02.06.2021 - 14:14 Uhr
SchmidmühlenOberpfalz

Geheimnis des Fabrikanten und Exzentrikers Georg Felsner aus Schmidmühlen gelöst: Der Lack war's

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In der historischen Forschung ist es wie in der Detektivarbeit. Oft sind es Zufälle, die kleine geschichtliche Puzzlestücke hervorbringen und in der Heimatkunde weiterhelfen. In diesem Fall gibt es Verbindungen nach Amberg.

Der Schnupftabakdosen-Fabrikant Georg Felsner baute einst in Schmidmühlen das Zieglerschloss – und überlebte einen Mordanschlag. Er verlegte seine Fabrik nach Amberg.
von Autor POPProfil

So geschehen vor einigen Monaten bei einem zufälligen Klick auf eine Dissertation von der 2014 verstorbenen Historikerin Anna Schiener M. A. mit dem Titel "Die städtische Sparkasse Amberg im 19. Jahrhundert" (2005). In ihrer Arbeit erwähnt die Wissenschaftlerin in einem kurzen Abschnitt Georg Felsner aus Schmidmühlen. In wenigen Zeilen zeigt sie darin auf, welches "Geheimrezept" der rührige Fabrikant und Geschäftsmann Felsner von seinen Wanderjahren aus Frankreich mitbrachte.

Über dieses "Geheimrezept" – es kostete Georg Felsner fast das Leben – rätselte man in Schmidmühlen lange. Eben bis zu diesem Zufallsklick. Weitere Recherchen von Heimatpfleger Josef Popp und Klaus Altenbuchner (München) mit Unterstützung des Archivs der Stadt Amberg, von Christine Widder und Kreisheimatpfleger Dieter Dörner vervollständigten den historischen Gesamtkontext.

Der idyllische Marktflecken Schmidmühlen kann sich rühmen, drei Schlösser in seinem Ortszentrum zu haben. Eines davon, das Zieglerschloss, wurde 1757 nach dem Vorbild eines französischen Landschlösschens erbaut.

Dieses Zieglerschloss war – und damit unterscheidet es sich von allen anderen Schlössern in der Gemeinde Schmidmühlen – kein Adelssitz. Erbaut wurde es von Johann Georg Felsner, der am 17. Dezember 1727 als viertes von sechs Kindern geboren wurde. Zu dieser Zeit war Schmidmühlen ein blühender Ort. So hatte der Markt eine eigene Ziegelei, die sich im Bereich des heutigen Zieglerschlosses befand. Mit diesem Anwesen untrennbar verbunden ist sein Erbauer Johann Georg Felsner. Mit seinem Lebenswandel und dem Bau des Zieglerschlosses schrieb er Zeitgeschichte.

Die Familie Felsner stammte aus Kastl, von wo der Ziegler Johann Felsner im Jahr 1668 nach Schmidmühlen umsiedelte. Der Grund hierfür war seine Verheiratung mit der Schmidmühlener Bierbrauerstochter Anna Johann Kolb. Johann Felsner starb 1718. Sein Sohn Balthasar, als viertes von acht Kindern 1697 geboren, vermählte sich mit der Bürgerstochter Elisabeth Riedhammer. Dieser Ehe entspross Johann Georg, der spätere Erbauer des Schlosses. Taufpate war der Papiermacher Georg Mittelstraßer von der Vischbach'schen Papiermühle.

Im Alter von 16 Jahren verließ Felsner sein heimatliches Schmidmühlen, durchwanderte halb Europa, vor allem aber Frankreich. Dort erlernte er die Kunst der Schnupftabakdosen-Fertigung. Diese Behältnisse waren seinerzeit ein für jedermann unentbehrliches Gerät. 1757 kehrte er knapp 30-jährig nach Schmidmühlen zurück, den Kopf voller Pläne und Ideen. Felsner begann mit der Schnupftabakdosen-Fabrikation.

