23.10.2020 - 15:33 Uhr
SchmidmühlenOberpfalz

Naturpark Hirschwald: Die große Suche nach dem heimischen Flusskrebs

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Amerikanische Signalkrebse sind in Vils und Lauterach eine invasive Art: Sie wurden eingeschleppt. Hier sollten eigentlich Oberpfälzer Flusskrebse leben. Doch die haben die Experten im Naturpark Hirschwald noch nicht gefunden.

Ein amerikanischer Signalkrebs: Er ist laut Naturpark-Ranger Christian Rudolf sehr gut zu erkennen an den weißen Flecken an seinen Scheren.
von Heike Unger Kontakt Profil

Der heimische Steinkrebs hat sich noch nicht blicken lassen. Seit Juni läuft das Krebs-Monitoring-Projekt, für das sich der Naturpark Hirschwald und alle Fischereivereine in seinem Bereich zusammengetan haben – die Vereine aus Amberg, Rieden, Schmidmühlen und die Lauterach-Genossenschaft mit sehr vielen privaten Fischereirechtsbesitzern. Die Fäden laufen bei Naturpark-Ranger Christian Rudolf zusammen. Er gibt bei einem Ausflug an die Vils in Schmidmühlen Einblicke ins Projekt und berichtet von ersten Erkenntnissen.

Mehr als nur Bestandsaufnahme

Die erste große Überraschung ist die Zahl 80.000: So viele invasive Signalkrebse haben die Beteiligten seit Juni aus Vils und Lauterach geholt. Das darf man ruhig wörtlich nehmen. Eigentlich geht es beim Projekt um ein Monitoring, also eine Bestandsaufnahme: Die Beteiligten untersuchen die Lebensräume Vils und Lauterach und werten ihre dabei gewonnenen Erkenntnisse aus. Ihr Interesse gilt vor allem heimischen Edelkrebsen.

Doch bislang sind sie nur auf amerikanische Signalkrebse gestoßen. In diesem Fall sind die Projekt-Beteiligten verpflichtet, die Tiere aus den Flüssen zu "entnehmen" und auch zu "verwerten", so die offizielle Vorgabe. Konkret bedeutet das: Rudolf und seine Mitstreiter fangen die Krebse in Reusen, einer speziellen Art von Korb, und töten sie. Zurück ins Wasser dürfen die Signalkrebse nicht. Sie landen zu Hause in einem Kochtopf mit sprudelnd heißem Wasser. "Leider ist das bei uns die einzig rechtlich zulässige Methode, Signalkrebse zu töten", erklärt Rudolf. Und dann müssen sie auch "verwertet" werden: Sie werden gegessen.

Projekt läuft seit Juni

Christian Rudolf ist schon vor einiger Zeit aufgefallen, dass sich in Vils und Lauterach viele Signalkrebse tummeln. Nachdem er im Mai 2019 Ranger im Dienst des Naturparks Hirschwald wurde, bot sich die Gelegenheit, alle Beteiligten zusammenzubringen und aus dem Thema ein größeres Projekt zu entwickeln. Das läuft nun offiziell seit Juni. "Ein relativ später Einstieg", wie Rudolf sagt. "Das hatte mit der Förderung zu tun." Nächstes Jahr müsse man auf jeden Fall früher anfangen, vielleicht schon Anfang April, um möglichst viele Muttertiere aus dem Fluss zu holen, bevor ihr Nachwuchs schlüpft.

Das Krebs-Monitoring-Projekt im Naturpark Hitschwald

Amberg

Rund 70 Leute sind aktiv am Monitoring-Projekt beteiligt. Rudolf freut sich über das große Engagement der Fischereivereine. Deren Mitglieder opferten ehrenamtlich viel Freizeit, denn die Reusen, mit denen die Krebse lebend gefangen werden, müssen täglich kontrolliert und geleert werden. Rund 200 solcher speziellen Fangkörbe hat der Naturpark über das Projekt angeschafft, dazu kommen noch 30 bis 50 private Reusen. Sie alle sind an Vils und Lauterach verteilt, zwischen Amberg und Schmidmühlen, auf insgesamt rund 50 Flusskilometern. Rudolf hatte geschätzt, dass man hier von Juni bis jetzt vielleicht 40.000 bis 50.000 Signalkrebse fangen würde. Dass es tatsächlich fast 80.000 waren, "da muss ich zugeben, das hat mich auch überrascht". Besonders groß war die Ausbeute an der Vils.

