17.01.2019 - 11:09 Uhr
SchnaittenbachOberpfalz

Mission für Meise und Co.

Beppo Schuller beteiligt sich nicht nur jedes Jahr an der "Stunde der Wintervögel" des LBV. Seit 1972 führt er Buch über die zwitschernden Besucher seines Gartens. Der Schnaittenbacher hat die Tipps für das Vogelparadies vor der eigenen Haustür.

Der Kleiber ist unter anderem an der schwarzen Augenbinde im weißen Gesicht zu erkennen.

(ads) Anfang des Jahres rief der Landesbund für Vogelschutz zum neunten Mal alle Naturfreunde zur Vogelzählung "Stunde der Wintervögel" auf. Ziel der Aktion ist es, ein deutschlandweites und möglichst genaues Bild von der Vogelwelt in unseren Städten und Dörfern zu erhalten. Dabei geht es nicht um eine vollständige Erfassung aller Vögel, sondern darum, Veränderungen der Vogel-Bestände festzustellen.

Vogelzählungen gibt es in Großbritannien, dem Land der Vogelbeobachter, schon seit Jahrzehnten. Anfang dieses Jahrtausends schwappte dieses Hobby, sprich: diese Zählung, auf das Festland über. Bebbo Schuller aus Schnaittenbach beteiligte sich von Anfang an bei dieser Zählaktion. Privat allerdings führt er seit 1972 Buch darüber, welche Arten von Vögeln sich bei ihm am Futterhaus tummeln.

Schöne Momente

Die Liebe zur Natur, insbesondere zur heimischen Vogelwelt wurde ihm von seinem Großvater in die Wiege gelegt, denn dieser hielt und züchtete heimische Vögel bei sich zu Hause - ein Hobby, das den kleinen Bebbo sofort ansteckte. Die Natur und die Vogelwelt faszinierten Bebbo Schuller seitdem. Er füttert die Vögel in seinem Garten ganzjährig, eine vielfältige Vogelwelt dankt es ihm. Bei ihm würden sich, nach seinen Aussagen, nicht nur Amsel, Drossel, Fink und Star wohlfühlen, sondern regelmäßig würden auch seltene Arten wie Zaunkönig, Schwanzmeise, Buntspecht und auch Trauerschnäpper, Dompfaffen, Zeisige und Grünlinge auftauchen. "Das sind schöne Momente für mich", sagt er.

Diese Arten seien teilweise in den 1970er und 1980er Jahren Stammgäste bei ihm gewesen und seien in Scharen gekommen. "Leider gibt es diese Vogelarten nur noch vereinzelt", bedauert der Naturliebhaber. Die Anzahl der Vögel habe in den vergangenen 20 Jahren leider stetig abgenommen, auch wenn sie zwischendurch in manchen Jahren wieder angestiegen sei. Bebbo Schuller kennt allerdings auch schon Winter, an denen er fast keinen Vogel am Futterhaus sah. Er sieht darin vielfältige Ursachen: mildere Winter und höherer Einsatz von Pestiziden.

Die persönliche Erfahrung von Bebbo Schuller wird untermauert durch die Ergebnisse der alljährlichen Vogelzählung zwischen 1998 und 2009, die im Oktober 2017 veröffentlicht wurde. Das Ergebnis auch hier: ein klarer Rückgang an Vogelarten. In nur zwölf Jahren hat Deutschland 12,7 Millionen Vogelbrutpaare und damit über 15 Prozent verloren. Wie die Forscher feststellten, sind von diesem Schwund aber nicht alle Vogelarten gleichermaßen betroffen. Mit Abstand am stärksten sind die Verluste beim Star gefolgt vom Haussperling, Wintergoldhähnchen und Buchfink. Aber auch Feldlerche, Feldsperling und Goldammer sind unter den zahlenmäßig größten Verlierern.

Umweltschutz

Bebbo Schuller hofft auf einen Erfolg des Volksbegehrens "Rettet die Bienen", mit dem auch der Pestizideinsatz mit Glyphosat und Neonicotinoide verboten werden soll. "Dann gibt es wieder mehr Insekten und dadurch auch wieder mehr Vögel", hofft der Vogelfreund. Weitere Forderungen des Volksbegehrens sind mehr Naturschutzflächen mit Blühstreifen und Hecken in der Landwirtschaft, verbunden mit der Förderung der Landwirtschaft. Die oftmals unnötige Überdüngung müsse gestoppt werden, ein Gewässerrandstreifen müsse eingeführt und eine wirksame Politik für den Klimaschutz umgesetzt werden.

Leider betreffe dieses Volksbegehren nur Bayern. Für Schuller ist das "nur ein Tropfen auf den heißen Stein". Die Bundespolitik müsste diese Forderungen umsetzen, nicht nur das Bundesland Bayern, sofern das Volksbegehren Erfolg haben sollte. Er appelliert an alle, sich an diesem "für die Natur wichtigen" Volksbegehren zu beteiligen.