Im gleichen Jahr begann Felsner aber auch mit dem Bau des Zieglerschlosses, in dem aber nie Tabakdosen hergestellt wurden. Die Fabrik stand im Brunnlett. Anfangs beschäftigte Felsner hier rund 50 Arbeiter, später etwa 20. Diese große Zahl zeigt, wie bedeutend dieser Handwerksbetrieb damals war. Der Herstellung der Felsnerschen Tabakdosen lag eine geheim gehaltene Methode zugrunde, die er aus Frankreich mitgebracht hatte. Hergestellt wurden die Schnupftabakdosen aus Papier, das die Papiermühle lieferte.

Doch was war das Besondere? Anna Schiener löst in ihrer Dissertation das Geheimnis auf: "Die von Rapp erwähnte Lederfabrik gehörte dem Lederer Franz Josef Fleischmann, der sie um die Zeit seiner Einbürgerung im Jahre 1786 gegründet haben könnte. Über deren Betrieb ist nichts bekannt. Als der Schmidmühlener Bürger Felsner, der 1794 eine Dosenfabrik in Amberg eingerichtet hatte, in finanzielle Schwierigkeiten geriet, übernahm Fleischmann das Unternehmen. Er fabrizierte mit 6 bis 10 Personen Dosen mit französischem Lack zum Preis von 2 fl. bis 2 fl. 45 kr. Die Dosen wurden aus Papier gefertigt, bemalt und mit Lack überzogen. Jährlich wurden circa 24 000 Stück abgesetzt. Wahrscheinlich beendete Fleischmann die Lederfabrikation, als sich der Aufschwung der Dosenfabrik abzeichnete. Letztere lief mindestens bis 1808, denn Destouches gab an, daß die ,Fabrike in Amberg mit vielem Glücke fortgesetzt' werde. Kurze Zeit später ging sie trotz des Erfolgs ein."

Das Besondere war also ein französischer Lack, der, wie verschiedene Recherchen ergaben, zu dieser Zeit qualitativ äußerst hochwertig und in ganz Europa gefragt war. Dieser "französische Lack" war so begehrt, dass sich selbst Fürsten gegenseitig die Lackhandwerker abwarben. Mit dem französischen Speziallack wurden vor allem auch Kutschen überzogen. Sogar der "alte Fritz" war daran interessiert.

Das Rezept für den französischen Lack brachte Felsner mit nach Schmidmühlen und entwickelte die Rezeptur weiter. Dank seiner Tüchtigkeit und Vielseitigkeit entwickelte sich die Schmidmühlener Produktion zu einer beachtlichen Konkurrenz für seine französischen Lehrmeister. Das veranlasste einen von diesen, Felsner eine Kiste zukommen zu lassen. Nichts Gutes ahnend ließ der die Sendung durch einen Schlosser am Boden öffnen. Und das war gut so, denn die Kiste enthielt mehrere geladene Pistolen, die sich beim Öffnen des Deckels entladen hätten.

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Hintergrund:

Johann Georg Felsner

Das Leben, Wohnen und Schaffen von Johann Georg Felsner in Schmidmühlen war geprägt von einer tiefen Feindschaft zwischen ihm und dem Markt. Davon zeugen Prozesse gegen ihn, seinen Bau und sein Unternehmen. Bereits 1796 sprach ein Landgerichtsurteil das Verbot aus, die Schwindgruben seines Neubaus zu benutzen, so dass dieser unbewohnbar wurde. Fortan wohnte er im Brunnlett (Haus-Nummer 88). Johann Georg Felsner heiratete zweimal. Von seinem einst ansehnlichen Vermögen blieb nichts übrig.

Das Zieglerschloss mit Ziegelhütte und Ziegelofen erwarb Felsners Schwager Leonhard Hofmann. Die Mittel dazu dürfte Felsners Besitznachfolger wohl dadurch gewonnen haben, dass er das Betriebsgeheimnis um den französischen Lack 1794 an den Lederfabrikanten Fleischmann aus Amberg verkaufte. Mit diesem Verkauf endeten auch die Ära der Familie Felsner und die der Gewinn bringenden Schnupftabakdosen-Fabrikation in Schmidmühlen.

Das Zieglerschloss in den 1920er-/30er-Jahren.
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