22.04.2020 - 14:41 Uhr
SchmidmühlenOberpfalz

In Schmidmühlen dem Todesmarsch der KZ-Häftlinge entkommen

Vittore Bocchetta war im April 1945, in den letzten Kriegstagen, einer der KZ-Häftlinge aus Hersbruck, deren Todesmarsch durch das Lauterachtal führte. In Schmidmühlen gelang dem Italiener die Flucht.

Mit Paul Böhm ging Vittore Bocchetta (von links) 2005 in Schmidmühlen auf Spurensuche.
von Paul BöhmProfil

Als Zeitzeuge kann Vittore Bocchetta heute noch von den Ereignissen jener letzten Kriegstage erzählen. 2005 war er zu Besuch in Schmidmühlen: Zusammen mit Lotte Hannewald und Drittem Bürgermeister Paul Böhm ging er damals auf Spurensuche seiner Flucht vor den KZ-Schergen.

Seine Erinnerungen hat Bocchetta in einem Buch festgehalten. "Jene fünf verdammten Jahre als Sklavenarbeiter für die Endsieg" heißt dieses Werk des Professors für Philosophie und Romanistik der Universität Chicago, Künstlers und italienischen Widerstandskämpfers. "For the Town of my Freedom" (Für die Stadt meiner Freiheit) schrieb Bocchetta bei seinem Besuch in Schmidmühlen als Widmung für Paul Böhm in sein Buch.

In Schmidmühlen gelang Vittore Bocchetta die Flucht vor den KZ-Schergen. Das Kriegsende erlebte er versteckt im ehemaligen Kriegsgefangenenlager Stalag 383 im Truppenübungsplatz Hohenfels.

Wie eine Herde Vieh

In den letzten Kriegstagen des Jahres 1945 führte der Todesmarsch der KZ-Häftlinge des Flossenbürger Außenlagers Hersbruck durch Schmidmühlen. Über das Lauterachtal kamen mehrere Marschkolonnen in den Ort. Es war der Nachmittag des 13. April 1945. Wie eine Herde Vieh trieben die Nazis die ausgemergelten Gestalten von Hersbruck über Happurg, Lauterhofen, Kastl und Hohenburg im Lauterachtal Richtung Saal an der Donau. Doch der Todesmarsch geriet in Schmidmühlen ins Stocken. Die Amerikaner rückten über Nürnberg und Neumarkt vor - schneller als angenommen und schneller, als die KZ-Häftlinge marschieren konnten. Die letzte Gruppe von etwa 230 Menschen blieb in Schmidmühlen zurück. Auf der Lauterachwiese und beim nahe gelegenen Friedhof lagerten die Häftlinge mehrere Tage, meist im Freien und in einem alten, baufälligen Holzstadel am Rand des Weges, streng bewacht und von der Schmidmühlener Bevölkerung isoliert.

Seine Flucht beschreibt Bocchetta so: "Ich war in schlechter körperlicher Verfassung. Wir marschierten nachts und ruhten tagsüber. Ich hatte mit vier Franzosen auf dem Marsch über Flucht gesprochen. Doch als ein günstiger Moment gekommen war, wollten sie nicht mehr. Ich habe sie als Feiglinge bezeichnet. Bei der dritten Etappenpause haben wir uns zwischen einem Friedhof und dem Fuß eines mit Fichten bewachsenen Berges, eben dem Kreuzberg in Schmidmühlen, niedergelassen. Dort kam der Franzose Marcel Maurin und hat zu mir gesagt: ,Ich bin kein Feigling, hauen wir ab!' Wir fragten die Posten, ob wir Abort gehen dürfen. Sie haben uns in den Wald gelassen. Das war eine simple List. Wir haben uns dann in einem Erdloch unter frisch geschlagenen Fichten-ästen versteckt und sind so bis in den Nacht hinein geblieben."

"Zwei Mann kaputt"

Bocchetta fährt fort: "Dann war Appell. Wir konnten alles hören. ,Zwei Leute weniger, zwei fehlen.' Es wurde gezählt und nochmals gezählt. Dann sind zwei von den SS-Leuten mit einem Hund auf die Suche gegangen. Sie kamen ziemlich nahe an uns vorbei. Aber die Hunde haben uns nicht gewittert, weil das Harz so stark gerochen hat. Nach wenigen Minuten fielen zwei Schüsse. Die beiden SS-Leute und der Hund gingen am Ende des Waldes hinunter zu den anderen. Sie riefen, dass sie uns aufgespürt hätten und verkündeten mit den Worten ,Zwei Mann kaputt', dass sie die Entflohenen gerichtet hätten. Man hörte noch kurze Befehle und die Kolonne kehrte auf den Weg zurück." Zusammen mit seinem französischen Kameraden irrte Bocchetta durch die Wälder. Schließlich trennten sich die beiden.

