06.03.2019 - 18:12 Uhr
SchmidmühlenOberpfalz

Auch ohne Unesco: Mit dem Fischzug beginnt in Schmidmühlen die Fastenzeit

Vor drei Jahren gehörte der Schmidmühlener Fischzug zu Bayerns Vorschlägen für das immaterielle Unseco-Weltkulturerbe. Dass daraus nichts geworden ist, stört die Beteiligten nicht. Ihr Fischzug ist regional - und so soll es auch bleiben.

von Paul BöhmProfil

Mit Ascheauflegen und Fischzug beginnt in Schmidmühlen die Fastenzeit. „Sprechen, lachen und Gaudi machen gilt nicht – da sind wir auch heuer hart mit den Regel. Punkt.“ Zeremonienmeister Thomas Wagner ermahnt wenige Minuten vor „Oans“ beim Ochsenwirt die Fischzugteilnehmer. „Gegangen wird immer auf der linken Straßenseite und für jedes verschwundene Wirtshaus machen wir einen Schlenkerer als Referenz.“ Neu dazu gekommen ist heuer der Schlossstadel als Einkehrstation. 65 Teilnehmer sind heuer von Anfang beim Marsch dabei.

Es ist Aschermittwoch, der Fasching gilt als abgehakt. Am frühen Vormittag waren noch die Gemeindearbeiter unterwegs, um die Überbleibsel des Faschingszuges zusammenzukehren. Denn um „Oans“, wenn der Fischzug in Schmidmühlen beginnt, muss wieder alles picobello sauber sein.

Ein Stück Heimat

Die Schmidmühlener schätzen ihren Fischzug. Dieser Heischebrauch ist ein Stück Heimat, hört man aus dem beipflichtenden Grummeln einer Unterhaltung heraus, wenige Minuten bevor die Männer aufbrechen. Immer mehr kommen zum Ochsenwirt, um sich von Zeremonienmeister Thomas Wagner das Billetl, das Zeichen des Fisches, auf den Rücken ihres Fracks malen zu lassen. Meist sind sogar noch die Konturen vergangener Jahre da. Dann kann Wagner schwungvoll die Umrisse auffrischen.

"Seine" Teilnehmer sind in keinem Verein zusammengefasst. Und doch funktioniert diese Gemeinschaft besser als mancher Verein mit Satzung und strengem Regelwerk. Wann der Fischzug in Schmidmühlen ins Leben gerufen worden ist, kann nicht genau festgeschrieben werden. Selbst der inzwischen schon verstorbene, aus Schmidmühlen stammende Bezirksheimatpfleger Adolf Eichenseer hatte keine eindeutige Jahreszahl finden können.

Im Volksmund heißt es sogar, der Fischzug gehe auf das 17. Jahrhundert zurück, was aber durch nichts belegt werden kann. Auch für das 18. Und 19. Jahrhundert gibt es dazu keine Archivalien. Einiges spricht dafür, dass der Brauch Ende des 19. Jahrhunderts entstanden sein dürfte. Nach mündlichen Überlieferungen Altvorderer kann man davon ausgehen, dass bereits vor dem ersten Weltkrieg mit dem Fischzug begonnen worden ist. Wer ihn initiiert hat? Man kann davon ausgehen, dass dies damals der Burschenverein gewesen ist.

Eng mit der Biergeschichte verbunden

Sicher ist, dass der Fischzug eng mit der Biergeschichte und dem Brauwesen verbunden ist. Hineindenken muss man sich in die damalige schlechte Zeit und die Arbeitslosigkeit. Ins Licht der fassbaren Geschichte tritt der Fischzug erst etwa um das Jahr 1925, als sich der am 1. März 1901 gegründete Burschenverein seiner Wiederbelebung annimmt.

So sehr hingen die Schmidmühlener an diesem Brauch, dass sie ihn sogar unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs wieder aufleben lassen, was die damalige amerikanische Militärregierung zur großen Freunde der Bevölkerung genehmigte. Damit ist dieser Brauch seit 1946 bis heute jeden Aschermittwoch ungebrochene Tradition. Schmidmühlens Fischzug findet jährlich ein wachsendes Interesse - nicht nur bei den aktiv Beteiligten. Sogar einen außerplanmäßigen, mitten im Sommer, hat es gegeben, anlässlich der 1000-Jahr-Feier des Marktes im Jahr 2010.

Es handelt sich um einen lange überlieferten Heischebrauch erwachsener Männer, die als Anerkennung ihrer Leistung und Mitwirkung beim Faschingszug am Faschingsdienstag von jedem Wirt am Aschermittwoch ein gewisses Quantum an Freibier erhielten. Zurückgeführt wird dieser Brauch nach der Meinung des Volkes auf die Gewohnheit der Burschen und Männer, das aus der Faschingszeit übrig gebliebene, jedoch wegen begrenzter Lagermöglichkeiten gefährdete Bier, andernorts als Altbier bekannt, „aufzutrinken“.

Strenge Rituale

Streng ist heute noch das Ritual so wie damals, in den Anfängen dieses Brauchtums. In Schmidmühlen dürfen nur Männer mitgehen, Pflicht sind Frack und Zylinder. „Man hat Fischzugprinzipien – und da wird nicht abgewichen, sonst ist es nicht mehr der Unsere“, sagt Thomas Wagner.

Es gilt das harte Schweigegebot: Es herrscht absolute Ruhe, wenn die Fischzugteilnehmer aus der Türe treten. Es darf weder gesprochen, gepfiffen und gesungen werden. Selbst Grimassen werden schon als grenzwertig angesehen. Neu dazugekommen ist das Handy-Verbot im Zug.

Natürlich gibt es immer wieder Zuschauer, die durch einen Zuruf eine Reaktion herausfordern wollen. „Solche Verfehlungen werden mit fünf Euro Strafe belegt“, erzählen Zeremonienmeister Thomas Wagner und sein Steuerminister Klaus Schwarz. Kommt dies mehrmals bei einer Person vor, bekommt dieser Teilnehmer die Rote Karte und muss den Zug verlassen.

Gegangen wird immer nur auf der linken Straßenseite, im Gänsemarsch. Jedem Wirtshaus, das es heute nicht mehr gibt, wird mit einem Schlenkerer Referenz erwiesen. Der Zug dauert bis in die Nacht. Um "Zehne" gehen alle unter Wegklagen noch zum Hammerplatz, um im Kirwabaumloch den Geldbeutel mit einer herzzerreissenden Litanei zu beerdigen.

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