17.09.2021 - 14:43 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Boom der Solarparks: Die Grenzen der Sonnen-Goldgräber

Beim Ausbau der Windkraft herrscht Flaute. Doch wenn es um Fotovoltaikanlagen auf Wiesen und Feldern geht, fegt ein Sturm durch den Landkreis Schwandorf. Etliche Bürgermeister können sich vor Anfragen kaum retten.

Das ist nicht das Dach des Olympiastadions in München, sondern die PV-Freiflächenanlage bei Wolfring (Gemeinde Fensterbach), eine der größten im Landkreis Schwandorf.
von Uli Piehler Kontakt Profil

Bei Josef Deichl läutet das Telefon der Fotovoltaik-Investoren. Der Bürgermeister von Schmidgaden sagt, die Interessenten stünden bei ihm Schlange. "Zurzeit habe ich Anfragen für insgesamt 50 Hektar auf dem Schreibtisch liegen", berichtete er vor kurzem den Mitgliedern des Gemeinderates. 50 Hektar, das entspricht fast 70 Fußballfeldern. Deichl weiß, dass viele der Vorhaben wohl im Sande verlaufen werden. Aber vielleicht nicht alle. "Darüber müssen wir im Gemeinderat reden", sagt er.

Beim Landratsamt schlagen die Projekte erst dann auf, wenn die Gemeinden sich zur Realisierung durchgerungen haben und konkrete Bebauungsplanverfahren auf den Weg bringen. Der Sprecher der Behörde, Hans Prechtl, bestätigt, dass gerade verstärkt nach geeigneten Flächen Ausschau gehalten wird. "Vor allem Gemeinden entlang der Autobahnen und der Bahnlinien stehen dabei im Fokus", sagt er. Direkt an den Verkehrsachsen gibt es oft die wenigsten Probleme für die Projektanten. Prechtl: "Was beim Landratsamt anhängig ist, ist ein Bruchteil dessen, was in den Kommunen angefragt wird."

Auch in Nabburg war in den vergangenen Monaten so etwas wie Goldgräberstimmung zu spüren. "Teilweise hat es Bauvoranfragen für Grundstücke gegeben, deren Eigentümer noch gar nix davon gewusst haben", berichtet Bürgermeister Frank Zeitler. Die Stadt hat reagiert und im Frühjahr Richtlinien erlassen. "Seitdem ist es ruhiger geworden", stellt Zeitler fest. Kein Wunder. Die vom Stadtrat mit knapper Mehrheit beschlossenen Vorgaben sehen vor, dass insgesamt nur ein Prozent der landwirtschaftlich genutzten Flächen im Gebiet der Kommune für PV-Anlagen genutzt werden dürfen. Diese Grenze ist bald erreicht. Die fünf bestehenden Solarkraftwerke umfassen zusammen bereits 22,52 Hektar, bei 25,85 ist Schluss.

Karl Gorbunov ist bei der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz mit der Thematik befasst. Er kennt die Rahmenbedingungen, die den aktuellen Boom ermöglichen. Auch wenn die Einspeisevergütung für eine Kilowattstunde Strom derzeit nur 0,068 Cent betrage, rechneten sich PV-Anlagen auf freiem Feld - vorausgesetzt, die Größe stimmt. Hier gelte für die Projektanten die Faustregel: je größer desto besser. In den meisten Fällen seien nicht die Landwirte selbst die Betreiber, sondern Unternehmen, die bereits eine Vielzahl solcher Solarparks betreiben. Für die Landwirte sei die langfristig zugesicherte Pacht attraktiv. Gorbunov: "Da kann der Feldbau nicht mithalten."

Die Genossenschaft "Bürgerenergie Mittlere Oberpfalz" (Bemo) freut sich zwar, wenn die Energiewende vorankommt, ihr Sprecher Ernst-Georg Bräutigam sieht die aktuelle Goldgräber-Stimmung dennoch kritisch. Die ganze Oberpfalz werde derzeit von Projektentwicklern abgegrast. "Wir gehören nicht zu diesem Kreis", stellt Bräutigam klar. Die Bemo betreibt zwei PV-Freiflächenanlagen, eine an der A 6 bei Schmidgaden, eine an der A 93 bei Perschen. Als Bürgergenossenschaft ist es der Bemo wichtig, die Anwohner zu beteiligen und die Wertschöpfung vor Ort zu gewährleisten, denn: "Bürgernähe schafft Akzeptanz." Ein gravierender Unterschied zu manch anderem Investorenprojekt. Bräutigam traut sich keine Prognose zu, wie lange der Boom noch anhält. Eines ist für ihn aber klar: "Die Energiewende ist noch nicht voll umgesetzt. Wir brauchen Fotovoltaik nach wie vor." Spannend werde es da, welche Richtung nach den Bundestagswahlen die neue Regierung einschlägt.

Richtlinien für Solarparks in Nabburg

Nabburg
Sie sehen aus, wie aneinandergereihte Bierzelte: Die Solarmodule bei Wolfring ergeben eine Dachlandschaft.
Info:

PV-Freiflächenanlagen im Kreis Schwandorf

Eine Auswahl der Orte mit den leistungsstärksten Fotovoltaik-Freiflächenanlagen im Landkreis Schwandorf laut Bayerischem Energieatlas. Angaben in Kilowatt-Peak (KWP) und Jahr der Inbetriebnahme. Kilowatt-Peak beschreibt die Spitzenleistung unter genormten Testbedingungen.

  • Wolfring: 9999 KWP, 2019
  • Fronberg: 9992 KWP, 2017
  • Ponholz: 6413 KWP, 2009
  • Stulln: 4415 KWP, 2012
  • Lindenlohe: 4282 KWP, 2012
  • Perschen: 2466 KWP, 2012
  • Schwandorf: 1998 KWP, 2014
  • Mathiasgrube: 1711 KWP, 2011
  • Eckendorf: 1620 KWP, 2009

"Zurzeit habe ich Anfragen für insgesamt 50 Hektar auf dem Schreibtisch liegen"

Josef Deichl, Bürgermeister Schmidgaden

Josef Deichl, Bürgermeister Schmidgaden

"Die Energiewende ist noch nicht voll umgesetzt. Wir brauchen Fotovoltaik nach wie vor."


Ernst-Georg Bräutigam, Genossenschaft "Bürgerenergie Mittlere Oberpfalz"

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