15.10.2020 - 09:08 Uhr
Schmidtstadt bei EtzelwangOberpfalz

Fledermaus-Abend auf dem Jurahof Schmidtstadt

Kuhfladen, Bat-Detektoren und Naturschutz: Etliche Teilnehmer kamen zum Fledermaus-Abend der Öko-Modellregion auf den Jurahof nach Schmidtstadt, gespannt was sie da erwarten würde. Interessant wurde es, als die Sonne unterging.

Biobauer Klaus Hofmann (links), Landschaftsarchitektin Marianne Badura (Vierte von links), ÖMR-Projektmanagerin Barbara Ströll (Dritte von rechts) und Gebietsbetreuer Rudi Leitl (rechts) begrüßen die Teilnehmer zum Fledermausabend auf dem Jurahof in Schmidtstadt.
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Von Barbara Ströll

Über der Gruppe, die sich am Jurahof zu einer Exkursion trafen, kreisten unzählige Mehlschwalben, die in der Abendsonne nach Insekten jagten. Wie die Rinder von Schmidtstädter Bio-Bauern dafür sorgen, dass sich eine große Vielfalt an Insekten entwickeln kann, wie Fledermäuse davon leben und was das alles mit Natura2000, dem größten Naturschutzprojekt der Welt, zu tun hat, darum ging es bei dem Fledermaus-Abend.

Natura2000-Konzept

Landschaftsarchitektin Marianne Badura und Gebietsbetreuer Rudolf Leitl erklärten den Besuchern zunächst das Natura2000-Konzept: "In allen Ländern der Europäischen Union wurden Natura2000-Schutzgebiete ausgewiesen. Jedes Land musste mindestens zehn Prozent seiner Fläche für dieses europäische Schutzgebietssystem zur Verfügung stellen", hieß es. Welche Lebensräume und welche Arten für Natura2000 zu schützen sind, werden mit der Vogelschutzrichtlinie (VS-RL) und der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH-RL) beschrieben. Die Natura2000-Gebiete bei Schmidtstadt gehören zu den "Wäldern im Oberpfälzer Jura", den "Höhlen der nördlichen Frankenalb" und den "Mausohrwochenstuben im Oberpfälzer Jura", wurde erläutert. Neben seltenen Fledermausarten findet man dort weitere FFH-Arten wie zum Beispiel den Kammmolch und den Frauenschuh. Zu den typischen FFH-Lebensräumen der Gegend gehören unter anderem Kalkbuchenwälder und Kalktrockenrasen.

"Föicha - Flanzn - Heimat", so könne man Fauna-Flora-Habitat für die Oberpfalz übersetzen, erläuterte Rudi Leitl. Zu den "FFH-Föichern" gehören auch einige der Fledermaus-Arten. "Fledermäuse sind anspruchsvolle Lebewesen. Sie brauchen einen Ort, an dem sie im Sommer in Ruhe ihre Jungen zur Welt bringen können - die Wochenstube - und dazu eine vielfältige Landschaft, mit großer Insektenvielfalt, ihre Nahrung." Fledermaus-Spezialist Leitl wusste erstaunliche Geschichten zu erzählen über Fledermäuse, vom Liebesleben über das Nahrungsspektrum bis zum eingebauten GPS.

Das Große Mausohr

Das Große Mausohr gehört zu den FFH-Arten, die bei Schmidtstadt leben, war zu hören. In der Mausohr-Wochenstube auf dem Dachboden der Evangelischen Kirche in Neukirchen, kommen im Sommer gut 1000 Tiere zusammen. Die Mütter jagen nachts im Umkreis von bis zu 25 km vor allem in Buchenwäldern nach Insekten. Ende August fliegen dann auch die Jungen mit auf die Jagd. Rudi Leitl vermutet, dass inzwischen auch einige Große Hufeisennasen um Schmidtstadt auf Insektenjagd fliegen, die aus dem Fledermaushaus Hohenburg stammen.

Auch diese ist eine FFH-Art und extrem selten: Im Fledermaushaus in Hohenburg sei die einzige bekannte Wochenstube der Großen Hufeisennase in ganz Deutschland, erklärte der Experte. Im Winter 2013 hat man erstmals eine Hufeisennase in einer Höhle bei Schmidtstadt entdeckt. Im vergangenen Winter waren es schon elf Tiere. "Ich denke, dass die Hufis die Höhleneingänge auf ihren Jagdflügen entdecken, dann mal dort übertagen und schließlich entscheiden, dort auch ihre Winterruhe zu verbringen", meint Leitl. Er vermutet, dass die ökologische Weidetierhaltung um Schmidtstadt dort der Hauptgrund für das Vorkommen der Hufeisennasen sei.

