05.11.2020 - 16:22 Uhr
SchönseeOberpfalz

Wildkamera liefert den ersten Beweis: Luchs streift durch den Altlandkreis Oberviechtach

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Eine kleine Sensation: Jetzt liegt der Beweis vor, dass sich im Sommer ein Luchs in der Region aufgehalten hat. Das Jungtier tappte in zwei Fotofallen im Bereich Eslarn/Schönsee. Und es kann sogar ein gebürtiger Oberpfälzer sein.

"Die Weibchen sind die Anger für die Männchen und bilden die Grundstruktur fürs Ansiedeln", erklärt Biologin Sybille Wölfl. Luchs-Mädchen "Julchen" (Bild) wurde im Sommer im Fichtelgebirge ausgewildert. Welches Geschlecht der im Bereich Eslarn/Schönsee entdeckte junge Luchs hat, ist noch nicht bekannt.
von Gertraud Portner Kontakt Profil

"Das ist jetzt nur ein Zufallsbefund. Der Luchs ist schon seit 20 Jahren da." Für Rudolf Stadler, Förster im landkreisübergreifendem Revier des Forstbetriebs Flossenbürg der Bayerischen Staatsforsten, steht fest, "dass die vom Aussterben bedrohte Kleinkatze schon länger durch die Region streift". Jetzt gibt es aber den ersten Nachweis dafür, dass sich ein junger Luchs im zusammenhängendem Waldgebiet zwischen Eslarn und dem Oberviechtacher und Schönseer Land aufgehalten hat. Den Beweis liefern zwei Wildkamerase am Oberhöferhut (Gemeinde Eslarn, Nähe Oberlangau/Oberviechtach) und am Eulenberg bei Friedrichshäng/Schönsee. Eine Fotofalle gehört dem LfU (Landesamt für Umwelt). Bisher waren es, wie zweimal im Jahr 2009, nur Hinweise durch zufällige Begegnungen. Da der Luchs überwiegend nachts unterwegs ist und seine Umwelt gut getarnt beobachtet, bleibt er für Menschen meist unsichtbar.

Im Steinwald wurden im Oktober drei junge Luchse entdeckt

Friedenfels

Das ist jetzt nur ein Zufallsbefund. Der Luchs ist schon seit 20 Jahren da.

Revierleiter Rudolf Stadler

Revierleiter Rudolf Stadler

Zwei Nachtaufnahmen

Und so sind es dann auch zwei Nachtaufnahmen, die heuer im Abstand von nur drei Wochen entstanden sind. Der Förster schickte die Fotos an Sybille Wölfl, freiberufliche Biologin und Leiterin des Luchsprojekts Bayern. Sie ist seit 2006 offiziell mit dem amtlichen Luchs-Monitoring im Freistaat beauftragt. Wie sie Stadler am 2. November mitteilte, konnte sie den Luchs identifizieren, der am 29. Juni am Oberhöferhut und am 20. Juli am Eulenberg fotografiert wurde: "Es handelt sich beide Male um ein 2019 geborenes Jungtier der Luchsin Tanja, die ihr Territorium rund um den Cerchov bei Waldmünchen/Furth/Postrekov hat." In Luftlinie sei das 25 Kilometer entfernt, "ein Katzensprung für einen Luchs".

Sybille Wölfl erklärt auf Nachfrage von Oberpfalz-Medien, dass sie die Abstammung aufgrund des Fleckenmusters (Größe und Anordnung) feststellen konnte, was wie eine Art "Fingerabdruck" sei. Hilfreich sei dabei auch eine Datenbank und der grenzüberschreitende Austausch mit den tschechischen Kollegen. "Das läuft bestens. Wir ergänzen uns", freut sich Wölfl. Nachdem der junge Luchs das erste Mal in Tschechien gesichtet wurde, erhielt er die Nummer "B 753". Wie Wölfl erklärt, "vergeben wir erst einen Namen, wenn wir das Geschlecht wissen". Bekannt sei, dass die Luchsin Tanja 2019 zwei Junge hatte: "Wir rechnen mit mehr als 50 Prozent, dass der Eslarner Luchs ein geborener Oberpfälzer ist." Die Jungtiere müssen sich im Alter von etwa zehn Monaten ein eigenes Revier suchen. "Die Weibchen sind die Anker für die Männchen und bilden die Grundstruktur der Population", erklärt die Biologin. Das wünscht sie sich auch für die mittlere Oberpfalz, die zwischen Steinwald, Bayerischen Wald und Böhmerwald noch ein weißer Fleck sei. Wie sie berichtet, hatte es ein Luchs letztes Jahr aus dem Sumava bis in den Flossenbürger Raum (rund 150 Kilometer) geschafft. Rekordhalter ist "Bartl" mit 190 Kilometer Luftlinie vom Bayerischen Wald bis in den Frankenwald. Forstdirektor Stefan Bösl vom Forstbetrieb Flossenbürg betont auf Nachfrage von Oberpfalz-Medien: "Wir freuen uns, dass mit den schon wiederholten Sichtungen verschiedener Luchse, diese seltene und deshalb streng geschützte Tierart ihren Weg zurück in unsere Region gefunden hat." Zu Beginn 2020 habe das LfU das Vorkommen von 49 Luchsen (einschließlich 19 Jungtiere) dokumentiert. "Der Luchs ist damit derzeit dabei, in frühere Lebensräume zurückzukehren." Und Bösl ergänzt: "Dabei spielen die großräumigen, naturnahen Staatswaldgebiete der Mittelgebirge, wie auch unseres Oberpfälzer Waldes, eine wichtige Rolle als Ausbreitungsachse."

