20.08.2019 - 16:06 Uhr
Oberpfalz

Ein Säckchen mit Erde aus Israel

Auch zum jüdischen Glauben gehört der Gedanke an die Auferstehung. Nach 24 Stunden müssen die Verstorbenen der Erde übergeben werden. Die Rituale sind auch in der Oberpfalz gepflegt worden.

Juden und Christen begleiten im Trauerzug einen Verstorbenen zum Friedhof (Quelle: „Siehe der Stein schreit aus der Mauer“, Ausstellungskatalog, Nürnberg, 1988).

Über Judenfriedhöfe in der Oberpfalz schrieb der Kreisheimatpfleger Amberg-Sulzbach, Dieter Dörner, bereits in früheren OWZ-Ausgaben. Dazu gehören auch jüdische Toten-Rituale, die in der Oberpfalz ebenso gepflegt wurden.

Im Judentum gibt es mindestens so viele Ausrichtungen und Interpretationen vieler Bräuche wie im Christentum. Die Sepharden, die von der spanischen Kultur geformten Juden, unterschieden sich von den Aschkenasen, die einst aus dem Osten kommenden Juden, in religiösen Bräuchen, in der Sprache, der Kleidung, den Speisen und vielen weiteren Dingen. Juden aus Schwarzafrika unterschieden sich ebenso von jenen aus dem semitischen Sprachraum (zu dem übrigens auch die Araber gehören). Um es nicht zu komplizieren: In diesem Beitrag geht es um die Juden des süddeutschen Sprachraums, von den aschkenasischen, ihrer Religion verpflichteten und nach ihren Bräuchen lebenden.

Gestorben wurde, wie auch bei Christen, meist zu Hause. Noch stärker als im christlichen Glauben gehört zum jüdischen der Gedanke an die Auferstehung. Naht der Tod, soll der Sterbende sich in Gebeten darauf vorbereiten, seine Sünden bekennen, seine Kinder segnen. Die Familie und Freunde sprachen mit dem Sterbenden das letzte Gebet, das Glaubensbekenntnis ("Sch'ma Jisrael - Höre Israel").

Totenkleid aus Leinen

Eine vor den Mund gehaltene Feder diente der Prüfung, ob die Atmung tatsächlich ausgesetzt hat. Dem Verstorbenen wurden die Augen geschlossen, das Gesicht mit einem Tuch zugedeckt, eine Kerze angezündet, der Leichnam mit den Füßen zur Tür, durch die er den Raum verlassen wird, gelegt. Durch die geöffneten Fenster konnte die Seele den Raum verlassen. Die Begräbnisbruderschaft ("Schewra Kadischa") oder -schwesternschaft wusch den Leichnam, wobei dieser nie vollkommen nackt sein durfte. Der nun in ein Totenkleid aus Leinen oder Baumwolle gehüllte männliche Leichnam bekam den Gebetsschal ("Tallin") angelegt, von dem man zuvor die Schaufäden ("Zizit"), die ihn an seine Pflichten im Leben erinnerten, abschnitt.

Reichere Gemeinden erbauten auf dem Friedhof Tahara-Häuser, in denen man die Leichenwäsche und das Ankleiden vornahm. In der Oberpfalz hatte lediglich die Gemeinde Regensburg ein im 19. Jahrhundert erbautes. Ein Mitte des 18. Jahrhunderts in Sulzbach geplantes kam nicht zur Ausführung.

Nach jüdischem Glauben muss der Leichnam innerhalb 24 Stunden nach dem Ableben der Erde übergeben werden. Lediglich am Sabbat und an Feiertagen fanden keine Beerdigungen statt. Spätestens mit der Scheintod-Hysterie vor rund 200 Jahren und der damit vorgeschriebenen Aufbahrungszeit von drei Tagen kam aus hygienischen Gründen die Sargpflicht. Der für den Toten bestimmte Sarg bestand (und besteht) aus einfachem Holz ohne jeglichen Zierrat. Schließlich soll der Verstorbene möglichst schnell wieder zu "Staub" werden. Symbolisch gab man dem Toten ein Säckchen mit Erde aus Israel in den Sarg mit.