Mutterkuhherde auf der Weide

Seit 26 Jahren hält Biobauer Klaus Hofmann eine Mutterkuhherde auf dem Jurahof. Für seine 60 bis 70 Tiere bewirtschaftet er 30 Hektar Wiesen und Weiden. "In den Kuhfladen auf der Weide, entwickeln sich die Larven der sogenannten Dungkäfer. Von diesen großen, nahrhaften Käfern ernähren sich die Hufeisennasen bevorzugt", wusste Rudi Leitl. "Die können sich nicht in den Güllegruben entwickeln." Der Fledermausfreund erzählte, dass ab den 70er-Jahren, die Insektenvielfalt so stark abnahm, dass in der Folge auch die Zahl der Vögel und Fledermäuse zurückging. Einige Arten seien ganz aus unserer Landschaft verschwunden.

Umstellung auf Stallhaltung

Hauptursache sei der Pestizideinsatz seit Mitte der 50er-Jahre gewesen. Dazu kam, dass ab den 70er-Jahren die Weidehaltung zurückging. Damals hätten viele kleine Bauern aufgehört mit der Rinderhaltung. Gleichzeitig hätten viele Milchbauern auf Stallhaltung umgestellt. Zum Sonnenuntergang führte Klaus Hofmann die Besuchergruppe zur Weide seiner Rinderherde. Rudi Leitl lauschte mit Hilfe zweier Bat-Detektoren auf die Rufe von Fledermäusen. Die Detektoren machen die Ultraschall-Rufe der Fledermäuse für den Menschen hörbar. Unterwegs konnte er immer wieder Zwergfledermäuse orten, die am Waldrand jagen. Im Buchenwald ließ der Bat-Detektor sehr leise Rufe von Myotis-Fledermäusen hören, zu denen auch das Große Mausohr gehört. Als die Gruppe an der Rinderweide ankam, war dort eine jagende Rauhautfledermaus zu hören. "Eine Wanderfledermaus, die hier vermutlich auf dem Durchzug ist", erklärte Leitl.

Die meisten Fledermäuse jagen über der Rinderherde nach Insekten: Breitflügelfledermäuse, Zwergfledermäuse und Myotis-Arten (hier: Bart- oder Brandtfledermäuse). Die Breitflügelfledermaus erkennt Leitl mit dem Bat-Detektor an ploppenden Rufen bei etwa 27 kHz. Sie ist eine typische Art über Weideflächen.

Nirgendwo sind an diesem Abend die leisen Rufe der Große Hufeisennase zu hören. "Die Hufis haben vermutlich einen Bogen um die Menschenhorde gemacht", meinte Leitl. Jedenfalls ist die Höhle bei Schmidtstadt mit ihren elf Hufeisennasen das bisher größte Winterquartier, das fernab von der Hohenburger Wochenstube gefunden wurde. Der Experte hofft auf eine gute Zukunft für die Großen Hufeisennasen bei Schmidtstadt "Wenn diese Hufis hier auch noch ein geeignetes Sommerquartier auf einem ruhigen, warmen Dachboden finden würden, könnte sich hier vielleicht eine weitere Wochenstube bilden. Das wäre sozusagen die Krönung für die Pioniere der ökologischen Weidetierhaltung in Schmidtstadt."

Keine Nachteile

Für die Landwirte in Schmidtstadt ergeben sich laut Leitl durch die FFH-Gebiete keine Nachteile. "Grundsätzlich ist es so, dass sich landwirtschaftlich genutzte FFH-Lebensräume wegen ihrer Artenvielfalt nicht verschlechtern dürfen." Leitl wies darauf hin, dass es besonders für die Große Hufeisennase wichtig ist, dass die Rinder keine Antiparasitenmittel verabreicht bekommen, da sich sonst in den Kuhfladen keine Käferlarven entwickeln können.

Klaus Hofmann war 1994 der erste Biobauer in Schmidtstadt. Seit dem Juli 2020 ist Schmidtstadt ein Bio-Dorf: Alle landwirtschaftlichen Betriebe wirtschaften nun nach den Richtlinien des ökologischen Landbaus. Zwei weitere Bio-Betriebe halten Rinder zur Milcherzeugung: Familie Meier-Pirner und Familie Appel. Insgesamt leben in Schmidtstadt aktuell 150 Rinder und rund 80 Kalbinnen und Jungbullen. Alle dürfen auf Weiden grasen. Gute Aussichten für Insekten, Fledermäuse, die Landwirtschaft und Natura 2000 rund um Schmidtstadt.

So sehen Fledermaus-Babys aus

Hohenburg
Die Breitflügelfledermaus fliegt typischerweise über Rinderweiden in zwei bis zehn Metern Höhe. Dort erbeutet sie vorwiegend größere Insekten, wie die Gelbe Dungfliege.
Einzelne Hufeisennasen überwintern auch in Jurahöhlen bei Schmidtstadt. Die einzige Wochenstube Deutschlands befindet sich in Hohenburg. Sie kommt fast nur dort vor, wo es extensiv bewirtschaftete Rinderweiden gibt.
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