05.10.2021 - 10:21 Uhr
SchönseeOberpfalz

Zwickl-Festival landet erstmals in Schönsee

Die Zwickl Dokumentarfilmtage schauen mit dem tschechischen Filmfenster erstmals über die Grenze. Ein äußerst bereichernder Schritt, den im CeBB Schönsee Filmemacher und Gäste aus beiden Ländern mit viel Applaus goutieren.

von Hans EibauerProfil

Das im vergangenen Jahr begonnene grenzüberschreitende Kulturstadtprojekt des Centrum Bavaria Bohemia (CeBB) mit der Großen Kreisstadt im Mittelpunkt hat den Schwandorfer Dokumentarfilmtagen Zwickl die Chance gegeben, Filmschaffende aus dem Nachbarland einzubeziehen. Nach der Eröffnung am Freitag mit einer Livesendung auf You-Tube startete am Samstag im CeBB die Zwickl-Roadshow. Noch sind vier weitere Städte in der Oberpfalz und Pilsen Stationen der Tour.

Zwickl-Start als Live-Stream

Schwandorf

Initiatorin Anne Schleicher präsentierte am Samstag im CeBB fünf ausgewählte Dokumentarfilme mit einem Riesenkompliment an die Verantwortlichen in Schönsee. Nicht nur die Zusammenarbeit mit dem zweisprachigen Team sei reibungslos, es sei noch was anderes, das sie am CeBB fasziniert: „Es ist dieser kleine Kinosaal, nichts lenkt ab von der Leinwand, ich liebe diesen Ort und Raum.“

"Tillyschanz natürlich"

Vor den Eröffnungsworten war ein Riesenjob zu leisten, um erstmals ein tschechisches Filmfenster im Jahr 2012 von Schleicher initiierten und von der Stadt Schwandorf und Sponsoren mitgetragenen Projekt zu öffnen. Medienpartner sind in diesem Jahr die Oberpfalz-Medien. David Vereš zog die Fäden im CeBB, stellte die grenzüberschreitenden Kontakte her und freute sich, die von einer Jury ausgewählten fünf Filme live zeigen zu können. Der Abend startete mit dem 21-Minuten Streifen „Die letzte erste Tanke“ von Ferdinand Hauser und Conrad Winkler. Für Ferdinand Hauser, selbst unter den Gästen, war es fast ein Heimspiel: Während seines Praktikums im CeBB begann er mit den Recherchen zu den Filmschauplätzen und mit ersten Dreharbeiten. Die Frage ans Publikum, wo denn die tschechische Tankstelle liegt, war für Einheimische leicht zu beantworten: „Tillyschanz natürlich“.

Im Programmheft werden beide Tankstellen, die zweite liegt in Furth im Wald, als „Nicht-Orte“ apostrophiert. Was sind denn Nicht-Orte? Es sind Orte, die es überall in fast gleicher Konfiguration gibt, ziemlich austauschbar und mit denen man in der Regel nicht warm wird und keine Beziehung knüpft, so die Zwickl-Definition. Außer bei der Tankstelle in Furth, die es schon in der fünften Generation gibt, der Besitzerin ans Herz gewachsen ist und bestimmt in der Familie weitervererbt wird. "Alles andere ist nicht vorstellbar", sagt die junge Tankstellenchefin.

Haarige Geschichte

„Über die Natur und den Mensch“ ist der erste Programmteil überschrieben. Wie Seeschwalben unter dem Klimawandel in einem südmährischen Stauseegebiet leiden, spürte Kryštof Zvolánek in seinem Dokumentarfilm "Rybak" nach. Eine Filmreise voller Hindernisse mit viel Anmut. Regelrecht haarig begann der zweite Programmteil des Abends mit drei Filmen unter dem Motto „Über Männer und Frauen“. "Kann ich eine Frau sein, wenn ich meine Körperhaare einfach überall wachsen lasse?", fragt die Filmautorin Josefina Lubojacki. Eher nicht, meint sie, und zeigt die Prozeduren des Haare-Entfernens bei einem Selbstexperiment. Diesen 17 kurzen Filmminuten in "Chlupy" schließt sich der mit über einer Stunde längste Dokumentarfilm an.

Tat´jána Markovás „Libussa Unbound“ kreist um die mythische Frauenfigur, die fest mit der Geschichte von Prag und Böhmen verwoben ist. Libussa war die Stammmutter der Přemysliden, dem böhmischen Herrschergeschlecht, das bis 1306 jahrhundertelang (nur mit ein paar Unterbrechungen) an der Macht war. Der Film dokumentiert, wie der Mythos der Libussa bis heute fortlebt, als Gallionsfigur bei Umzügen, in Romanen, als Märchenfee, als "Mutter von Prag" und mehrfach als Opernfigur, am bekanntesten von Smetana.

Der letzte Beitrag des intensiven Dokumentarfilmabends führte in die historische Glashütte Lamberts in Waldsassen. Die Autorin Verena Wagner ist im Bayerischen Wald zwischen Glashütten aufgewachsen, Glas ihr Thema von Kind an. Sie nimmt die Besucher mit in die Gluthitze am Schmelzofen, überträgt den Zauber der noch flüssigen Glasmasse am Blasrohr auf die Zuschauer. Für die Arbeiter am Glasofen ist das Schwerstarbeit: Den Glaskolben aus dem Feuer nehmen, drehen, schwingen, blasen – und das wieder und wieder. Bis es ein Zylinder wird. Eine Ritze, ein kurzer Schlag und ein neuer Glaskörper ist fertig. Zwischendrin Nahaufnahmen der Schweißperlen, die von den Gesichtern auf tätowierte, muskulöse Arme tropfen, schnell ein Bissen in der Pause, dann noch ein paar Züge an der Zigarette. Zum Schluss der Blick auf farbenprächtige, wie ein Mosaik gestaltete Fenster aus Lamberts‘ Produktion. Heiße Masse wird Kunst. Im Abspann gab's als Zugabe ein ausführliches Online- Interview mit der Filmemacherin Verena Wagner.

Zwickl-Festival: Spitzen-Dokus für zwei Euro

Schwandorf

Die Zwickl-Themenseite im Onetz:

Hintergrund:

Zwickl-Roadshow

  • Die Schwandorfer Dokumentarfilmtage Zwickl sind in diesem Jahr auf Reisen. Termine:
  • Kinocenter Nittenau 8. bis 10. Oktober.
  • Andreasstadel Regensburg 15. bis 17. Oktober.
  • Ring-Theater Amberg 22. bis 24. Oktober
  • Metropol Schwandorf 27. Oktober bis 1. November.
  • Pilsen im April 2022 im Depot2015.

"Es ist dieser kleine Kinosaal, nichts lenkt ab von der Leinwand, ich liebe diesen Ort und Raum."

Anne Schleicher, Zwickl-Initatorin, über das CeBB.

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.