14.01.2021 - 00:30 Uhr
Oberpfalz

Schutzpatron gegen allerlei Seuchen

Am 20. Januar ist der Namenstag des Hl. Sebastian. Der christliche Märtyrer wird hauptsächlich als Schutzheiliger gegen die Pest angerufen. Viele Kirchen und Kapellen tragen seinen Namen. Auch heute noch gibt es mancherorts Bittgänge.

von Rainer ChristophProfil

„Froh singet heut ihr Christen all Sebastian zur Ehr. Am heut’gen Tag wir preisen ihn; sein Beispiel schauen wir (...).“ Dieses Lied erklingt am 20. Januar zu Ehren des Hl. Sebastian. Er zählt zu den am häufigsten verehrten Heiligen und wird stets mit der Pest in Verbindung gebracht.

Der Legende nach war Sebastian Hauptmann am kaiserlichen Hof Diokletians in Rom. Zunächst verheimlichte er seinen christlichen Glauben, stand jedoch den Christen in den Gefängnissen Roms bei. Bald bekehrte er immer mehr Römer und wirkte Wunder. Als der Kaiser von Sebastians Glauben erfuhr, ließ er ihn an einen Baum binden und von Bogenschützen erschießen.

Im Circus erschlagen

Für tot gehalten, blieb er am Hinrichtungsort liegen – und überlebte. Eine Witwe namens Irene pflegte seine Wunden. Wieder bei Kräften, stellte sich Sebastian Diokletian und warf ihm die Sinnlosigkeit der Christenverfolgung vor. Der Kaiser befahl daraufhin, ihn mit Keulen im Circus zu erschlagen.

Sein Leichnam soll sich in den heutigen Sebastian-Katakomben in Rom befinden. Die Verehrung Sebastians begann im sechsten Jahrhundert, als 680 eine Pestepidemie in Pavia erlosch, nachdem Sebastians Reliquien dorthin gebracht und durch die Straßen getragen wurden. Da Sebastian zu den Vierzehn Nothelfern gehört, findet man ihn in vielen katholischen Kirchen. Er gilt unter anderem als Patron der Bogen- und Armbrust- Schützen, Schützengilden (zum Beispiel Schützengesellschaft St. Sebastian Oberbibrach).

Eine Bauernregel für den 20. Januar besagt: „Sturm und Frost an Sebastian, ist den Saaten wohlgetan.“ Viel Brauchtum ist noch erhalten geblieben und wird auch gepflegt. In den Jahren 1729/30 forderte eine seuchenartige Krankheit in Grafenwöhr erheblich mehr Todesfälle als in anderen Jahren. In ihrer Not beteten die Bewohner um Hilfe durch den Pestheiligen Sebastian und gelobten, in Zukunft seinen Namenstag als Feiertag zu halten, um von weiterer Gefahr verschont zu bleiben. Bis heute wird der 20. Januar im Ort als „Gelübdefeiertag“ begangen, zu dem die Kolpingsfamilie einlädt. Nach einem Kirchenzug findet in der Alten Pfarrkirche ein feierlicher Gedenkgottesdienst statt. Danach trifft man sich am Marktplatz mit Tee und einem besonderen Gebäck, den „Sebastianspfeilen“.

Sebastiani-Wallfahrt

Auf eine Pestepidemie von 1635 geht ein Bittgang der Parksteiner am Sebastianstag ins sechs Kilometer entfernte Kirchendemenreuth zurück. Die Überlebenden pilgerten dankbar Jahr für Jahr in die Nachbargemeinde, um unter dem Bild des Märtyrers Sebastian am rechten Seitenaltar in der Pfarrkirche St. Johannes der Täufer zu beten. Organisiert wird der Bittgang vom Katholischen Männerverein. Aufgrund der Corona-Pandemie kann die Sebastiani-Wallfahrt in diesem Jahr nicht stattfinden. Alternativ findet der Gottesdienst am Sonntag um 8.30 Uhr in Parkstein mit besonderem Gebet um die Fürsprache des Hl. Sebastian statt.

