25.05.2020 - 09:55 Uhr
Oberpfalz

Schatz, wir müssen reden

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Beziehungen sind nicht immer leicht. Krisen, Dating-Apps und Partner, die sich nicht festlegen. Bestseller-Autorin Stefanie Stahl erklärt, warum Partnerschaften oft schwierig sind - und warum es wichtig ist, zu uns selbst zu finden.

Bestseller-Autorin und Psychologin Stefanie Stahl berät zu häufigen Beziehungsproblemen.
von Laura Schertl Kontakt Profil

Lena liebt Paul. Die beiden sind seit einem Jahr zusammen. Aber Paul wirkt oft distanziert, er ist dauernd unterwegs, mit Freunden, bei Hobbys oder im Fitnessstudio. Er sagt, er bräuchte eben seine Freiräume. Spricht Lena vom Zusammenziehen oder Heiraten, bleibt er vage, wird manchmal sogar unfreundlich. Er geht wenig auf sie ein. Lena fragt sich oft, ob sie etwas falsch macht. Sie hat große Angst, Paul zu verlieren. Ihr Selbstbewusstsein leidet stark unter seinem Verhalten. Manchmal fühlt Lena sich ganz klein und wertlos.

So wie Lena und Paul geht es Vielen. Ob Single, vergeben oder verheiratet, ob Mann oder Frau ist dabei ganz egal. Dem einen schnürt es beim bloßen Gedanken an Verbindlichkeit die Luft ab, den anderen jagt allein der Gedanke an eine Trennung fürchterliche Angst ein. Eins haben sie aber gemeinsam: Beiden fehlt es an der nötigen Balance, die sie zu einem ausgeglichenen Partner für Beziehungen macht. „Zur Beziehungsfähigkeit gehört, dass man eine Balance aus Bindung und Autonomie halten kann. Die meisten Probleme sind auf ein mangelndes Gleichgewicht zwischen den beiden Polen zurückzuführen. Entweder sind die Menschen überangepasst oder zu autonom. Für eine glückliche Beziehung muss man aber beides können“, erklärt Stefanie Stahl.

In einer Zeit, in der eine ganze Generation als beziehungsunfähig bezeichnet wird, trifft die 57-jährige Psychologin und gebürtige Hamburgerin mit ihrem Bestseller „Jeder ist beziehungsfähig“ einen Nerv. Vielleicht gerade deshalb, weil sie der scheinbar negativen Entwicklung der Beziehungswelt eine positive These entgegenstellt. Auch wenn natürlich nicht ausnahmslos jeder beziehungsfähig ist. „Manche weisen so starke psychische Störungen auf, dass sie zu einer Liebesbeziehung nicht fähig sind. Aber ein Großteil der Menschen ist beziehungsfähig und könnte viel glücklicher sein, wenn sie sich mit sich selbst beschäftigen würden“, erzählt Stefanie Stahl. Dazu gehört vor allem die Auseinandersetzung mit der eigenen Kindheit. „Ganz viel entsteht im Elternhaus. Wenn wir geboren werden, ist das Gehirn nur zu 25% ausgebildet, der Rest wird dann noch programmiert, sozusagen. Die ersten sechs Lebensjahre sind dafür entscheidend. Werden Kinder also vernachlässigt oder fühlen sich nicht geliebt hat das riesige Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl. Und daraus resultiert dann eine Störung in der Balance.“

Lenas Eltern waren selbstständig und viel mit der Arbeit beschäftigt. Auch zu Hause konnten sie schlecht abschalten. Lena war deshalb oft allein und beschäftigte sich mit sich selbst. Sie wünschte sich oft, ihre Eltern würden mehr Zeit mit ihr verbringen, sie hat sie oft vermisst. Pauls Eltern hingegen haben sich früh scheiden lassen, seine Mutter fand aus dem Schmerz um die verlorene Beziehung nie ganz heraus. Er hatte deshalb oft das Gefühl, sich ganz besonders um seine Mutter kümmern zu müssen. Freunde und Hobbys blieben oft auf der Strecke. Als Erwachsener fühlt Paul sich in Beziehungen schnell erdrückt und angebunden. Als Folge ist Paul besonders bemüht, seine Freiheit und Autonomie zu erhalten. Sein Verhalten löst in Lena aber ein altes Gefühl hervor: Das Gefühl des Alleinseins. Sie fühlt sich ohnmächtig und einsam. Ein typisches Verhaltensmuster, wenn das Gleichgewicht von Autonomie und Balance aus den Fugen geraten ist: „Die einen werden entweder sehr autonom um möglichst unabhängig zu sein, gehen gar keine näheren Beziehungen ein oder machen währenddessen immer ihr eigenes Ding. Die anderen fangen an zu klammern und suchen extrem viel Bindung“, erklärt Stefanie Stahl.

Für eine mangelnde Balance muss die Kindheit nicht zwangsläufig schrecklich gewesen sein. „Auch kleine Dinge können zu einem angeknacksten Selbstwertgefühl führen.“ Bei Lena ist genau das der Fall. Sie ist extrem harmoniebedürftig und bereit, alle ihre Bedürfnissen hintenan zu stellen, nur damit es in der Beziehung mit Paul augenscheinlich funktioniert. Sie möchte alles richtig machen. Umso schwerer fällt es Lena, sich abzugrenzen, genau zu sagen, was sie möchte und ihr eigenes Ding zu machen. Alleine zu sein, das macht ihr geradezu Angst. Ihre Balance ist zugunsten der Bindung gestört. In Paul hat sie augenscheinlich genau das gefunden, was ihr selbst fehlt. Er ist autonom, selbstständig und ungebunden. Doch Paul hat das Gefühl, nur alleine wirklich frei zu sein. Er denkt, er könne sich nur auf sich selbst verlassen.

