150 Jahre Landwirtschaftsgeschichte in Rothenstadt: Starke Familie, Starke Schule

Einer der ersten Schüler der vor genau 150 Jahren gegründeten Landwirtschaftsschule in Weiden war Johann Friedrich Stark. Das Leben seiner Familie ist eng verknüpft mit der Geschichte der Schule und der Landwirtschaft in Rothenstadt.

von Sonja Kaute Kontakt Profil

„Er war ein guter Schüler“, sagt Reinhold Witt, Leiter der Landwirtschaftsschule und des Landwirtschaftsamtes, mit Blick auf die Schülerliste des ersten Jahrgangs 1869/70. 23 Schüler sind darauf zu finden, darunter der damals 14-jährige Johann Friedrich Stark. Eine der Aufnahmebedingungen der Schule war ein guter Ruf. Heute, genau 150 Jahre später, setzt man ein Jahr Praxis und eine abgeschlossene Lehre als Landwirt voraus. Für den regelmäßigen Schulbesuch bekam Johann die Note „vorzüglich“, ebenso für sein Betragen. Fleiß und Fortgang wurden mit „sehr gut“ bewertet. Mehr Noten gab es nicht.

Starker Familienname

Nur drei Haupterwerbsbetriebe aus diesem Jahrgang gibt es laut Reinhold Witt heute noch, darunter der Hof Stark. Der Hof „Beim Peterbauern“ wurde zum ersten Mal im Jahr 1691 erwähnt. Das belegt eine Urkunde. Fünf Generationen führten den Hof vor Johann Friedrich. Laut dem Heimatbuch „Rothenstadt – Geschichte und Geschichten“ von Georg Kick ist der Familienname Stark bei Hofbesitzern sogar schon vor dem Dreißigjährigen Krieg mehrfach nachweisbar.

Johann Friedrich war allerdings das erste Familienmitglied, das eine schulische Bildung im Bereich Landwirtschaft genoss. Dabei übernahm die Winterschule (Unterricht war von November bis März) auch allgemeinbildende Aufgaben. Zu den Fächern zählten Natur- und Tierkunde, Obstbaumzucht, Wiesenbau, Drainieren, aber auch Rechnen, Deutsch, Geografie und Rechtskunde. Eine Schulpflicht gab es in Bayern erst seit 1862. Die Bildung der Bewohner Rothenstadts – hier lebten 1861 nur 470 Einwohner – war gering.

Neustadt an der Waldnaab

Landwirtschaftsschule als Tradition

Thomas Stark (31), Ururenkel von Johann Friedrich, leitet heute einen Milchviehbetrieb mit rund 100 schwarzbunten Kühen. Wie zuvor sein Urur- und Urgroßvater, sein Großvater Ernst Johann und seine Eltern Ernst Adolf und Resi besuchte er die Landwirtschaftsschule. An den heutigen Studienthemen – darunter Rhetorik, Marketing, Digitalisierung, Cash-Flow, tierische und pflanzliche Erzeugung, Tiergesundheit und Nachhaltigkeit – lässt sich ablesen, wie sich Landwirtschaft und Bildung entwickelt haben.

Ururgroßvater Johann Friedrich machte sich einen Namen als Rinderzüchter und bewirtschaftete die Flächen in Rothenstadt noch in den 20er Jahren mit Ochsen. Der Ertrag war gering, die körperliche Arbeit schwer. Eine Maul- und Klauenseuchen-Epidemie zwang ihn Mitte der Dreißiger Jahre zum Umstieg auf Pferde. Ende der 50er Jahre kam der erste motorisierte Schlepper. Mit neuen Erkenntnissen, der Mechanisierung und mehr Bildung veränderten sich die Ziele.

Mehr Fläche, Tiere, Verantwortung

Bauern waren nicht mehr nur Selbstversorger, sondern ernährten die Bevölkerung und führen heute effektive Betriebe. Im Jahr 1900 ernährte ein Bauer Reinhold Witt zufolge vier Personen, 1950 waren es zehn, 1962 knapp 20 und heute sind es etwa 150 Personen. „Wenn ich mir die alten Bilder anschaue, sehe ich harte körperliche Arbeit“, sagt Thomas Stark. „Das ist heute einfacher. Aber man hat mehr Fläche, mehr Tiere, mehr Verantwortung. Man ist aber auch abkömmlicher und kann in den Urlaub fahren.“ Während seiner Zeit an der Landwirtschaftsschule hat er den Familienbetrieb durchleuchtet und seine Entwicklung geplant. 2020 will er einen Melkroboter anschaffen.