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Keine Gefahr für Menschen

Wo viele Rehe sind, da ist auch der Luchs, heißt es allgemein. Er mag aber auch Hasen und Frischlinge. "Er ist ein Ansitzjäger und springt die Beute aus dem Hinterhalt an", sagt Revierleiter Rudolf Stadler. Er ist selber Jäger und betont: "Ich gönne dem Luchs seine Beute, falls er sie erwischt." Denn nach einem missglücktem Versuch müsse er die Umgebung wechseln, um wieder auf unvorsichtiges Wild zu treffen. "Sein Einzugsgebiet ist rund 15 000 Hektar groß", gibt Stadler Entwarnung und ergänzt: "Für Menschen ist die Wildkatze keine Gefahr."

Hintergrund:

Vom Aussterben bedroht

  • Der Luchs
    Die Wildkatze hat ein geflecktes Fell mit unterschiedlich großen dunkelbraunen Flecken, Ohrpinsel, einen rundlichen Kopf mit Backenbart und einen kurzen Schwanz. Größe: Schulterhöhe 50 bis 60 Zentimeter. Gewicht: etwa 20 Kilogramm. Alter: 10 bis 20 Jahre; Jungensterblichkeit bis zu 75 Prozent. Spuren: rund, ähnlich einer Hauskatze, nur größer (6 bis 9 Zentimeter).
  • Verhalten
    Der Luchs ist nicht scheu, sondern durch seine perfekte Tarnung für den Menschen quasi unsichtbar. Er ist überwiegend in der Dämmerung und nachts unterwegs und ernährt sich in der Region überwiegend von Rehen und Hasen. Die Tiere wandern durch ein Gebiet von 150 bis 400 Quadratkilometern.
  • Rote Liste
    Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) hat 2020 die Rote Liste der Säugetiere neu aufgelegt. Der Luchs ist darin als „vom Aussterben bedroht“ eingestuft. Mitte des 19. Jahrhunderts galt der Luchs in Europa als ausgerottet. Ab den 1960er-Jahren gab es vereinzelt wieder Hinweise auf ein Vorkommen, dazu kamen in den 1970er Jahren Auswilderungen im Bayerischen Wald und in den 1980er-Jahren im Böhmerwald. Anfang 2020 hat das Landesamt für Umwelt das Vorkommen von 49 Luchsen (einschließlich 19 Jungtieren) dokumentiert.
  • Über Grenzen hinweg
    Seit 2013 gibt es das bayerisch-tschechische Projekt "Trans-Lynx". Das EU-Förderprogramm "3Lynx" (Laufzeit: Juli 2017 bis September 2020) war zum Schutz des Luchses in Deutschland, Tschechien, Österreich, Slowenien und Italien aufgelegt. In der aktuellen Lücke bis zur nächsten Projektphase springt der Verein Luchs-Bayern ein.
  • Verein
    Der Verein Luchs Bayern e.V. ist ein Zusammenschluss von Gleichgesinnten aus unterschiedlichen Fachrichtungen. Gründung: [SW] November 20[SW] 19 als Nachfolge vom Luchsprojekt Bayern. Vorsitzende ist Biologin Sybille Wölfl. Das Ziel: Das Überleben des Luchses langfristig sichern. Mitglieder können [SW] ideell und finanziell unterstützen. www.luchs-bayern.de
Dieser junge Luchs wurde im Sommer zweimal mit der Wildkamera im Staatswald zwischen Eslarn, Schönsee und Pullenried aufgenommen.

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