Abgesehen davon könne jeder, der über einen Garten oder einen Balkon verfüge, viel für die Natur, insbesondere für die heimischen Vögel tun:

Tauschen Sie nach und nach exotische Büsche in Ihrem Garten gegen einheimische, Früchte tragende Sträucher aus.

Pflanzen Sie Obstbäume, die vor allem im Spätsommer den Vögeln reichlich Nahrung bieten.

Legen Sie eine Blumenwiese an. Die Fruchtstände vieler Blumen und Gräser bieten Vögeln Nahrung, zudem finden Insekten-fressende Vögel hier viele Kleinlebewesen.

Bringen Sie Nisthöhlen für Blau- und Kohlmeise, Star oder Gartenrotschwanz an, falls Ihr Garten keinen älteren Baumbestand besitzt. Hängen Sie Halbhöhlen als Nisthilfe für Hausrotschwanz, Bachstelze, Grauschnäpper und Zaunkönig auf, wenn im Garten und am Haus kaum Nischen und Schlupflöcher vorhanden sind.

Sehen Sie beim Neubau von Gebäuden fertige Niststeine vor, die an geeigneter Stelle eingebaut werden.

Lassen Sie das Laub im Herbst liegen oder kehren Sie es unter die Büsche. Unter den Blättern suchen Rotkehlchen, Amseln und Singdrosseln bevorzugt nach Nahrung.

Begrünen Sie Mauern und Fassaden mit Kletterpflanzen, die Vögeln Nistplätze und Nahrung bieten. Stellen Sie zunächst sicher, dass Mauerwerk und Putz sich in gutem Zustand befinden.

Richten Sie an einem sonnigen Platz eine Sandbadestelle für Vögel ein.

Erhalten Sie nach Möglichkeit Äste und Bäume mit Höhlen, auch wenn sie abgestorben sind. Dort finden Höhlenbrüter einen natürlichen Nistplatz.

Erhalten Sie beim herbstlichen Schnitt Astquirle, in denen Vögel ihre Nester bauen können. Belassen Sie tote Äste am Baum, vor allem wenn sie an exponierter Stelle stehen. Sie werden von vielen Vögeln als Singwarte bevorzugt.

Entschärfen Sie gefahrenträchtige Glasfenster und Glasfassaden durch gelb-rote Greifvogelsilhouetten oder Streifenaufkleber.

Artenvielfalt erhalten

"Dies trägt dazu bei, die Vogelwelt und deren Artenvielfalt zu erhalten", weiß Bebbo Schuller. Er macht bewusst: Schrumpfe die Artenvielfalt weiter, werde dies ernsthafte Auswirkungen auf unsere Umwelt haben. Die Konsequenzen beträfen die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln, Wasser, fruchtbaren Ackerboden und Futter für die Viehhaltung sowie den Schutz vor Schädlingen und Krankheiten. Schon früher hätten Forscher gewarnt, dass das Aussterben von Tieren und Pflanzen unter anderem dazu führen könne, dass sich Krankheitserreger stärker verbreiten, wodurch Infektionskrankheiten häufiger auftreten würden. Im Gegenzug heißt das: Je mehr Tier- und Pflanzenarten auf unserem Planeten existieren, umso besser steht es um den Menschen.

Die genetische Vielfalt steigere die Produktion von Nutz- und Futterpflanzen, fördere den Holzgewinn und stabilisiere die Fischerei-Erträge. Und das sei nur ein kleiner Teil der positiven Aspekte, welche Forscher in einem Vergleich von über 1000 ökologischen Studien aus den vergangenen 20 Jahren zusammengetragen haben. "Wir haben einen Punkt erreicht, an dem der Schutz der Arten und der biologischen Vielfalt nicht mehr uneigennützig ist", weiß Schuller. Je mehr verschiedene Arten vorhanden seien, desto stabiler sei ein Ökosystem - egal ob es sich um ein Ökosystem in einem Garten handele oder das weltweite.

