13.04.2021 - 12:57 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Mit Briefen gegen weltweites Unrecht: Amnesty Schwandorf besteht seit 25 Jahren

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Sie setzen auf den steten Tropfen, der Gefängnismauern höhlen soll: : Die Kreisgruppe von Amnesty International (ai) setzt sich mit Briefaktionen für Verfolgte ein. Und das seit einem Vierteljahrhundert.

Auch die Pandemie kann die Kreisgruppe nicht stoppen: Zum Tag der Menschenrechte 2020 war Amnesty International mit einer Mahnwache am Schwandorfer Marktplatz vertreten.
von Clemens Hösamer Kontakt Profil

Ein Trinkspruch steht am Anfang der Geschichte von Amnesty International: Zwei portugiesische Studenten bringen in einem Café in Lissabon einen "Toast auf die Freiheit" aus. Kurz darauf werden sie verhaftet: Unter Diktator Salazar ist die Erwähnung des Wortes "Freiheit" verboten. Anwalt Peter Benenson erfährt 1960 in London von dem Urteil gegen die Studenten: Sieben Jahre Haft. Ein Jahr später schreibt Benenson im "Observer" einen Artikel über "vergessene Gefangene" und fordert die Leser auf, mit Briefen an die jeweiligen Regierungen die Freilassung der politischen Gefangenen zu fordern. Dieser "Appeal for Amnesty" war der Startschuss für Amnesty International.

Bald gründen sich in der Bundesrepublik erste Gruppen. In Weiden, in Regensburg, in Amberg. "Der Landkreis Schwandorf blieb lange ein weißer Fleck", berichtet Barbara Beck, Sprecherin der ai-Kreisgruppe. Aktive aus den Nachbarkreisen suchten Mitstreiter in Schwandorf, unterstützt unter anderem von Altlandrat Hans Schuierer. Ein knappes Dutzend Leute findet sich zusammen und gründet am 23. April 1996 die Schwandorfer Kreisgruppe. "Zu Sprecher wurde Josef Karl gewählt", erinnert sich Beck. Die Kollegen aus den Nachbarkreisen halfen in der Aufbauphase mit. 1997 wird Franziska Mayer Sprecherin, sie bleibt es bis 2009. "Zunächst haben wir uns um die Situation der Kurden im Irak gekümmert", berichtet Beck den Oberpfalz-Medien. Mit Info-Ständen und Veranstaltungen macht die Kreisgruppe auf sich aufmerksam, organisiert Ausstellungen.

Erste Langzeitfälle

Wie alle Kreisgruppen setzen auch die Schwandorfer auf das Grundprinzip von ai: Sie schreiben Briefe an die Herrschenden. Unermüdlich. Immer wieder, über Jahre. Die Gruppe übernimmt die ersten Langzeitfälle, Inhaftierte in Ägypten und Afghanistan. Ab 2003 setzen sich die Schwandorfer für den Schriftsteller Ko Aung Htun ein, der 1998 in Myanmar aus politischen inhaftiert worden war. 2009 wird der Schriftsteller entlassen. "Solche Erfolge freuen uns natürlich sehr", sagt Beck im Gespräch mit der Redaktion. Und die Erfolge sind natürlich Ansporn, die Arbeit fortzusetzen. Briefe gehen in den Iran, fordern die Freilassung von Nasrin Sotoudeh, einer Menschenrechtsaktivistin und Anwältin. Sie ist weiter im Gefängnis.

"Es gibt immer einen Pool von Fällen, die von den einzelnen Gruppen übernommen werden," erklärt Beck, die von Beruf Juristin ist. "Case-Sheets", also gewissermaßen Fall-Akten, die von der weltweiten Organisation zusammengestellt werden, stehen den Kreisgruppen zur Verfügung. Manche Fälle, erklärt Beck, werden auch von mehreren Gruppen gemeinsam bearbeitet. So pflegen die Schwandorfer Kontakte zu ai-Gruppen in Lugano und Köln. "Wir sprechen uns ab, wer welche Aktion startet".

Einsatz für Ilham Tohti

Einen aktuellen Fall, den die Schwandorfer Gruppe seit 2020 bearbeitet, erläutert Beck: Er betrifft den chinesischen Wirtschaftswissenschaftler Ilham Tohti. Der Professor gehört der Ethnie der Uiguren an. Er gründete 2006 eine Website, die für ein besseres Verhältnis zwischen Uiguren und Han-Chinesen sorgen sollte. Die Regierung in Peking sah das anders, verbot die Seite. Wegen angeblichen "Separatismus" wurde der Wissenschaftler 2009 erstmals verhaftet, dann in eine Art "Hausarrest" freigelassen. 2014 wurde Tohti mit seiner Mutter erneut verhaftet, lebenslanger Haft verurteilt. 2016 wurde dem Aktivisten der Sacharow-Preis des Europäischen Parlaments verliehen.

"Unser Mitglied Edgar Hägler schreibt jede Woche ans Gefängnis", erzählt Barbara Beck, "es ist wichtig, dass immer nach Tohti gefragt wird." Niemand wisse genau, wie es dem Gefangenen geht, er sitze in Isolationshaft. "Wir hoffen, dass er noch lebt".

Die Kreisgruppe muss wegen Corona auch auf ihre regulären Termine verzichten, spricht sich über Telefon oder bei online-Konferenzen ab. Beck hofft jedenfalls, dass das Jubiläum noch gefeiert werden kann, vielleicht zum Tag der Menschenrechte, der jedes Jahr am 10. Dezember begangen wird. Aber egal wie, aufgeben gibt's nicht für das knappe Dutzend Aktivisten. "Wir könnten noch Unterstützung gebrauchen", wirbt Beck für die Gruppe. Ihr Wunsch zum Jubiläum? "Der Traum wäre, dass unsere Arbeit überflüssig wird."

Menschenrechte immer wieder in den Fokus rücken

Schwandorf
An Informationsständen sammelt Amnesty International regelmäßig Unterschriften.
Eine Ausstellung im Landratsamt: Mit Aktionen wie diesen macht die Kreisgruppe von Amnesty International auf sich aufmerksam.
Ein Bild aus den Anfangszeiten der Kreisgruppe mit der heutigen Sprecherin Barbara Beck (rechts) und ihrer Vorgängerin Franziska Mayer (Dritte von links). Ihr 2020 verstorbener Mann, der ehemalige NT-Redakteur Heinrich Mayer (links), gehörte ebenfalls zu den Amnesty-Mitgliedern der ersten Stunde.
Info:

Amnesty International

  • Amnesty International setzt sich seit 1961 weltweit für Menschenrechte ein.
  • Die Nichtregierungsorganisation legt die "Allgemeine Erklärung der Menschenrechte" ihrer Arbeit zugrunde.
  • Rund sieben Millionen Mitglieder und Unterstützer zählt ai nach eigenen Angaben in 150 Staaten weltweit.
  • Die deutsche Sektion wurde ebenfalls 1961 von den Journalisten Gerd Ruge, Carola Stern und Felix Rexhausen gegründet.
  • In der Bundesrepublik zählt ai etwa 30000 Mitglieder, 9000 davon sind in etwa 600 lokalen Gruppen aktiv.
  • Die Schwandorfer Kreisgruppe berichtet über ihre Arbeit im Netz unter amnesty-schwandorf.de
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