16.12.2020 - 18:00 Uhr
SchnaittenbachOberpfalz

Schnaittenbacher Krippenweg: Registrierkasse und Sägeblatt als Krippe

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Wer alle Stationen des Schnaittenbacher Krippenwegs ansteuern will, muss sich ranhalten. Die gut eine Stunde, die die Krippenfreunde als Anhaltspunkt nennen, reicht vielleicht nicht: Es ist einfach so viel zu sehen.

Ja, auch das ist eine Krippe. Man muss aber schon genau hinschauen, um das zu erkennen. Sehr schnell sichtbar ist, dass hier der weihnachtliche Kommerz angesprochen wird.
von Heike Unger Kontakt Profil

Zum ersten Mal gibt es in diesem Jahr in Schnaittenbach einen Krippenweg: Auf einer Strecke von rund zwei Kilometern können Interessierte hier bis Dreikönig in vielen Schaufenstern und auch in Fenstern privater Häuser 59 sehr unterschiedliche Darstellungen rund um die Weihnachtsgeschichte sehen. Die Krippenfreunde Schnaittenbach haben diese Freiluft-Ausstellung organisiert - und zeigen dabei eine vielfältige Auswahl, die teilweise wirklich sehr ungewöhnlich ist. Wer hat zum Beispiel schon einmal eine Registrierkasse als Krippe gesehen? Oder ein Sägeblatt?

Uli Reindl und Peter Pichl, die beiden Vorsitzenden der Krippenfreunde, sind selbst ein bisschen überrascht, wie viele Beiträge sie für den ersten Krippenweg zusammen bekommen haben. 59 sind es geworden, die meisten in Schnaittenbach, aber auch einige in den "Außenstellen", in Holzhammer, Neuersdorf und auf dem Buchberg.

Reihenweise "Schau"-Fenster

Ausgesucht wurden Fenster oder Plätze, die problemlos zugänglich oder von der Straße aus gut einsehbar sind. Die meisten Fenster-Besitzer, die der Verein deshalb angesprochen hat, haben sofort ihr Einverständnis gegeben, Krippen zu präsentieren - eigene oder auch fremde. Als die Krippenfreunde im Juli zum ersten Mal in Schnaittenbach nach passenden "Schau"-Fenstern gesucht hatten, hätten sie nicht gedacht, dass so viele Stationen belegt werden würden. "So 15 bis 20 werden es schon werden", zitiert Reindl die damalige bescheidene Vorstellung. Am Ende wurde jedes verfügbare Fenster gebraucht - auch alle sechs eines geschlossenen Geschäfts, die man eigentlich gar nicht alle nutzen wollte.

Wenn es spätnachmittags dunkel wird, entfaltet der Krippenweg einen besonderen Reiz, denn alle Szenen werden auch beleuchtet. Uli Reindl und Peter Pichl haben der Redaktion bei einem Rundgang stellvertretend ein paar Besonderheiten gezeigt. Die Krippenfreunde selbst sind mit einem ungewöhnlichen Beitrag vertreten: Sie haben ihr Vereinslogo im Mega-Format 2,80 mal 3 Meter in Stahlblech schneiden lassen - als Startpunkt des Krippenwegs zwischen Kirche und Rathaus.

Die Krippe im Beichtstuhl

In der Kirche haben Theo Leißl, mit 78 ältestes Vereinsmitglied, und Alfons Nagler, der ein Allrounder rund um Arbeiten mit Holz ist, einen ausrangierten Beichtstuhl zum Krippen-Schaukasten umgebaut. Sonst gibt es hier erst zu Weihnachten etwas zu sehen. Für den Krippenweg wurde der Beichtstuhl aber schon vorzeitig mit einer orientalischen Szenerie bestückt. Markus Grünwald präsentiert in einem Garten an der Rosenbühlstraße eine weitere außergewöhnliche Krippe: Er hat sich von einem Metallbauer eine stattliche, sehr moderne Version aus Metall und Holz bauen lassen, die aber ganz stilecht auf Stroh in der Holzlege residiert.

Ungewöhnlich, weil ursprünglich nicht aus der Region, sind die Grulicher Figuren aus Nordböhmen im sogenannten Krippenkastl, zu sehen in der Rosenbühlstraße 2. Dieses Schmankerl ist einst auf der Flucht mit in die Region gebracht worden. Auch eine Papierkrippe, wie sie in Tschechien/Böhmen typisch ist, gehört zum Programm: Ein kostbarer Dachboden-Fund. Die Pappschachtel, in der die Figuren waren, ermöglichte eine Datierung - sie sind rund 100 Jahre alt.

Auch provokant ist erlaubt

Im Rathausinnenhof, wo heuer wegen Corona kein Adventsmarkt stattfinden konnte, steht eine provokante "Weihnachtsdarstellung" - Diskussionen sind erlaubt, ja erwünscht. Die alte Registrierkasse, bei der man erst auf den zweiten Blick auch Krippenfiguren sieht, thematisiert den Weihnachtskommerz. "Das wird nicht jedem gefallen", meint Reindl, doch auch das ist willkommen in dieser speziellen Schau.