Allerdings hatte auch Johann Friedrich seine Finanzen im Blick. Wohl auch wegen seines Besuchs auf der Landwirtschaftsschule wusste er um die Bedeutung der Buchführung. Er hielt alle Ein- und Ausgaben in fein säuberlicher Sütterlin-Handschrift in einem Kassa-Tagebuch fest. Das fast 130 Jahre alte Buch ist heute noch im Besitz der Familie. Georg Kick bezeichnet es als „wahre Fundgrube für alle Heimatforscher, die am ,Innenleben‘ eines Bauernhofes in der schwierigen Zeit der beginnenden Industrialisierung, dem Leben während des Ersten Weltkrieges und der Inflation bis zum Jahr 1925 interessiert sind“. Durch den Besuch der Winterschule und ständiger Weiterbildung sei Johann Friedrich „stets auf dem neuesten Stand einer fortschrittlichen Hofführung“ gewesen und habe sich „trotz seiner schweren Arbeit fortgebildet“.

Sein 2013 verstorbener Urenkel Ernst Adolf scheint seine Wissbegier geerbt zu haben. „Ich habe ihn kennengelernt als zukunftsorientiert und innovativ“, sagt Julia Stark (28) über ihren Schwiegervater. Er habe „den Maschinenring-Gedanken gelebt“ und als einer der ersten einen Selbstfahrer-Futtermischwagen gehabt, mit dem er drei Betriebe unterstützte, erzählt Reinhold Witt. Er sei nicht in der Arbeit versunken, sondern habe sich auch außerhalb stark engagiert, zum Beispiel bei der Feuerwehr. Thomas Stark erinnert sich an das Lebensmotto seines Vaters: „Nicht leben, um zu arbeiten, sondern arbeiten, um zu leben. Da schauen wir heute auch drauf.“

Archiv: Große Trauergemeinde nimmt Abschied vom Rothenstädter Landwirt Ernst Stark

Historische Fakten:

Bildung in der Landwirtschaft

  • Aufgrund von instabilen politischen Verhältnissen sowie wetter- und schädlingsbedingten Missernten traten in der Region bis ins 18. Jahrhundert Hungersnöte auf. Sie blieben aus, als die politische Lage sich stabilisierte und es neue naturwissenschaftliche und biologische Erkenntnisse gab.
  • Der 1810 in Bayern gegründete „Landwirtschaftliche Verein“ sollte den Bauern die neuen Erkenntnisse vermitteln. Er war der Ursprung der Landwirtschaftsberatung.
  • Ab 1850/60 zogen Wanderlehrer von Ort zu Ort. Landwirtschaftliche Inhalte wurden zunehmend in allgemeinbildenden Schulen gelehrt.
  • Am 4. November 1869 wird in Weiden die erste landwirtschaftliche Winterschule gegründet. 23 Schüler bilden den ersten Jahrgang.
  • Ab 1870 hatte die Weidener Schule ein eigenes Haus, zunächst im Vesten-Haus am Oberen Tor. 1873 zog sie in die Gewerbeschule (später Realschule) um.
  • 1897 wurde der Wanderlehrer Carl Ambros als Berater und Schulvorstand angestellt. Dies bedeutete die Zusammenführung von Beratung und Landwirtschaftsschule. 1908 kam der erste feste Mitarbeiter Michael Pirzer.
  • Die Schule zog wegen Platzmangels immer wieder um: 1900 ins Strobelanwesen, 1909 ins Kubitschekhaus (Bürgermeister-Prechtl-Straße), 1922 bis 1924 ins Feuerwehrhaus (Luitpoldstraße) und in den Rot-Kreuz-Saal (Jahnturnhalle, heute Versandgebäude Witt).
  • Im April 1912 startete die Hauswirtschaftsschule mit einem Kurs, an dem 17 Mädchen teilnahmen.
  • 1919 wurde das Landwirtschaftsministerium gegründet und es begann die Eigenständigkeit der Landwirtschaftsberatung. Die Schulen blieben beim Kultusministerium.
  • 1921 entstand in Weiden die erste Landwirtschaftsstelle als Vorläufer des Landwirtschaftsamtes.
  • 1926 zog die Schule in die Asylstraße. Das Gebäude wurde während des Zweiten Weltkrieges als Lazarett genutzt, daher fand der Unterricht in drei verschiedenen Gasthäusern statt. Erst 1946 kehrte die Schule in die Asylstraße zurück.
  • Wegen der weiten Anreisewege der Schüler wurde 1948 ein Internat eingerichtet.
  • 1960 entschied der Kreistag einen Neubau am Standort Weiden. Die Grundsteinlegung erfolgte 1962. Seit 1964 ist die Landwirtschaftsschule in der Beethovenstraße zu finden.

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