Aktion "Stunde der Wintervögel":

Gezählt werden jeweils Anfang Januar getrennt nach Arten die jeweils gleichzeitig gesichtete Höchst-Anzahl an Vögeln. Ein Beispiel: In der Zählstunde sieht man einmal zwei und dann noch einmal vier Kohlmeisen gleichzeitig: Man meldet „vier Kohlmeisen“ für die gesamte Stunde. Andernfalls besteht die Gefahr, dass man ein und denselben Vogel immer wieder zählt. Meldungen kann man telefonisch, schriftlich oder übers Internet abgeben. Ansprechpartner ist der Landesbund für Vogelschutz. Weitere Informationen auf www.lbv.de. (ads)

Seit 1972 führt Bebbo Schuller akribisch Buch über die gefiederten Besucher an seinem Futterhäuschen im Garten. Er bedauert, dass die Artenvielfalt und die Anzahl der Vögel immer mehr abnimmt.
Ein Dompfaff-Paar an der Futterstelle.
Die Liebe zur Natur, insbesondere zur heimischen Vogelwelt wurde ihm von seinem Großvater in die Wiege gelegt. Beppo Schuller füttert ganzjährig. Hier bedient sich ein Buntspecht.
Hier ist ein Zeisig an Beppo Schullers Futterstelle zu Gast.
Der Kernbeißer ist der größte heimische Fink.
Zwischenbilanz "Stunde der Wintervögel" des LBV:

Der Wintereinbruch im Freistaat hat viele Vögel auf der Suche nach Futter in die bayerischen Gärten gebracht. Dadurch konnten die Teilnehmer der „Stunde der Wintervögel“ zum Teil auch besondere gefiederte Gäste zählen und dem LBV melden. Nach einer ersten Zwischenbilanz liefern sich derzeit Haussperling, Feldsperling und Kohlmeise ein knappes Rennen um den Spitzenplatz des am häufigsten beobachteten Vogels im Freistaat.

Auffällig ist ein starker Einflug von Erlenzeisigen, der dadurch auf Rang 6 hochgeflogen ist. „Unübersehbar sind dieses Jahr auch die vielen Wacholderdrosseln. Sie profitieren vom ertragreichen Obstjahr, durch das immer noch Früchte als natürliche Nahrung an den Bäumen hängen“, erklärt Martina Gehret, Citizen-Science-Beauftragte des LBV.

Normalerweise ist die Wacholderdrossel eine Vogelart, die es gerade so unter die 30 häufigsten schafft. Der gerne auch in Schwärmen auftretende Vogel rangiert derzeit allerdings unter den Top 15 Wintervögeln in Bayern. Der amselgroße Vogel mit der rötlich-braunen Oberseite und der schwarz-gestrichelten Brust profitiert, wie auch alle anderen Drossel-Arten, vom warmen Sommer 2018. Denn dieser bescherte der Natur sehr viel Obst und Früchte. Bayerische Obstbauern bezeichneten das Vorjahr sogar als ausgezeichnet für Äpfel und Birnen. Viele davon hängen immer noch an den Bäumen und dienen den Drosseln als wertvolle Nahrung, so dass sie zur Suche nicht weit umherfliegen müssen. „Bereits jetzt nach einem Drittel der Meldungen wurden schon fast so viele Wacholderdrosseln gezählt, wie im Vorjahr insgesamt“, so Martina Gehret.

Auch Wälder und Hecken bieten vielerorts noch zahlreichen Waldvögeln einen reich gedeckten Tisch. Für typische Waldarten wie Eichelhäher, Buntspecht, Kernbeißer oder Gimpel sind Gärten nur Ersatzbiotope, in die sie vermehrt kommen, wenn es im Wald nicht genug zu picken gibt. „Das würde auch den sich abzeichnenden Beobachtungsrückgang der Waldvögel erklären“, sagt Gehret.

Ein weiterer besonderer Gast in den Gärten des Freistaats ist der Erlenzeisig. Bekommt ihn normalerweise im Schnitt nur ungefähr jeder zehnte Teilnehmer zu sehen, wurde der kleine gelbgrün-gestreifte Fink von fast einem Drittel der Bayern beobachtet. „Den Erlenzeisigen wurde durch den heißen europäischen Sommer eine zweite Brut und eine erfolgreiche Aufzucht ihrer Jungen ermöglicht. So ist ihr Bestand in den nördlichen Brutgebieten wahrscheinlich so stark gestiegen, dass derzeit die Nahrung nicht für alle reicht, weshalb ein Teil der Vögel zu uns nach Süden ausweichen musste“, vermutet Gehret. Erlenzeisige treten vor allem in Schwärmen auf und sind vom größeren Grünfink auch durch den deutlich spitzeren Schnabel und den pinzettenförmigen Schwanz zu unterscheiden. Die Zeisige sind ebenfalls gut zu hören, da sie im Schwarm durch ihre auffälligen „tüli“ und „zäi“ Rufe ständig Kontakt halten.

Auf einem nach wie vor schwachen fünften Rang hält sich die Amsel. Zwar versetzte ihr der im Sommer in großen Teilen Mittel- und Unterfrankens über eine Stechmücke verbreitete tödliche Usutu-Virus scheinbar keinen zusätzlichen dramatischen Einbruch. Doch schon im Vorjahr war sie vom Normalniveau abgerutscht und zum Sorgenkind geworden. (exb)

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