05.06.2020 - 17:35 Uhr
SchönseeOberpfalz

Quarantäne aufgehoben

Mitte April rückt die Loew-Pflegeeinrichtung "Jägerhof" als Hotspot bei den Corona-Neuinfektionen in den Fokus. Sechs Wochen später gibt es Entwarnung und ein Besuchskonzept. Aber es geht nicht für alle gut aus.

„Wir sind da und schaffen das gemeinsam“, lautet die Botschaft, welche die Mitarbeiter der Loew-Pflegeeinrichtung „Jägerhof“ am Balkon hochhalten.
von Gertraud Portner Kontakt Profil

"Corona: Behindertenheim ein Schwerpunkt". Diese Meldung aus dem Landratsamt schreckte am Freitag, 17. April, die Bevölkerung des Schönseer Landes auf. Mittlerweile ist die Quarantäne im Pflegeheim "Jägerhof" der Dr. Loew Soziale Dienstleistungen aufgehoben, und die geistig behinderten Bewohner freuen sich darauf, das Gelände zum Spazierengehen und Einkaufen verlassen zu können. "Viele Menschen fragen nach, wie es uns geht", sagt Einrichtungsleiter Christian Hien im Gespräch mit Oberpfalz-Medien und beantwortet die Frage gleich selbst: "Kurz und knapp es geht uns gut soweit. Wir können Entwarnung geben."

Zwei Drittel infiziert

Rückblick: Der Virus "Covid 19" legte das ganze Haus lahm. Von den 41 Bewohnern hatten sich 32 infiziert, und auch 12 der rund 60 Mitarbeiter waren beim Reihentest positiv. Zehn Bewohner wurden zur Beobachtung in Kliniken eingeliefert, wobei laut Hien "der Krankheitsverlauf bei den meisten relativ mild war". Er senkt die Stimme: "Ein Mann mit Vorerkrankung ist aber leider verstorben." Er erinnert an die zurückliegenden sieben Wochen, die von allen Beteiligten viel abverlangten. Auf Anweisung des Gesundheitsamtes erfolgte als seuchenhygienische Maßnahme eine Kohortenisolierung (Gruppenisolierung). Das bedeutete, dass viele kurzfristig umziehen mussten. "Es gab eine Negativ-Gruppe und drei Positiv-Gruppen", berichtet Christian Hien. Besuche von Angehörigen, Spaziergänge und Ausflüge waren behördlich untersagt. Niemand durfte die Einrichtung ohne Schutzausrichtung betreten. Im Haus wurde nach den Standards des Pandemieplans von Dr. Loew Sozialen Dienstleistungen gearbeitet, der ständig an die gesetzlichen Vorgaben angepasst wurde. Nicht nur diese strukturellen Änderungen stellten eine psychische Belastung dar. Denn dazu kam, dass die Sinnhaftigkeit der Quarantäne nicht immer leicht zu vermitteln war. "Eine schwierige Sache", meint der Einrichtungsleiter. So hätten die Menschen mit geistiger Behinderung oft nicht verstanden, warum mehrmals täglich die Messung der Körpertemperatur nötig war, obwohl sie sich doch gesund fühlten.

Auch die "komisch verkleideten" Pflegekräfte empfanden viele als befremdlich. "Manche weinten, als sie uns die ersten Tage mit Maske und Schutzausrüstung sahen", berichtet eine Mitarbeiterin. Schmerzlich vermisst wurden die therapeutisch genutzten körpernahen Angebote, wie Snoezeln, basale Stimulation oder das Wasserklangbett, die zur Wahrung des Mindestabstands - soweit es eben ging - ausgesetzt waren.

Aber auch das Personal musste auf Freizeitaktivitäten verzichten und mit persönlichen Einschränkungen klarkommen. Trotz Negativ-Test durften die Mitarbeiter nur zur Arbeit fahren und standen zu Hause unter Quarantäne. Der "Jägerhof-Chef" lobt sein Team für den überaus großen Einsatz und die gezeigte Flexibilität: "Die Arbeit mit Schutzausrüstung war alles andere als angenehm." Mittlerweile geht es allen anwesenden Bewohnern gut und es seien "keine wahrnehmbaren Nachwirkungen der Corona-Infektion mehr zu spüren".

„Wir sind da und schaffen das gemeinsam“. Mitte April hatten sich 32 Bewohner und 12 Mitarbeiter mit dem Coronavirus infiziert.

Die letzte vom Gesundheitsamt angeordnete Quarantäne wurde Mitte Mai aufgehoben. "Wir verlängerten diese in unserer Einrichtung freiwillig um eine weitere Woche", berichtet Anja Fischer (Fachdienst). Danach durften wieder alle auf ihre gewohnte Gruppe und zu den bekannten Pflegekräften - und vor allem in das eigene Zimmer zurück. Langsam erkämpfe man sich mit Außenaktivitäten ein Stück Normalität zurück: Die Gesichter der Bewohner strahlten vor Freude, als Jacken und elektrischer Rollstuhl für den ersten Spaziergang nach der Quarantäne gebracht wurden. Andere können es kaum erwarten, wieder beim Abspülen zu helfen oder Handtücher zu sortieren. Die besonderen Hygienemaßnahmen (beispielsweise bei hauswirtschaftlichen Förderangeboten) laufen allerdings weiter.

Wir sind heilfroh, dass sich langsam wieder alles normalisiert.


Christian Hien, Einrichtungsleiter "Jägerhof" Schönsee

Ängste zerstreuen

"Wir sind heilfroh, dass sich langsam wieder alles normalisiert", sagt der Einrichtungsleiter. Ängste aus der Bevölkerung, die sich nach der Corona-Infizierung ab Mitte April aufgebaut haben, will er zerstreuen: "Wir versichern, dass wir nur mit Bewohnern zum Einkaufen gehen, die symptomfrei und laut aktuellem wissenschaftlichen Stand nicht mehr infektiös sind." Und Hien ergänzt: "Abgesehen davon sind nach drei Reihentestungen und vielen Einzeltests die Mitarbeiter und Bewohner des Jägerhofes die am besten getestete Bevölkerungsgruppe in Schönsee und Umgebung."

Die schwere Zeit für Bewohner und Personal ist mittlerweile vorbei. Es kann Entwarnung gegeben werden.

Für Besuche in der Einrichtung wurde ein Konzept erstellt. "Unter Auflagen können diese ab sofort in einem reduzierten Maß wieder stattfinden", sagt Christian Hien. Er ergänzt, dass der Eigenschutz und der Schutz der Bewohner weiter ernst genommen wird. "Und nach der Krise gibt es ein ordentliches Fest für die tapferen Bewohner und die engagierten Mitarbeiter!"

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