12.05.2021 - 09:59 Uhr
SchmidmühlenOberpfalz

Erasmus Grasser, ein Meister aus Schmidmühlen

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Erasmus Grasser zieht im 15. Jahrhundert aus Schmidmühlen hinaus in die Welt - und wird so berühmt, dass Gebäude, Straßen und Preise nach ihm benannt werden. Bekannt ist er vor allem für seine ungewöhnlichen Moriskentänzer.

Originalkopien der Morisken-Figuren mit Löwenkopf-besetzter Mütze (von links), mit Band-durchzogener Kappe und des Bauern im Rathaus Schmidmühlen.

Geboren zwischen 1445 und 1450 in Schmidmühlen, wissen wir über die Abstammung von Erasmus Grasser, seine Kindheit, seine Jugend und Lehrjahre kaum etwas. Nur in Rieden existiert ein Grabstein aus dem Jahr 1505 für die verstorbene "Barbara Hanauerin, Gattin des Hans Grassers zu Schmidmühlen". Es könnte sich um die Mutter des Erasmus handeln.

Um 1473 erscheint er - nach den Wanderjahren, die ihn vermutlich nach Eichstätt, Nördlingen, Ulm und Straßburg führten - als Geselle in München. Dort bewirbt er sich gegen den Widerstand alteingesessener Meister, wohl recht selbstbewusst, um Aufnahme in die St.-Lukas-Zunft, die Zunft der Maler, Schnitzer und Buchdrucker. Er überzeugte offensichtlich den Rat der Stadt und brachte demnach außer seiner beruflichen Qualifikation auch die Voraussetzungen für die Tätigkeit als Meister mit.

Zunftvorsteher in München

Ansässig in München, heiratete er 1477 Dorothea Kaltenbrunner. Vermutlich hatten beide einen Sohn Hans, benannt nach dem Vater des Künstlers. Und der ursprünglich als "unfridlicher, verworner und arcklistiger knecht" Charakterisierte wurde nun wiederholt zum Zunftvorsteher gewählt.

Sein "Einstieg" mit elf Wappenschildern, Mond und Sonne überzeugte den Rat offensichtlich und er erhielt den Auftrag, 16 Figuren - zwischen 60 und 80 Zentimeter groß - zur Ausschmückung des Tanz- und Festsaales im Münchener Rathaus zu schnitzen.

1480 lieferte Erasmus Grasser die Moriskentänzer (von den Christen zwangskonvertierte Mauren, daher auch "Mauriskentänzer") ab. Die Figuren zeichnen sich durch ungewöhnliche Bewegungsabläufe, eigenartige Beinstellungen, fremdartige Kostüme und Kopfbedeckungen und teilweise dunkle Hautfarbe aus. Erst in der Neuzeit erhielten die Figuren Fantasienamen wie "Figur mit Löwenkopf-besetzter Mütze", "Figur mit kleinem Turban", "Hochzeiter" (auch "Jüngling").

Tanz der Gaukler

Der Ursprung des Moriskentanzes ist umstritten. Vermutet wird, dass es sich um eine Mischform muslimischer und - in Spanien praktizierter - christlicher Tänze handelt. Nachgewiesen ist der als "Teufelswerk" vor allem von Komödianten, Akrobaten, Gauklern, Narren aufgeführte Tanz auf deutschem Boden in der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts in Nürnberg und Frankfurt. Es handelt sich um einen Tanz um eine weibliche Person als Symbol der Verführung. Die Tänzer werben um sie, der mit den außergewöhnlichsten Figuren geht als Sieger hervor. Ursprünglich auch in deutschen Städten in der Faschingszeit aufgeführt, erinnert die Aufführung des Tanzes heute vor allem beim Oktoberfest in München, aber auch bei Festen in Schmidmühlen an einstiges Geschehen.

Doch mit den Moriskentänzern war es nicht getan. Den barocken Altar in der Peterskirche in München ziert die von Grasser geschaffene spätgotische Petrus-Figur. Die hölzerne Skulpturengruppe "Der von Engeln getragene Schmerzensmann" konnte vor fünf Jahren das Diözesanmuseum Freising in New York für etwa 95 000 Euro ersteigern. In Reichersdorf (bei Weyarn) befindet sich der Achatius-Flügelaltar mit Figuren des von Engeln umgebenen, thronenden Heiligen und mit Tafelbildern der Achatiuslegende. Grasser schuf den Heilig-Kreuz-Altar in der Marienkirche in Ramersdorf und in der Klosterkirche Mariä Geburt in Rottenbuch das Marienbild.

