14.04.2021 - 21:37 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Betrugsprozess: Der Teufel steckt im juristischen Detail

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Seine Gutmütigkeit kommt den Mann teuer zu stehen: 355000 Euro zahlt er an eine Frau aus dem Landkreis Schwandorf als Darlehen. Nachdem er davon nichts zurückbekommt, erstattet er Anzeige. Beim Prozess kommt es aber noch dicker für ihn.

Wegen Betrugs in 98 Fällen musste sich eine 37-Jährige vor dem Schwandorfer Schöffengericht verantworten. Dabei ging es um die stolze Summe von rund 355 000 Euro.
von Benjamin Tietz Kontakt Profil

Die Geschichte von Hans F. und Jana R. (Namen geändert) begann im Jahr 2009 oder 2010 in einer Discothek in Wackersdorf. Sie endete am Mittwoch vor dem Schöffengericht am Schwandorfer Amtsgericht unter Vorsitz von Peter Jung. Dort musste sich die 37-Jährige Jana R. wegen Betrugs in 98 Fällen verantworten.

Zurück zum Anfang: Nachdem sich die beiden kennengelernt hatten, blieben sie fortan in Kontakt, auch wenn die Entfernung in die Schweizer Heimat von Hans F. groß war. Irgendwann, so schilderte der heute 52-Jährige vor Gericht, habe Jana R. ihn um finanzielle Unterstützung gebeten, weil sie Mietrückstände habe. Hans F. zahlt. Wie so oft in den kommenden Jahren. Die Gründe werden in der Folge immer abenteuerlicher, die Beträge immer größer: Bis zu 7000 Euro auf einmal überweist der Mann in gutem Glauben an die Frau aus dem Landkreis Schwandorf. Insgesamt gibt es zwischen Juni 2014 und Juni 2019 insgesamt 98 Geldeingänge auf dem Konto der heute 37-Jährigen. Die Summe: Stolze 355 400 Euro.

Wie Hans F. Richter Peter Jung darlegte, habe ihm die Frau stets vorgegeben in großer Not zu sein. Da ging es zum Beispiel um einen Wasserschadensfall in ihrem Haus in Rumänien, einen Unfall, für den sie in Rumänien Schmerzensgeld aufbringen müsse, weil sie sonst nicht mehr nach Hause komme, die Bestattungskosten für ihren Vater oder eine dringende Operation.

"Einer Mutter glaube ich das"

Der 52-Jährige überweist und überweist - stets in der festen Überzeugung, das Geld wieder zu erhalten. Jana R. habe ihm nämlich zugesagt, ihr Haus in Rumänien zu verkaufen und von dem Erlös ihre Schulden bei Hans F. zu begleichen. Darauf vertraute er. "Sie ist mir schon ans Herz gewachsen", sagte er dem Schöffengericht. Außerdem habe sie das beim Leben ihres Sohnes geschworen: "Einer Mutter glaube ich das". Erst spät kam er aber auf die Idee, eine schriftliche Garantie zu fordern, die sie ihm schließlich per Whatsapp gab und zusagte, das Geld zu einem bestimmten Zeitpunkt zurückzuzahlen.

Gesehen haben sich die beiden in den fast zehn Jahren offenbar nur dreimal: Einmal beim Kennenlernen in der Disco, einmal in einem Hotel in Erding, wo man sich laut Hans F. auch körperlich näher gekommen sei und einmal, als Hans F. sie 2019 im Landkreis Schwandorf besuchte. Dort fuhr er hin, um sein Geld zurückzufordern, nachdem die 37-Jährige ihrer Whatsapp-Zusage keine Taten hatte folgen lassen.

Schließlich ging Hans F. zur Polizei und erstattete Anzeige wegen Betrugs, weshalb es nun zur Verhandlung kam. Jana R. zeichnete dabei ein ganz anderes Bild von Hans F.: Das eines kontrollsüchtigen Despoten, der ihr Geld geschickt habe, das sie überhaupt nicht wollte. Außerdem sei keine Rede davon gewesen, dass sie die Summe zurückzahlen sollte. "Auf einmal sagte er, dass er sein Geld zurück will", schilderte sie dem Richter. Wie sie weiter ausführte, habe sie Hans F. mehrfach am Tag angerufen, ihr oftmals gesagt, dass sie es ohne ihn überhaupt nicht schaffen werde und ihr schließlich gedroht. Dadurch sei sie spielsüchtig geworden und habe oft ihren gesamten Arbeitslohn - nicht das überwiesene Geld - in der Spielhalle verzockt.

Geld "einfach weg"

Das führte vor allem zu einer Frage: Was passierte mit all dem Geld? "Es ist einfach fort geflossen, einfach weg. Ich weiß nicht, wo es hingekommen ist", lautete die Antwort. Eine weitere Frage, die auf der Hand lag: Warum hat die Angeklagte das Geld nicht einfach zurückgeschickt? "Wenn jemand kommt und das einer Alleinerziehenden schickt...", entgegnete Jana R. Außerdem habe sie genau das am Schluss getan, das Konto geschlossen und versucht, die Telefonnummer von Hans F. zu blocken.

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Dass Jana R. am Ende freigesprochen wurde, lag nicht etwa daran, dass das Gericht ihren Ausführungen vollumfänglich Glauben schenkte, im Gegenteil: "Der Zeuge ist absolut glaubwürdig", betonte Richter Peter Jung. Das Gericht sei überzeugt, dass er getäuscht worden und dass ein Bedarf erfunden worden sei, der nicht vorhanden war. "Es haben Täuschungshandlungen stattgefunden", war Jung überzeugt.

Allerdings steckte der Teufel im juristischen Detail: So muss ein Betrug mehrere Merkmale erfüllen, um als solcher zu gelten. Und in diesem Fall waren laut Richter Jung alle erfüllt - bis auf eines. Konkret ging es darum, dass es notwendig gewesen wäre, den einzelnen Überweisungen die genauen jeweils vorgespielten Tatsachen - wie etwa beispielsweise die Operation, Mietrückstände oder Beerdigungskosten - zuordnen zu können. Und genau diese Verknüpfung war nicht mehr möglich. "Wenn es immer derselbe Grund gewesen wäre, dann wäre es einfach", schilderte der Richter. In diesem Fall seien sie aber immer unterschiedlicher Art gewesen. Ergo: "Die Angeklagte ist aus rechtlichen Gründen deshalb freizusprechen".

Staatsanwältin Barbara Tutsch hatte eine Haftstrafe von zwei Jahren und drei Monaten für die Angeklagte gefordert, Verteidigerin Claudia Wagner sah den Tatvorwurf des Betrugs in keinster Weise nachgewiesen und hatte deshalb einen Freispruch für ihre Mandantin gefordert.

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