17.10.2021 - 10:30 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Energiewende im Kreis Schwandorf: Noch reicht's nicht zur Eigenversorgung

Wie viel des Stroms, den Haushalte, Wirtschaft und Kommunen im Landkreis Schwandorf verbrauchen, wird auch in der Region produziert? Der Energiemonitor im Netz schafft Klarheit.

Über das ganze Jahr gesehen wird deutlich, dass die Verbrauch (Kurve oben) immer über dem regional erzeugten Strom liegt. Die Darstellung ist im Energiemonitor für den Landkreis Schwandorf abrufbar.
von Clemens Hösamer Kontakt Profil

Die Energiewende in Live-Grafiken: Das bietet der Energiemonitor, den das Bayernwerk entwickelt hat. Alle Viertelstunde wird aktualisiert, wie viel Strom die Haushalte, Industrie, Gewerbe und kommunale Anlagen verbrauchen – und wie viel davon aus erneuerbaren Energien und weiteren Erzeugern in den ausgewerteten Regionen zur Verfügung gestellt wird. Die Zahlen zeigen: Von Selbstversorgung im Kreis Schwandorf kann meist keine Rede sein.

Der Landkreis Schwandorf lässt die regionalen Zahlen seit Ende 2019 aufbereiten, das Portal ist im Internetangebot des Landratsamts verlinkt. Seit 2018 bietet das Bayernwerk den Energiemonitor an. „Unser Ziel war es, den Kommunen eine interessante Plattform anzubieten, die Transparenz schafft und ein motivierender Begleiter auf dem Weg in die lokale Energiezukunft sein kann“, erläutert der Pressesprecher der Bayernwerk AG, Maximilian Zängl, auf Nachfrage der Oberpfalz-Medien. Der Monitor liefert, auf die Kommune zugeschnitten, aktuelle Werte. Im Kreis nutzen außerdem Bodenwöhr, Maxhütte-Haidhof, Oberviechtach und Teublitz den Monitor; in ganz Bayern sind 83 Kommunen dabei. Der Service ist nicht kostenlos. „Für Gemeinden mit einer Einwohnerzahl von unter 2000 gibt es den Energiemonitor schon ab 109 Euro monatlich", erläutert Zängl. Bis 10000 Einwohner fallen Kosten von 139 Euro im Monat an. Über 1000 Zugriffe pro Monat registriert das Bayernwerk auf den Seiten beteiligter Landkreise.

Über 11000 PV-Anlagen

Der Energiemonitor betrachtet laut Zängl die reine Netzsituation. Im Kreis Schwandorf speisen knapp 80 Biomasse-, rund 100 Wasserkraft-, über 11000 Photovoltaikanlagen sowie acht Windräder Strom ins Netz. Dazu kommen rund 140 weitere Erzeuger wie Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen. Zu den "Lieferanten" zählen auch das Müllkraftwerk Schwandorf und die Kraftwerksgruppe Reisach (Trausnitz). Auf Verbraucherseite stehen laut Zängl "knapp 12000 Industrie- und Gewerbebetriebe, etwa 1800 kommunale Anlagen und rund 66000 private Haushalte". Nicht enthalten sind die Energiemengen, die Erzeuger gleich selbst verbrauchen.

Auch wenn der Schnitt über die zurückliegenden zwölf Monate zeigt, dass nur etwa 54 Prozent des im Kreis verbrauchten Stroms durch regionale Produktion gedeckt ist: Es gibt Stunden, in denen die Produktion den Verbrauch übersteigt. Das belastet das Netz. Hier setzt der Energiemonitor an. "Wir haben je nach Wetter Netzsituationen, wo durch hohe regenerative Einspeisung und hohe Eigenproduktion mehr lokale Energie vorhanden ist, als vor Ort zeitgleich benötigt wird. Diese Situationen zu nutzen und den eigenen Energiebedarf genau dann zu decken, hat richtig Sinn," sagt Zängl. Im Idealfall können Haushalte dann Verbraucher wie etwa eine Waschmaschine laufen lassen. Oder ein Elektroauto aufladen. Beides würde das Netz entlasten.