In der Oberpfalz gibt es viele Sebastianskirchen. Meist wurden sie in Verbindung mit einem Ausbruch der Pest erbaut und waren Ziele von Wallfahrten. Nahezu alle erlitten ähnliche Schicksale: Brände, Reformation, Säkularisation und Umbauten. Ein Beispiel: St. Sebastian in Weiden. Es fällt auf, dass in der Weidener Literatur die Sebastiankirche, die zur Pfarrei St. Josef gehört, kaum oder gar nicht vorkommt. Dabei geht ihre Geschichte – sie wird auch Handwerkerkirche genannt – ins 15. Jahrhundert zurück. Ein Weidener Bürger-Paar ließ das Kirchlein für den Patron Sebastian in der „Lederer-Vorstadt“ erbauen. Eine wechselhafte Geschichte sollte das Gotteshaus in den kommenden 540 Jahren erwarten. Nach über 40 Jahren, angeblich wurde sie durch einen Blitzschlag oder beim Stadtbrand zerstört, erfolgte 1629 der Wiederaufbau.

Mit dem Glaubenswechsel in der Oberpfalz wurde die Kirche vom damaligen protestantischen Pfarrer Tobias Clausnitzer 1649 zum Pfarrstadel umgewidmet. Im Rahmen der Rekatholisierung war der Kapuzinerorden in Weiden, Parkstein und Neustadt als Pfarrseelsorger im Einsatz. Die Mönche drängten darauf, dass die Kirche 1680 erneut in Betrieb genommen wurde. 1691 bis 1693 erfolgte ein Ausbau durch den Neustädter Barockbaumeister Johann Leonhard Mayer. Die Innenausstattung: drei barocke Altäre zu Ehren des Hl. Sebastian, der Hl. Apollonia und der Hl. Agnes, eine Kanzel und Beichtstühle, ein großes Kreuz und weitere Statuen. Ein Deckengemälde zeigt den Hl. Franziskus.

Renaissance-Grabstein

Nun wurde St. Sebastian zur Wallfahrtskirche und zur Begräbnisstätte für Kapuziner und adelige Familien. Insgesamt haben sich rund 13 Grabmäler erhalten, vier befinden sich im Chor. Am westlichen Chorbogen ist der künstlerisch wertvollste und älteste Renaissance-Grabstein zu finden. Kurfürst Friedrich von Parkstein-Weiden-Vohenstrauß und seine Gemahlin Fürstin Catharina Herzogin zu Liegnitz in Schlesien ließen es für ihre 1590 in Weiden gestorbenen, wenige Wochen alten Zwillingskinder errichten.

Säkularisation

In der Zeit der Säkularisation wurde nach 1819 das barocke Innere zerstört. Der damals gebräuchliche Stil der Neuromanik hielt Einzug. Nach 1929 erfolgte eine Neugestaltung. Der barocke Stil der Kirche blieb insgesamt erhalten. Auch die Gotik wurde nicht gänzlich ausgemerzt.

Über die Zeit danach gibt es keine Aufzeichnungen. Die Kirche wurde viel von katholischen Vereinen genutzt, die hier Gottesdienste im kleinen Rahmen abhielten.

Das ging so bis ins Jahr 2008. Der ehemalige Mesner von St. Josef in Weiden, Werner Wilzek, genannt auch das „wachsame Auge von St. Sebastian“, machte auf massive Schäden an Mauerwerk und Dachstuhl aufmerksam. Ein Aktionskreis „Rettet St. Sebastian“ gründete sich 2015 und hatte am Ende 161 Mitglieder. Den Vorsitz hatte Kreishandwerksmeister Karl Arnold, maßgeblich unterstützt vom Pfarrer i. R. Egid Mühlbauer, der oft in St. Sebastian die Messe zelebriert hatte.

2017 kam aus Regensburg die stiftungsaufsichtliche Genehmigung für das Projekt. Der Weidener Architekt Walter Bauer übernahm die Untersuchungen und Planungen. Fachgerechte Untersuchungen folgten.

Diese zeigten, dass der Dachstuhl aus dem Jahr 1691 stammt. Das älteste Holz einer Kiefer zeigt 109 Jahresringe. Das bedeutet, der Nadelbaum wurde 1582 gepflanzt und bei der Mondphase 1691 gefällt.

Am Josefi-Tag 2018 wurde die Kirche eingerüstet. Im November 2020 wurde die Außensanierung abgeschlossen. Am 6. November war die offizielle Eröffnung mit einem Gottesdienst. Die Innensanierung steht noch auf dem Plan. Damit überlebte St. Sebastian als einziger Kirchenbau die rund zehn Kapellen und kleineren Kirchen der Stadt. Bei den Gesamtkosten von 695 330 Euro, sind 200 000 Euro durch Spenden erfolgt. Heute ist St. Sebastian nicht nur ein historisches Kleinod in der Stadt Weiden, beliebt ist sie besonders für Hochzeiten. Die geplanten Kirchenführungen am Namenstag des Heiligen fallen 2021 aus. Ob der am 20. Januar angesetzte Patroziniumsgottesdienst um 18.30 Uhr stattfindet, ist noch offen.