An der Synagoge vorbei führte der oft beschwerliche Weg zum Friedhof, dem "Haus der Ewigkeit". Es war der Leichenweg, für dessen Benutzung Entgelt zu entrichten war. Bei der sehr unterschiedlichen Judenpolitik in den Herrschaftsgebieten Frankens und Schwabens konnten die Juden im Gegensatz zu Altbayern Grund für die Anlage des Leichenwegs erwerben und so Zahlungen umgehen. In Sulzbach errichtete 1883 die Maxhütte eine Drahtseilbahn von den Gruben in Großenfalz zum Hochofen. Diese führte über den Sulzbacher Judenfriedhof. Als "Entschädigung" befestigte die Maxhütte den Weg von der Stadt zum Friedhof und hielt diesen auch instand.

Totengebet "Kaddisch"

Die Trauergemeinde, auch christliche Nachbarn und Freunde, männliche mit einer Kopfbedeckung als Zeichen der Ehrfurcht vor Gott, folgten dem oft beschwerlichen Leichenzug. Die Friedhöfe lagen meist weit außerhalb der Orte. Außerhalb Altbayerns waren es häufig Gemeinschaftsfriedhöfe, also von mehreren Gemeinden genutzte.

Am Grab hielten der Rabbiner oder Religionslehrer und dem Verstorbenen nahe stehende Personen Reden auf den Verstorbenen und sprachen das "Kaddisch", das Totengebet, eine Lobpreisung auf Gott. Spätestens jetzt haben die nächsten Angehörigen ein Kleidungsstück, bei Männern meist das Revers der Jacke, zum Herzen hin eingerissen ("Krjia"), ein Zeichen der Trauer.

Nun schaufelten die Angehörigen und Freunde das Grab zu, begleitet mit den Worten "Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden". Um das "Unreine" nicht weiter zu reichen, durfte die Schaufel nicht von Hand zu Hand gegeben werden. Ebenso unüblich war es, sich zum Gruße auf dem Friedhof die Hand zu reichen. Beim Verlassen des Grabes warfen die Trauernden Erde oder Gras hinter sich. Dies sollte daran erinnern, dass der Mensch aus Staub ist. Auf das Grab gelegte Steinchen bedeuteten: "Du bist nicht vergessen, wir erinnern uns an Dich." Schließlich wusch man sich die Hände des kultisch unreinen Friedhofs wegen, ohne diese abzutrocknen. So war man gezwungen, sich noch einige Zeit gedanklich mit dem Verstorbenen zu befassen.

Abgedeckte Spiegel

Die Trauerzeit dauerte ein Jahr. Die ersten sieben Tage trauerten die nächsten Angehörigen gemeinsam durch Sitzen auf niedrigen Stühlen ("Schiwa-Sitzen"). Abgedeckte Spiegel und Bilder verhinderten eine Ablenkung während der Trauer. Man verzichtete auf Vergnügen, ging nicht zur Arbeit und ließ den Haushalt von Freunden versorgen. Bis zum 30. Tag nach der Beerdigung rasierten sich die Männer nicht, schnitten sich nicht die Haare, Frauen schminkten sich nicht. Verstarben die Eltern, trauerte man ein Jahr lang, verzichtete auf Feierlichkeiten, besuchte nun erstmals das Grab, sprach das "Kaddisch", zündete eine Kerze an und setzte den Grabstein.

So war es über Jahrhunderte. Vieles, wie beispielsweise das Sterben zu Hause, die Lage des Friedhofs weit außerhalb der Städte, die Rituale während des Trauerjahres, ist heute nicht mehr oder nur noch eingeschränkt praktizierbar. Vieles wird der Zeit angepasst: Die Wäsche und Einkleidung erfolgen immer noch durch die Bruder- und Schwesternschaften, jetzt jedoch meist beim Bestattungsunternehmer. Der einfache Holzsarg blieb, wie auch weitgehend die Rituale bei der Beerdigung.

Ein Lager mit Holzsärgen im „Tahara“-Haus eines großstädtischen Judenfriedhofs.
Das Eingangstor zum jüdischen Friedhof in Sulzbürg (Landkreis Neumarkt in der Oberpfalz) (Quelle: www.alemannia-judaica.de).

Jüdische Friedhöfe in der Oberpfalz - Teil 1:

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Jüdische Friedhöfe in der Oberpfalz - Teil 2:

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