18.03.2021 - 11:47 Uhr
Schmidtstadt bei EtzelwangOberpfalz

Home-Schooling für neun Kinder: Ganz alltägliche Herausforderung am Jurahof

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Schon mit einem oder zwei Kindern stellt der Distanzunterricht Eltern auf Belastungsproben. Aber es geht noch extremer. Zum Beispiel am Jurahof.

Fahrräder stellen - wenn nicht gerade Lockdown angesagt ist - eine Verbindung nach draußen dar, und deshalb gibt es auf dem Jurahof eine Werkstatt dafür.
von Autor MZIProfil

In der heilpädagogischen Wohngruppe am Jurahof in Schmidtstadt gilt es derzeit neun Kinder im Home-Schooling zu versorgen, die an fünf verschiedenen Schulen unterrichtet werden. Das heißt im Klartext: fünf unterschiedliche Modelle und mehr als 20 Lehrer, mit denen Hausaufgaben abgesprochen, E-Mails ausgetauscht und Rückfragen abgeklärt werden sollen.

Wenn dafür neun Fachkräfte - Erzieher, Heilpädagogen, Sozialpädagogen, psychologische Fachkraft - bereitstehen, klingt das erst einmal nach viel. Aufgeteilt auf drei Schichten in einem 24-Stunden-Betreuungsdienst, bleibt dann echt wenig übrig. Konkret leisten ein bis zwei Betreuer die Unterrichtung. "Wenn die Nachtschicht nicht länger bleiben und die Vormittagsschicht unterstützen würde, wäre das kaum machbar", berichtet Verena Feil, die vor gut zwei Jahren diese stationären Jugendhilfeeinrichtung mitgegründet hat.

Punkt 8 Uhr neun Zimmer startklar

Unterschiedlich sind nicht nur die Lehrpläne bei neun Kindern im Alter von acht bis siebzehn Jahren, sondern die Schulen haben auch abweichende Mediengestaltungen. Mal ganz davon abgesehen, dass jeder Lehrer seine Unterrichtungsmöglichkeiten anders handhabt. Dann muss noch mit jedem Lehrer einzeln abgesprochen werden, wo welches Kind seine Probleme hat. Zwar ist die Kernlernzeit nur von 8 bis 11 Uhr. Aber bis 8 Uhr müssen in neun Zimmern die Lehrmaterialien parat liegen und die Computer auf die richtigen Kanäle geschaltet werden, damit der Unterricht problemlos starten kann. Berufsschüler sitzen bis 16 Uhr vorm PC.

Apropos Computer: Auch hier war es nicht einfach, auf Anhieb neun Rechner oder wenigstens Laptops zu organisieren. Die Krötenseeschule in Sulzbach-Rosenberg lieh zwei Exemplare aus. Zur Not geht es für die Älteren auch mit dem Smartphone. Hinzu kommt, dass fast alle Kinder Probleme mit der Konzentration und der Lernmotivation haben. Dem kommt stundenlanges Stillsitzen nicht gerade entgegen.

Videos auch bei den Hausaufgaben

"Nicht so viele Hausaufgaben," stöhnt denn auch ein achtjähriges Mädchen. Denn ein guter Teil der Hausaufgaben besteht wiederum aus Lehrvideos, die von den Lehrern auf die Plattform Padlet reingestellt werden und visuell verinnerlicht werden müssen. Mittwoch von 10 bis 11.30 Uhr gibt es eine Videokonferenz. Hier steht der Lehrer für Fragen zur Verfügung. Dabei zeigt sich, wie wichtig den Schülern ein physisch vorhandener Lehrkörper für den Austausch ist. Diese 80 Minuten sind zugleich die einzige Möglichkeit, den Kontakt zu den Klassenkameraden zu halten.

