17.11.2020 - 15:59 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Mit Fußball-Wetten ins Abseits: Spielsucht bringt 33-Jährigen vor Gericht

Wer seine Sportkameraden bestiehlt, ist unten durch. Das weiß auch ein 33-Jähriger, der sich vor Gericht verantworten muss. Er macht gründlich reinen Tisch. Fast zu gründlich, meint die Richterin.

Im Internet tummeln sich unzählige Anbieter von Sportwetten. Für manche Menschen kann dieses Zocken zur Sucht werden. Einen heute 33-Jährigen aus dem Landkreis Schwandorf machte die Abhängigkeit zum Dieb und Einbrecher.
von Clemens Hösamer Kontakt Profil

"Wer alles gibt, hat mehr verdient", wirbt der ehemalige Welttorhüter Oliver Kahn derzeit noch für einen Wettanbieter. Ein 33-Jähriger aus dem Landkreis hat für Sportwetten alles gegeben – mehr, als er hatte. Seine Spielsucht machte ihn zum Dieb und Einbrecher. "Ich habe fast alles verloren", sagte er am Montag vor dem Schwandorfer Amtsgericht, "die Arbeitsstelle, meine Freundin, und meine Leidenschaft, das Fußball spielen."

Auf gut 800 Euro beläuft sich die Beute, die der 23-Jährige im Sommer vergangenen Jahres machte. Während Fußballer trainierten, durchsuchte er Umkleideräume nach Bargeld, bei mehreren Vereinen: Beim SC in Ettmannsdorf, in Wackersdorf beim TV, bei der DJK Steinberg und beim FC Schwarzenfeld. Mehr als zehn Einzeltaten listete die Anklage auf. Ins Vereinsheim der FT Eintracht in Schwandorf brach er sogar nachts ein – allerdings, ohne auf Bares zu stoßen. Dafür erbeutete er einen Schlüssel. Mit dem holte er sich nach und nach Leergut aus dem Sportheim. Die paar Euro Pfand wurden sofort wieder verwettet.

"Beinahe erleichtert"

"An den Schlüssel hatten die Verantwortlichen zunächst nicht mehr gedacht", berichtete ein Polizist als Zeuge. Als immer wieder Kisten fehlten, wurde eine Wildkamera installiert. Es dauerte nicht lange, und der Täter war auf einem Video zu sehen – und identifiziert. Er war selbst Fußballer.

Der 33-Jährige wurde festgenommen. "Er war beinahe erleichtert", berichtete der Polizist vor Strafrichterin Jennifer Jäger. Das Geständnis sprudelte geradezu heraus aus dem jungen Mann: Von einigen Fällen, die in der Anklage standen, hatte die Polizei da noch keine Ahnung. Andere Diebstähle wären dem 33-Jährigen kaum nachzuweisen gewesen. Er gab sie zu. "Überschießendes Geständnis", nennen das die Juristen.

Weg in den Teufelskreis

Dass er die Verhandlung möglichst schnell hinter sich haben wollte, war dem 33-Jährigen deutlich anzumerken. An einer Tat zweifelnd, meinte er: "Ich bin mir nicht sicher, ob das so war, aber wenn's schneller geht...". Selbst wenn der ein oder andere Euro mehr "nicht kriegsentscheidend" sei, sagte die Richterin: "Dass Sie Taten zugeben, die Sie nicht begangen haben, ist nicht Sinn der Sache." Zwei Diebstähle ließ die Anklägerin Lisa Schelhammer deshalb fallen. "Ich glaube Ihnen", sagte sie mit Blick zum Angeklagten.

Der 33-Jährige hat sich selbst in Therapie begeben. "Ich bin auf einem guten Weg", sagte er, wohlwissend: "Gefährdet bin ich immer." Dennoch ist sein Leben erheblich aus den Fugen geraten. Es sprach sich herum, dass er, der ehemalige Fußballer, der Dieb war. Kicken will keiner mehr mit ihm. "Ich hatte Angst, in die Arbeit zu gehen", sagte er, er habe seinen Job gekündigt. "Auf Bewerbungen kommen nur Absagen, oder ich werde aufs nächste Jahr vertröstet." Schulden drücken auch noch. 15000 Euro Kredit hat der junge Mann aufgenommen – zum Zocken.

"Ich hab gemeint, ich kenne mich in meinem Sport gut aus", erklärte der bis zu den Taten unbescholtene junge Mann seinen Einstieg in die Online-Wetten. Der Teufelskreis begann: Um erlittene Verluste schnell wieder gut zu machen, riskierte er noch mehr. Außerdem wollte er seiner Ex-Freundin etwas bieten. Mehr, als sein Gehalt als gelernter Handwerker es hergab: "Ich wollte ihr schnell ein Haus hinstellen." Die Beziehung zerbrach, auch an seiner Sucht. Seine neue Freundin hält zu ihm.

Weil der Mann über Monate hinweg regelmäßig gestohlen hatte, wurde ihm gewerbsmäßiger Diebstahl zur Last gelegt, auch der Einbruch ins FT-Sportheim wog schwer. Anklägerin Schelhammer – als Referendarin unterstützt von einem Staatsanwalt – blieb mit ihrer Forderung am untersten Rand des Strafrahmens: Acht Monate Haft, ausgesetzt zur Bewährung, dazu 100 Stunden gemeinnützige Arbeit, lautete ihre Forderung. Der junge Mann, der sich selbst verteidigte, bat um ein mildes Urteil. Das fällte Richterin Jennifer Jäger. Sie setzte die acht Monate Haft für drei Jahre zur Bewährung aus, die 100 Stunden soll der junge Mann in seiner Heimatstadt ableisten. Außerdem muss er den Schaden ersetzen. Übrigens nicht die angeblich gestohlenen 50 Euro aus einer Mannschaftskasse der Eintracht. Die war nämlich leer. Daran erinnerte sich der 33-Jährige genau.

„Dass Sie Taten zugeben, die Sie nicht begangen haben, ist nicht Sinn der Sache.“

Amtsrichterin Jennifer Jäger zum geständigen Angeklagten

Betroffene erzählt von ihrer Spielsucht

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