Natürlich gibt es auch die Klassiker, Krippen im heimatlichen oder orientalischen Stil, meist mit gekauften Figuren in liebevoll und oft sehr detailverliebt selbst gebauten Häusern, Städten, Landschaften. Doch auch hier gibt es Ungewöhnliches zu entdecken: Eine Kastenkrippe lässt den Betrachter zum Beispiel nicht nur Zeuge der traditionellen Geburtsszene in der heiligen Familie werden, sondern gibt auch detaillierte Einblick in Dachboden und Küche eines Bergbauernhofs. Handgeschnitzte Figuren sind selten, auch in diesem Verein: Wer sie kaufen will, muss viel Geld in die Hand nehmen - und Selbermachen bedeutet in diesem Fall wirklich eine hohe Kunst, die nicht mehr sehr verbreitet ist. Vereinsmitglied Alfons Nagler hat sie bis vor kurzem noch selbst gepflegt - einige seiner geschnitzten Figuren sind in der Kick-Rasel-Straße zu sehen.

Zu groß fürs Wohnzimmer

Ein stehender, ausgehöhlter Baumstamm und eine Baumscheibe als Krippe: Es muss kein Haus sein, in dem die heiligen Familie unterkommt, das zeigt der Schaukasten Auf der Loh. Hier sieht man auch die Fuchsschwanzkrippe von Peter Kiener: Er hat aus dünnem Holz, das die Form eines Sägeblatts hat, in etlichen Nachtschichten die Weihnachtsszene als "Schattenriss" herausgeschnitten.

Die vielleicht größten Figuren hat Pfarrer Josef Irlbacher im Vitusheim beigesteuert - sie sind stattliche 70 Zentimeter groß und damit eher nichts fürs Wohnzimmer. Am beliebtesten, nicht zuletzt wegen des Platzbedarfs, sind laut Reindl 10er- oder 12er-Figuren. Die Schnaittenbacher Krippenfreunde sind bei ihrem Hobby keine Puristen, sondern sehr tolerant und offen für vieles, was andernorts verpönt ist. Schließlich habe jede Krippe ihren Reiz, meinen die beiden Vorsitzenden. Und haben deshalb auch kein Problem damit, wenn in einer heimatlichen Krippe ein orientalisch gewandeter Josef steht. Genau hinschauen lohnt sich übrigens auch, wenn man als Laie solche feinen Unterschiede gar nicht bemerkt: Es ist faszinierend, welche Details die Krippenbauer teilweise selbst basteln oder auch irgendwo auftreiben - das kleine Milchkanndl neben dem alpenländischen Krippen-Stodl, ein Holzstoß mit Mini-Scheiten oder die "Wongridschala" - jene gebogenen Holzstücke, mit denen Ochsen an einen Pflug angeschirrt wurden: Hier hängen sie im Miniatur-Format unterm Dachfirst an der Stodlwand.

Original-Wirtshaus als Miniatur

Und dann ist da noch ein besonderes Schmankerl. Das alte Wawerl-Haus an der Blumenstraße ist noch eines der für diese Straße einst so typischen eingeschossigen Gebäude, hinter deren Front eine Landwirtschaft lag. Inzwischen ist es unbewohnt, seine Besitzer haben es aber für den Krippenweg schön hergerichtet und hinter den Fensterscheiben Platz für vier sehr unterschiedliche Szenen geschaffen. Die Herbergssuche gehört dazu, normalerweise eher selten dargestellt - und in diesem Fall vor einer besonderen Herberge. Denn hier hat der Krippenbauer sein Wirtshaus Zur Post dem echten Original im Ort Mantel nachgebaut. Ähnliches ist auch Hans Walasczyk gelungen, der die Pfarrkirche St. Vitus im Kleinformat nachgebildet hat, inklusive über 900 handgeschnittener Mini-Dachziegel. Das ist zwar keine Krippe, aber die kleine Kirche und die daneben platzierte Mini-Gräßmann-Kapelle passen trotzdem gut zum Krippenweg, fand der Verein.

Der Schnaittenbacher Krippenverein ist erst 2019 gegründet worden. Davor, bis 2018/19, hatte die Feuerwehr das Krippen-Brauchtum in Schnaittenbach gepflegt. Die Krippenfreunde haben 75 Mitglieder, im Alter "von knapp einem bis 78 Jahren", wie Reindl stolz sagt. Der Krippenweg wurde heuer organisiert, nachdem es im vergangenen Jahr eine klassische Krippenausstellung gegeben hatte. Beides soll künftig stets in diesem Wechsel-Turnus stattfinden. Das Interesse am Krippenweg ist groß - trotz oder vielleicht auch gerade wegen Corona (und Spaziergänge sind ja weiter erlaubt): Der Verein hatte es gewagt, 1000 Flyer zu bestellen, die alle Stationen des Krippenwegs zeigen und am Startpunkt bei Rathaus mitgenommen werden können. "Die waren innerhalb einer Woche weg", berichtet Reindl, deshalb wurden weitere Exemplare nachgeordert.

Premiere in Schnaittenbach: Ein Krippenweg

Schnaittenbach

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