18.10.2018 - 16:08 Uhr
SchwandorfOberpfalz

"Feind hört mit" im Dialekt

Wenn heutzutage von Schindeln die Rede ist, dann denkt man spontan an ein Produkt oder ein Material zur Dacheindeckung. Ganz anders verhält, besser gesagt verhielt es sich im Dialekt, wenn von „Schindl am Dooch“ die Rede war.

Die Schindeln auf diesem Dacherl haben mit der dialektalen Redewendung nichts gemein.
von Autor SLUProfil

Ursprünglich waren Schindeln ‒ regional auch zur Fassdeneinkleidung verwendet ‒ aus Holz gefertigt, aber mittlerweile werden Erzeugnisse aus Aluminium, Bitumen, Granit, Faserzement, Kupfer, Stein, Schiefer und Ton ebenfalls als „Schindeln“ bezeichnet. Die Bedeutung im Dialekt, die mit diesem Ausruf zum Ausdruck gebracht wird, hat mit einer Dachbedeckung überhaupt nichts zu tun. Vielmehr wurde er früher sozusagen als Warnruf verwendet, um Gesprächspartner darauf aufmerksam zu machen, dass Kinder anwesend waren, die das nicht mithören sollten, was von den Erwachsenen gerade besprochen wurde. Man kann sich vorstellen, um welche Themen es sich handelte, wenn eine Tabuisierung in dieser Form ins Spiel gebracht wurde.

Die Tatsache, dass man diese Redewendung in einer Reihe von einschlägigen Wörterbüchern findet, gibt Zeugnis davon, wie verbreitet sie früher gewesen sein muss. Zu nennen sind hier zum Beispiel die Werke von Johann Andreas Schmeller (Bayerisches Wörterbuch), Hermann Braun (Unser Wortschatz. Ein kleines Idiotikon des Sechsämter-, Stift- und Egerlandes), Josef Ilmberger (Die bairische Fibel), Franz Xaver Judenmann (Kleines Oberpfälzer Wörterbuch), Lutz Röhrich (Das große Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten) und Ludwig Zehetner (Bairisches Deutsch).

Sucht man nach einem standardsprachlichen Pendant zu „Schindl am Dooch“, so mag man am ehesten an „Feind hört mit“ denken, wobei aber dieser Ausspruch die Absicht, die dahinter steckt, wesentlich weniger kaschiert als der dialektale. Sowohl das Namenwort „Feind“ als auch das Tätigkeitswort „hören“ geben einen expliziten Hinweis auf das, was gemeint ist, nämlich dass jemand im Raum ist, für dessen Ohren das Gesagte nicht bestimmt ist. Eine Person, die einen solchen Kommentar zur Kenntnis nimmt, weiß sofort, was Sache ist, während dies bei „Schindl am Dooch“ wohl nicht der Fall war. Ein Kind, das damit bewusst konfrontiert wurde, mag allenfalls gerätselt haben, warum der Gesprächsfluss plötzlich unterbrochen wurde und auf einmal von einer Dacheindeckung die Rede war, ohne dass jedoch dieses Thema im weiteren Verlauf vertieft wurde, da es lediglich eine Floskel darstellte.

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