Wo sind die heimischen Krebse?

Eigentlich suchen die Fischer nach heimischen Edelkrebsen, haben aber bislang noch keine gefunden. Eine Studie für das Flora-Fauna-Habitat-/(FFH-)Gebiet hatte im Bereich des Naturparks Oberpfälzer Steinkrebse verzeichnet. Diese Untersuchung sei freilich schon "ein paar Jahre alt, da war zu erwarten, dass wir vielleicht keine mehr fangen. Haben wir leider auch noch nicht", berichtet der Naturpark-Ranger. Er erklärt das Problem mit den heimischen und invasiven Arten: Die amerikanischen Signalkrebse übertragen die Krebspest – eine Krankheit, gegen die sie im Gegensatz zu ihren heimischen Artgenossen immun sind oder die sie gut überstehen. "Dadurch werden unsere einheimischen Krebse irgendwann verschwinden." Sollte das Projekt zeigen, dass es sie jetzt schon nicht mehr gibt, könne man in Absprache mit der Naturschutzbehörde vielleicht über eine Wiederansiedlung nachdenken.

Abgesehen davon sei die große Zahl der nicht-heimischen Art schon jetzt ein Problem für den ganzen Lebensraum Fluss: "Die fressen im Prinzip alles, was irgendwie fressbar ist", sowohl Pflanzen und Tiere, insbesondere auch Fischlaich. Rudolf macht das Dilemma mit einem Hinweis sichtbar: "Wenn hier ein Angler seinen Köder, einen Köderfisch oder Wurm, auf Grund legt, dann ist der in zehn Minuten weg, weil ihn die Krebse gefressen haben." An deren "unwahrscheinlich großer Populationshöhe kann man sehen, dass da etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist", erklärt Rudolf – und das an zwei Flüssen, die beide sehr naturnah und auch "qualitativ hochwertige Gewässer" sind: "Wir haben zum Beispiel FFH-Anhangsarten wie die Mühlkoppe hier, auch Bachneunaugen in der Lauterach und eine unwahrscheinliche Zahl von Eisvögeln", zählt Rudolf auf: "Das weist darauf hin, dass Fischbrut in einer gewissen Größe da ist", was nur in hochwertigen Gewässern der Fall sei. Auch zu deren Schutz werden die Signalkrebse jetzt gefangen.

Ziel: Die Lauterach freihalten

Zwei invasive Arten haben die Projekt-Teilnehmer bislang gefunden – den amerikanischen Signalkrebs und den galizischen Sumpfkrebs. Durch die Entnahme versuchen Rudolf und seine Mitstreiter, "an der Vils Lücken zu schaffen, damit der Migrationsdruck Lauterach-aufwärts abnimmt". Denn dort sei das Problem noch nicht so groß wie in der Vils. "Hier werden wir die Krebse nie wieder loswerden", ist Rudolf überzeugt, aber ihre Zahl reduzieren könne man. "Es geht im Endeffekt darum, die Lauterach so weit freizuhalten, dass es dort noch Lebensräume für unsere heimischen Arten gibt". Hier stünden die Chancen recht gut. Genaueres soll nun in den Wintermonaten die Auswertung der ersten Monitoring-Ergebnisse zeigen – auch, wie es im Projekt weitergehen soll.

Obwohl es schwerpunktmäßig um die Krebse, betrachtet Rudolf im Projekt den gesamten Lebensraum Fluss. Er glaubt, "wir werden uns auch um die Gewässergüte kümmern müssen" und Faktoren wie Temperatur, Nährstoff- und Schadstoffeintrag oder Wassermenge im Blick behalten. "Man sieht an diesem Projekt, dass Naturschutzmaßnahmen allgemein, aber vor allem an Fließgewässern, nur greifen, wenn man das über eine große Länge oder Fläche macht. Denn die Lebensräume, auch Vils und Lauterach, hängen ja zusammen, deshalb darf man sie nicht getrennt voneinander betrachten." Das sei beim Krebs-Monitoring des Naturparks möglich, weil hier alle Fischereivereine zusammenarbeiten. Rudolf spricht deshalb auch von einem "Leuchtturmprojekt" – gut möglich, dass es sogar das größte seiner Art in Deutschland sei.

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