All das verlangt dem Jurahof-Personal einen immensen logistischen Aufwand ab. Viel Feinabstimmung ist gefragt in den Verhältnissen Schüler-Lehrer, Schüler-Sozialpädagoge, Sozialpädagoge-Lehrer und Sozialpädagoge-Sozialpädagoge beim Schichtwechsel. "Für all diesen Mehraufwand gibt es leider kein Mehrgeld. Denn die Arbeitsplatzbeschreibung eines Betreuers deckt eigentlich nicht diesen Spezialunterricht ab", meint Verena Feil. "Eine eierlegende Wollmilchsau beschreibt unseren aktuellen Einsatz am besten."

Wochenplan: Wer macht wann was?

Es gibt aber auch Positives, um das manche Eltern mit Mietwohnung dieses einmalige Projekt Landwirtschaft plus Wohngruppe beneiden, das erst im November 2018 in der Trägerschaft der Humanistischen Vereinigung entstanden ist. "Man muss sich keine Projekte überlegen. Sie liegen vor der Tür", bringt es Feil auf den Punkt. Es gibt täglich eine feste Draußen-Zeit von einer Stunde. Sonntags wird in Absprache mit allen Beteiligten ein Wochenplan erstellt, wer was an welchem Tag übernimmt. Aufgaben gibt es genügend.

Der Hofbesitzer Klaus Hofmann freut sich über Hilfe bei den Kühen und auf dem Acker. Hühner und - im Sinne der Nachhaltigkeit - ihre Bruderhähne sind zu versorgen. Zu dem nach Demeter-Richtlinien geführten Hof gehören ein Kartoffelacker und Gemüseanbau für die Selbstversorgung. Aus den Früchten einer Streuobstwiese gewinnt die Gruppe ihren eigenen Saft. Eine Fahrradwerkstatt gibt es auch, denn die Räder sind eine Verbindung zur Außenwelt, um zum Etzelwanger Schwimmbad zu gelangen oder auch mal einen Freund oder eine Freundin zu besuchen.

Einsamkeit kommt nicht auf

Schon während des ersten Lockdowns wurde die Wohngruppe von ihren Angehörigen als Segen empfunden. Denn Einsamkeit oder Langeweile kommt hier so leicht nicht auf. "Überdies ist auch Herr Hofmann ein wahrer Segen. Ihm wird so schnell nichts zu viel. Für die Kinder hat er absolut ein Händchen. Er sitzt beim Mittagessen mit am Tisch. Für viele ist er eine Vaterfigur", bescheinigt Verena Feil dem Hausherrn. Das macht doch einiges an dem Mehraufwand, der derzeit bewältigt werden muss, wett.

Ausgaben für Jugendhilfe sinken 2021 voraussichtlich

Amberg
Hintergrund:

Jugendhilfeeinrichtung Jurahof Schmidtstadt

  • Träger: Humanistische Vereinigung, eine Weltanschauungsgemeinschaft, die 1848 gegründet wurde. Als Körperschaft des öffentlichen Rechts ist sie eine Interessenvertretung nicht-religiöser Menschen. Sie unterhält derzeit in Bayern 19 Kindertagesstätten mit rund 1000 Betreuungsplätzen und den Jurahof als Jugendhilfeeinrichtung.
  • Betreut werden: Kinder von Eltern, die das Sorgerecht besitzen, aber Probleme mit ihrer aktuellen Lebenssituation haben und über die Unterbringung mitentscheiden; Kinder von Eltern, die das Sorgerecht nicht mehr besitzen (dann entscheidet sich das Jugendamt für eine Einrichtung); Waisenkinder und Kinder, die aus eigenem Wunsch aus ihrem familiären Umfeld heraus möchten.
  • Ferien und Wochenenden: Sofern es die familiäre Situation zulässt, sollen die Kinder jedes zweite Wochenende und auch die Ferien mit den Eltern verbringen. Ein Besucherzimmer steht zur Verfügung für den Fall, dass ein Besuch bei den Eltern aufgrund von Distanz schwierig ist.
  • Dauer des Aufenthalts: Bei jüngeren Kindern mindestens zwei Jahre mit dem Ziel, eine Rückführung ins Elternhaus zu schaffen; bei größeren Kindern steht deren Verselbstständigung im Vordergrund (Ausbildung). Jeder Fall wird individuell gesehen und auch individuell behandelt.

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