Schere offen

Ein Blick auf den Monitor an Herbsttagen zeigt meist eine weit offene Schere zwischen Verbrauch und Produktion. Am Mittwoch, 13. Oktober, wurden im Landkreis knapp 4120 Megawattstunden (MWh; entspricht 1000 kWh) benötigt. Eine Waschmaschine (2000 Watt) könnte damit übrigens über 235 Jahre lang ununterbrochen laufen. An diesem Tag wurden im Kreis etwa 1466 MWh Strom produziert (66 MWh Windkraft, 520 MWh PV, 280 MWh weitere Anlagen, 210 MWh Wasserkraft und 390 MWh Biomasse). Die Selbstversorgung lag bei etwa 35 Prozent. Auch wenn der Monitor für die ganze Woche vom 7. bis 13. Oktober ein "Minus" zeigt: Am Samstag, 9. Oktober, wurde zeitweise mehr erzeugt als verbraucht, 115,07 MWh ins Netz eingespeist. Auf den ganzen Tag gesehen mussten von Kraftwerken außerhalb des Landkreises trotzdem noch 937 MWh bezogen werden. "Gleichzeitig" ist hier entscheidend.

Der Energiemonitor zeigt: Einerseits reicht die regionale Produktion meist nicht, den Bedarf zu decken. Andererseits gibt es Produktions-Spitzen, die das Netz belasten. „Diese Situation haben wir im Bayernwerk-Netzgebiet übrigens regelmäßig. Oft übersteigt die lokale Einspeisung den zeitgleichen Energiebedarf vor Ort", erläutert Zängl. Das liege oft daran, dass bayernweit 300 000 PV-Anlagen einspeisen. "Es ist auch ein Merkmal der Energiezukunft, mit diesen Situationen problemfrei umzugehen. Unsere Idee von der Energiezukunft geht perspektivisch dahin, durch Innovation, Digitalisierung, Vernetzung mit Mobilität und Speicherlösungen dafür zu sorgen, dass lokal erzeugte Energie auch lokal von den Menschen genutzt werden kann", sagt der Bayernwerk-Pressesprecher.

Den Energiemonitor hat auch das Landratsamt im Blick, wie Wirtschaftsförderer Christian Meyer bestätigt. Mit dem Bayernwerk will die Behörde den nächsten Schritt gehen: Die "Ökohelden-App" soll Anfang November vorgestellt werden. Zängl nennt sie ein "persönliches Navi für Nachhaltigkeit" für Bürger, die sich diese Orientierung wünschen.

Landkreis richtet Energiemonitor ein

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Diskussion in Oberviechtach

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Kommentar:

Zeit für einen Aufbruch

Unser Energiehunger ist riesig. Bis zu 25000 Megawattstunden Strom pro Woche werden im Landkreis Schwandorf in Spitzenzeiten benötigt. Auch wenn bis zu 18300 Megawattstunden davon im Landkreis produziert werden: Im Jahresschnitt sorgen die Generatoren im Landkreis nur für eine Eigenversorgung von 54 Prozent. Das ist zu wenig. Zumal der Stromverbrauch mit einiger Sicherheit künftig noch steigen wird – etwa, wenn mehr Elektroautos auf den Straßen unterwegs sind. Den Löwenanteil an „erneuerbaren“ liefert im Frühjahr und Sommer die Photovoltaik, im Winter Biomassekraftwerke und Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen. Windräder spielen – 10-H lässt grüßen – eine untergeordnete Rolle. Landauf-landab wird derzeit in Kommunen des Landkreises debattiert, ob und wie viele Felder für Photovoltaik ausgewiesen werden sollen. Von Flächenfraß ist die Rede. Der Anteil der Eigenversorgung lässt nur einen Schluss zu. Wenn sich jeder darauf verlässt, dass der Strom schon irgendwo anders her kommen wird, kann die Energiewende nicht klappen. Es ist Zeit, positiv an die Herausforderung heranzugehen, nach dem Motto „Wir wollen erneuerbare Energien.“ Photovoltaik auf möglichst jedes Dach. Auf so viele Felder, wie nötig sind, und intelligente Lösungen für die Zeiten, wenn die Sonne nicht scheint. Nicht, weil es schick ist. Sondern weil es nötig ist. Es ist Zeit für einen Aufbruch.

Von Clemens Hösamer

"Unser Ziel war es, den Kommunen eine interessante Plattform anzubieten, die Transparenz schafft und ein motivierender Begleiter auf dem Weg in die lokale Energiezukunft sein kann."

Maximilian Zängl, Pressesprecher der Bayernwerk AG.

Maximilian Zängl, Pressesprecher der Bayernwerk AG.

 

 

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