Maler und Baumeister

Doch Erasmus Grasser zeichnete sich nicht nur als Maler aus. Er schuf auch das nicht mehr existente Chorgestühl der Frauenkirche in München mit Darstellungen von Aposteln und Heiligen. Er fungierte als Baumeister bei der Klosteranlage Mariaberg in Roschach am Bodensee und er zeichnete die Pläne für die Erweiterung der Pfarrkirche Maria Himmelfahrt in Schwaz (Tirol). Er war Sachverständiger für Wasserbau und erhielt 1507 von Herzog Albrecht IV. den Auftrag zur Sanierung der Saline in Reichenhall. Im Palais Dorotheum in Wien wurde 2019 die Bildschnitzerarbeit des Hl. Sebastian für 15 000 Euro ersteigert. Aufgrund der "tänzelnden Beinstellung" weisen Kunsthistoriker die 90 Zentimeter große Figur Erasmus Grasser zu.

Zeitgleich mit dem Bildhauer Erasmus Grasser wirkte der vermutlich in Krakau geborene Kunstmaler Jan Polak. Befreundet und geistesverwandt gestalteten sie gemeinsam sakrale Kunstwerke wie in St. Maria in Ramersdorf, in St. Sixtus in Schliersee oder in St. Peter in München.

Doch inspirierte Erasmus Grasser auch seinen Freund bei der Arbeit, so zum Beispiel beim St.-Helenen-Altar in der Nepomukkapelle in der Basilika St. Martin in Amberg. Dargestellt wird in diesem wertvollsten Altar der Kirche die Hl. Helena im Prunkgewand, wie sie ihren beiden Gefährten befiehlt, das versteckte Kreuz auszugraben. Der Grabende links im Bild mit maurischem Kopfschmuck, der rechts mit der eigenartigen an die Werke von Erasmus Grasser erinnernden Beinstellung.

Das Altarbild stammt nicht aus der ursprünglichen Ausstattung der Kirche, es wäre anlässlich der Bilderstürme zerstört worden. Im Zuge der neugotischen Innenausrichtung der Kirche erwarb Dekan Helmberger das Bild vom Grafen von der Mühle-Eckart auf Leonberg (Stadt Maxhütte-Haidhof).

Im Stadtmuseum München

Zurück zu den Moriskentänzern und zu Erasmus Grasser: Die Moriskentänzer zierten fast 450 Jahre den Rathaussaal, wurden 1928 abgenommen, durch Kopien ersetzt und die Originale im Bayerischen Nationalmuseum restauriert. Zehn von ihnen bekam das Stadtmuseum in München. Klaus Altenbuchner, in Schmidmühlen geborener Kunsthistoriker, bezeichnet sie als "kostbarsten Schatz im Stadtmuseum". Weshalb nur zehn und nicht 16, könnte man fragen. Tatsächlich weiß man heute nicht, ob es sich bei der Zahl 16 um einen Schreibfehler handelt oder ob sechs Figuren verloren gingen.

Erasmus Grasser war einer der wohlhabendsten Bürger Münchens. Er besaß ein Haus in der vorderen Schwabinger Gasse (das heutige Zechbauer-Haus/Ecke Residenzstraße). Ab 1508 stiftete er alljährlich zehn Gulden, damit "eine arme und sittsame Jungfrau verheiratet werden könne". Das Grab des 1518 Verstorbenen befindet sich auf dem Salvator-Friedhof in München.

In seinem Geburtsort erinnert die Erasmus-Grasser-Volksschule, in München das Erasmus-Grasser-Gymnasium an ihn. Ebenfalls in Schmidmühlen und in Amberg sind Straßen nach ihm benannt. Seit 1993 verleiht die Stadt München an Handwerksbetriebe und Handwerker, die sich vorbildlich der Ausbildung Jugendlicher widmen, den Erasmus-Grasser Preis. Darüber hinaus gibt es mindestens zwei Dissertationen zur Person des Erasmus Grasser beziehungsweise zu seinen Arbeiten. (ddö)

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