08.01.2021 - 15:57 Uhr
SchwandorfOberpfalz

"Grüner Mitesser" nicht immer beliebt

Ein Zeichen der Götter oder lästiger Parasit? Bei Misteln scheiden sich die Geister. Wenn sie jetzt als Deko-Artikel in den Fokus rücken, will auch der Bund Naturschutz den Ruf der Pflanze korrigieren.

Ein dekorativer Schmarotzer: Mistelzweige dürfen allerdings nur in kleinen Mengen gesammelt werden.
von Monika Bugl Kontakt Profil

Die Bäume haben ihr Laub verloren, und in den kahlen Kronen sieht man jetzt grüne, rätselhafte Kugeln: Misteln. In der Weihnachtszeit wird die immergrüne Pflanze gerne zur Dekoration verwendet, aber auch in der Medizin findet sie erfolgreich Anwendung. Und für Vögel ist die Mistel eine wichtige Nahrungsquelle in den Wintermonaten, so eine Pressemitteilung der Bund-Naturschutz-Kreisgruppe Schwandorf.

Im Haus aufgehängt, sollen Mistelzweige sie nach alter Überlieferung vor bösen Geistern und Feuer schützen, informiert der Bund Naturschutz (BN). Einst galten Misteln demnach als Zeichen der Götter und Symbol von Weisheit und Frieden. Plinius der Ältere beschreibe, dass sie bei den Galliern nur von Druiden mit goldenen Sicheln gesammelt wurden. Heute dürfen Misteln für den Eigengebrauch gepflückt werden. Der BN weist darauf hin, dass dies nur in kleinen Mengen und außerhalb von Schutz- und Privatflächen auf öffentlich zugänglichen Bereichen gestattet ist. Der Baum dürfe dabei selbstverständlich nicht beschädigt werden. "Wer Misteln verkaufen möchte, benötigt eine Genehmigung."

"Neben ihrer kulturellen Bedeutung werden Misteln auch für ihre heilende Wirkung geschätzt und in der Medizin für alternative und ergänzende Therapien eingesetzt.", rückt der BN die Pflanze ins rechte Licht. Die Pflanzeninhaltsstoffe, insbesondere das Mistellektin und das Viscotoxin, wirken demnach positiv auf das Immunsystem und werden seit einigen Jahren in der Krebstherapie verwendet. "2003 wurde die Mistel deshalb sogar zur Heilpflanze des Jahres gekürt."

Spektakuläre Lebensweise

Misteln wachsen mit ihren Wurzeln auf Bäumen und gelten als Halbschmarotzer. Aber: „Ohne Baum kann die Mistel nicht überleben. Aus diesem Grund hat die bis zu 70 Jahre alt werdende Pflanze auch kein Interesse daran, ihre Wirte großflächig zu töten“, erklärt Klaus Pöhler, Vorsitzender des Schwandorfer BN, auf Nachfrage. Die Mistel bohre ihre Wurzeln in die Leitungsbahnen der Bäume und entziehe ihnen so Wasser und gelöste Nährsalze. Trotzdem könne die Pflanze selbst Fotosynthese betreiben und somit einen Teil ihrer Nahrung herstellen. Mit zunehmender Größe und Alter entzieht die Mistel ihrer Wirtspflanze allerdings immer mehr Nährstoffe, so dass die Astbereiche oberhalb des Mistelbusches nicht mehr ausreichend versorgt werden können und dürr werden.

Misteln auch bei den Nachbarn an Weihnachten bedeutsam

Tirschenreuth

Die sehr klebrigen, weißen Mistelbeeren reifen im Winter und werden nahezu ausschließlich durch Vögel wie zum Beispiel Mistel- und Wacholderdrossel oder durch exotische Wintergäste wie den Seidenschwanz verbreitet, informiert der BN. "Die Tiere schlucken die Beeren im Ganzen hinunter, dadurch bleibt der Mistelsamen unverletzt und wird im Vogelkot wieder ausgeschieden. Bei manchen Vogelarten, die nur das Fruchtfleisch fressen, bleibt der Samen am Schnabel kleben. Durch Putzversuche gelangt er dann zufällig an die Wirtsbäume und kann dort keimen." Die nährstoffreichen und süßen Beeren sind nach Einschätzung der Naturschützer damit eine höchst attraktive Winternahrung für zahlreiche Vogelarten.

Häufig bei Streuobstbeständen

Seit einigen Jahren beobachtet der BN ist ein vermehrtes Auftreten der wärmeliebenden Mistel an Kiefern und Streuobstbeständen, was auf die Klimaerwärmung zurückgeführt wird. Streuobstbestände seien aufgrund ihrer Artenvielfalt von hoher ökologischer Bedeutung. "Das stellenweise massive Auftreten von Misteln an alten Apfelbäumen ist in erster Linie jedoch Folge einer Überalterung der Obstbestände und fehlender Pflege durch regelmäßige Obstbaumschnitte", gibt man beim BN zu bedenken. Hintergrund sei der hohe Arbeitsaufwand und das Wegbrechen von landwirtschaftlichen Betrieben und Obstbauern. „Umso wichtiger sind daher staatliche Förderprogramme für die artenreichen Streuobstwiesen, Neupflanzungen junger Bäume und engagierte Bürgerinnen und Bürger, die sich für die landschaftsprägenden Obstbaumgürtel einsetzen“, meint Oskar Deichner, Biologe beim Bund Naturschutz.

"Ohne Baum kann die Mistel nicht überleben. Aus diesem Grund hat die bis zu 70 Jahre alt werdende Pflanze auch kein Interesse daran, ihre Wirte großflächig zu töten."

Klaus Pöhler

Klaus Pöhler

 

 

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