Englische Kriegsgefangene, die im Lager Stalag 383 in Unterödenhart interniert waren, fanden den Italiener, halb verhungert und fast "irre" vor Durst. Heimlich holten sie ihn ins Lager, gaben ihm zu essen und versorgten ihn. In einem Versteck im Kriegsgefangenenlager erlebte Vittore Bocchetta das Ende des Dritten Reiches.

Im September 2005 war Vittore Bocchetta in Schmidmühlen auf den Spuren seiner Geschichte unterwegs gewesen.

60 Jahre später kehrte der Italiener nach Schmidmühlen zurück. Zurück an jenen Ort, der um Haaresbreite seinen Tod bedeutet hätte. Im Rathaus begrüßten der damalige Dritte Bürgermeister Paul Böhm und die ehemalige Verwaltungsangestellten Lotte Hannewald den 86-jährigen Professor, der Philosophie und Romanistik an der Universität Chicago unterrichtet hatte. Zu dritt zeichneten sie Bocchettas Schicksalsweg nach, blätterten in Akten von damals. Sie gingen auch zur Lauterachwiese und in den Friedhof. Und Vittore Bocchetta blickte zum Kreuzberg hinüber. Am nächsten Tag besichtigten sie das Gelände des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers Stalag 383 in Unterödenhart im Truppenübungsplatz Hohenfels.

In dieser Feldscheune haben viele KZ Häftlinge auf ihrem Todesmarsch Unterschlupf vor schlechtem Wetter gesucht. Die Balkendecke brach durch. 27 KZ-Häftlinge kamen damals in den Trümmern ums Leben.

Unsägliche Strapazen

Unter unsäglichen Strapazen wurden die Häftlinge damals vor den anrückenden Amerikanern durch das Lauterachtal getrieben, erinnerte sich Lotte Hannewald, die 1945 ein junges Mädchen war. "Es war einfach schrecklich, zusehen zu müssen, wie mit den Menschen in jenen Tagen umgegangen wurde." Kurz vor dem Todesmarsch hatte sie bei der Gemeindeverwaltung zu arbeiten begonnen. Nach dem Krieg legte sie die Akten über die Ereignisse an. Schmidmühlener Bürger hätten immer wieder versucht, Lebensmittel ins Lager zu bringen, wusste Hannewald noch. Doch die Hilfsaktionen seien von der SS jäh beendet worden. Drohungen der Wachmänner "staatsfeindliche Agitationen werden mit Schusswaffengebrauch und Inhaftierung geahndet" hätten die Bevölkerung eingeschüchtert.

Es herrschten unbeschreibliche, menschenverachtende Zustände, die letztlich für 27 Häftlinge in Schmidmühlen den Tod bedeuteten. Mehrere Ausbruchsversuche scheiterten. Doch Vittore Bocchetta und seinem Freund Marcel Maurin, einem Drucker aus Marseille, gelang die Flucht in der Nähe des Friedhofes an den Lauterachwiesen und dem Kreuzberg. Heute verbringt der 1918 geborene Bocchetta seinen Lebensabend im italienischen Verona.

Vittore Bocchetta: Kunst als Erinnerung

Zur Person:

Vittore Bocchetta

Vittore Bocchetta war 1945 gerade 26 Jahre alt, Student und ein Gegner des faschistischen Regimes Mussolinis. Ab 1941 hatte er dessen Diktatur bekämpft und gehörte somit auch zum Widerstand gegen die deutsche Wehrmacht, die im September 1943 Italien besetzt hatte. Mit der Verhaftung des Veroneser Widerstandskomitees begann für Bocchetta die Deportation. 1944 wurden er und seine Mitstreiter in das Konzentrationslager Flossenbürg eingeliefert und wenig später in das Außenlager Hersbruck gebracht. Als "Sklavenarbeiter" waren sie im Rüstungswerk "Dogger" im Einsatz.

Zeitzeugen berichten vom Ende des Krieges

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