Paul findet in Lena wiederum das, was ihm fehlt. Lena kann sich gut binden. Denn auch Paul hat eigentlich ein tiefes Bedürfnis nach Bindung und einer Beziehung. Beide haben ein Problem mit ihrer Balance, an dem sie arbeiten müssten. „Man muss sich seiner Muster bewusst werden. Kindheitsprägungen sind wie eine Brille, durch die wir die Welt sehen. Die führt zu einer Wahrnehmungsverzerrung und lässt uns anders Denken und Fühlen“, erklärt Stefanie Stahl. Bei Lena führt diese Brille beispielsweise dazu, dass sie denkt, nur mit Paul glücklich werden zu können. Paul hingegen fühlt sich auch bei banalen Forderungen seiner Freundin sofort eingeengt. „Oft haben Beziehungsphobiker ein gestörtes Verhältnis, eine regelrechte Allergie zu Erwartungen. Sie legen sich nicht gerne fest. Wenn ein Partner am Dienstag zum Beispiel das Wochenende planen will, reagieren sie bockig und möchten sich nicht festlegen.“

Sowohl Lena als auch Paul haben ein bestimmtes Beuteschema, nach dem sie ihren Partner ausgesucht haben. Ihr inneres Kind sucht unbewusst nach einem Partner, der die Verletzungen aus der Kindheit kompensiert und heilt. Dabei kommt aber selten eine funktionierende Beziehung heraus. Ohne, dass Lena sich ihrer Muster bewusst wird, verliebt sie sich immer eher in Männer, die ein ähnliches Programm wie Paul an den Tag legen. In so einem Fall kann das Gefühl der Verliebtheit auch Zeichen sein, das Objekt der Begierde mit Vorsicht zu betrachten, weiß Stefanie Stahl: „Das Verliebtheitsgefühl ist von der Natur vorgesehen, dass man sich bindet. Wenn ich jetzt aber merke, immer wenn ich verliebt bin, gerate ich an den Falschen, sollte ich mein Gefühl der Verliebtheit vielleicht eher als Warnsignal sehen und anderen Menschen, die gut zu mir passen würden, auch einen zweiten und dritten Blick schenken. Den Verstand einfach nicht ganz ausschalten.“

Das viel angepriesene Bauchgefühl ist außerdem nicht immer ein guter Berater. „Man kann sich nicht immer auf sein Bauchgefühl verlassen. Ein Rassist hat ein schlechtes Bauchgefühl bei einem Afrikaner. Sein Bauchgefühl kann man gut überprüfen, wenn man kurz in den Verstand wechselt und sich fragt, ist das gerade realistisch, was ich fühle. Ich zum Beispiel habe ein schlechtes Bauchgefühl, wenn ich im Flugzeug sitze, das macht aber im Verstand auch keinen Sinn.“Die Aufgeschlossenheit, sich mit psychologischen Themen auseinanderzusetzen, ist größer geworden. Nicht umsonst sind viele von Stefanie Stahls Büchern Bestseller. Die Menschen wollen nicht mehr in unglücklichen Beziehungen verharren, sie wollen an sich arbeiten, mit sich selbst im Reinen sein.

Dass Paare früher noch an ihren Problemen gearbeitet hätten, heute aber zu schnell aufgeben, sei ein Trugschluss, erklärt die Psychologin: „Früher sind Menschen mit Beziehungsproblemen in Ehen verschwunden. Viele Menschen sind zusammengeblieben, aber hätten sie sich mal lieber getrennt. Heute können Menschen, die Schwierigkeiten in Beziehungen haben, gut dazu stehen. Die Freiheitsgrade sind höher, Frauen unabhängiger. Sie bleiben nicht mehr in reinen Versorger-Ehen, weil sie finanziell nicht mehr abhängig sind. Außerdem ist eine Scheidung schon lange keine Schande mehr. Früher war der Zwangsdruck höher, Frauen weniger emanzipiert. Da hat man sich einfach nicht getrennt.“

Ein großes Problem, gerade wenn Kinder im Spiel sind. „Eine unglückliche Ehe dient auch den Kindern nicht. Wenn Eltern sich scheiden lassen und das ordentlich über die Bühne bringen lernen die Kinder, das Krisen lösbar sind. Wenn Eltern sich aber nicht scheiden lassen und beispielsweise nur streiten führt das bei den Kindern zur Resignation.“ Damit schließt sich der Kreis: Kinder aus solchen Ehen entwickeln selbst Muster, die ihnen ihr späteres Beziehungsleben erschweren. Ein weiterer Mythos: Online-Dating schadet unserem Beziehungsleben. „Im Gegenteil“, erklärt Stefanie Stahl. „Online-Dating ist ein Segen: Die Forschung zeigt, dass Paare, die sich online kennen gelernt haben, glücklicher sind. Denn im Netz sind die meisten sehr ehrlich, weil sie nichts zu verlieren haben. Außerdem steht Information zu dem Menschen im Profil. Da ist viel mehr Verstand dabei, als wenn man sich im echten Leben kennenlernt.“

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