Weitere Sebastiankirchen: Ein Vorgängerbau der alten Pfarrkirche St. Sebastian in Waldershof bekam 1287 vom Waldsassener Zisterzienser-Kloster die Genehmigung, Ablässe zu vergeben. Nach einer Erweiterung wurde die Kirche nach 270 Jahren mit dem Doppelpatronat der Heiligen Florian und Sebastian konkretisiert. 1521 grassierte in der Gegend die Pest, das beflügelte die Prozessionen zum Hl. Sebastian. Mit der Reformation erloschen diese.

Älteste Wallfahrt

Ab 1662 kam die Hinwendung zum Katholizismus durch zwei Jesuitenpriester. Im Herbst 1748 und 1807 vernichteten Großfeuer den gesamten Ort mit Kirche. Unter großen Anstrengungen erfolgte 1818 ein Wiederaufbau. Das Altarbild mit dem Heiligen Sebastian am Hochaltar von 1928 fertigte der Münchener Künstler Wittmann. Waldershof kann die älteste Sebastian-Wallfahrt in der Diözese Regensburg vorweisen. Ihre Hochzeit war im 16. Jahrhundert.

Auch die kleine Kapplkirche ist dem Hl. Sebastian geweiht. Sie gehört zur Pfarrei Neualbenreuth-Ottengrün-Wernersreuth. Die Besitzer von Ottengrün erbauten Mitte des 15. Jahrhunderts eine Kapelle. Wegen des Anstiegs der Wallfahrten wurde die katholischen Kirche St. Sebastian in den Jahren 1725 bis 1727 durch den heutigen Bau ersetzt.

Schlosskirche Schönreuth

Die Sankt-Sebastian-Kirche im Kemnather Ortsteil Schönreuth war ursprünglich die Schlosskirche des Ortes. Es wird vermutet, dass sie Ende des 15. Jahrhunderts errichtet wurde. Der Innenraum wurde zwischen 1963 und 1980 restauriert. Das Bild des Hl. Sebastian und der Altar konnten 1819 aus der brennenden Kapelle gerettet werden.

Die Sebastiankirchen im Altlandkreis Vohenstrauß stellte der ehemalige Kreisheimatpfleger Peter Stanicek zusammen. Während des Dreißigjährigen Krieges versprachen die Bürger von Leuchtenberg dem Hl. Sebastian den Bau einer Kapelle, wenn er die Pestilenz von ihnen fernhalte. Der Ort hatte Glück, 1740 entstand nach der Chronik von Georg Brunner die heutige Friedhofskirche, die den Hl. Sebastian zum Patron hat.

In Burgtreswitz steht eine Sebastianskapelle an der Straße nach Moosbach im Schatten einer uralten Linde. Auch die Friedhofskirche in Eslarn ist dem Heiligen geweiht, heute nutzt sie auch die evangelische Kirche für Gottesdienste. In Waldthurn ist die Pfarrkirche Sebastian geweiht. Ein beeindruckendes Schnitzwerk des Heiligen befindet sich in der neu umgestalteten Kirche. In Altenparkstein steht an der Straße eine Sebastianskapelle.

Rund 310 Jahre ist die Sebastianskirche auf dem Auberg bei Kallmünz alt. Auch ihr Bau hängt mit einem Pest-Ausbruch von 1713 zusammen. Gleiches gilt für die Sebastiankirchen in Hochdorf, Regenstauf und Burglengenfeld.

Sebastiansviertel

Zum katholischen Pfarramt St. Georg in Amberg gehört die Sebastiankirche im „Sebastianviertel“ der Stadt. Sie geht zurück auf das Jahr 1473. Groß gefeiert wird das Fest des Hl. Sebastian am 20. Januar in Amberg. Eine ganze Woche lang gibt es täglich zwei Gottesdienste und eine Andacht. Daran beteiligen sich sieben Amberger Pfarreien und die Nachbarpfarrei Kümmersbruck.

Zur Pfarrei Waldmünchen gehört die Kirche mit dem Doppelpatronat St.-Anna- und-St.-Sebastian-Kirche in Herzogau. Im kräftigen Rokokostil erbaut wurde sie 1787. Den beeindruckenden Hochaltar schmückt ein Bild des Hl. Sebastian am Marterpfahl. Über ihm die Hl. Anna mit ihrem Kind Maria, links am Hochaltar der Hl. Josef, rechts Zacharias mit der Buchrolle. Sie wurde nie zerstört. (cr)

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