glashütte nur den markanten Kamin, die Gebäude verstecken sich hinter den Bäumen. Rechts oben stehen die Arbeiterwohnungen, Hoch- und Langhaus genannt.

 

 

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