21.10.2019 - 08:56 Uhr
SchwandorfOberpfalz

"Jay. Einfach nur Jay ..."

Selbstzweifel, die Frage nach der Identität. 27 Jahre lebt Jay als Julia. „Ein normales Mädchen.“ Äußerlich. Schon als Kind merkt Schnorrer, dass sie sich anders fühlt als andere – bis sie erkennt: „Ich bin weder weiblich noch männlich.“

Jay Schnorrer ist glücklich - und fühlt sich nach jahrelangen Zweifeln endlich angekommen.
von Julia Hammer Kontakt Profil

Jay streicht Lars, dem getigerten Nachbarskater, über den Rücken, krault ihn hinter seinen Ohren, bis er zufrieden schnurrt. Er hat es sich auf der Terrasse von Jays Eltern in Schwandorf bequem gemacht – wie so oft. Jay Schnorrer steht auf, streicht sich das weite graue T-Shirt zurecht, das locker über die knielangen Jeans-Shorts fällt. Jay ist barfuß. Die kurzen braunen Haare wehen leicht im Wind. Es ist der erste sonnige Tag seit langem. „Ich liebe es hier. Es ist ruhig, so viel Natur.“. Strahlend sieht man Jay zur Zeit oft. Jay hat sich selbst gefunden. Vor drei Jahren beschloss Jay, heute 28 Jahre alt, sich nicht weiter in das binäre Geschlechtermodell einzuordnen. Im Frühjahr 2019 stellt Jay, geboren als Julia Maria Carolin, einen Antrag auf Änderung des im Geburtenregister notierten Geschlechts von „weiblich“ auf divers. Am 31. Mai kommt die Bestätigung per Post. Seitdem ist „sie“ offiziell „Jay“. „Ein unglaubliches Gefühl. Ich hatte lange Bedenken, ob es funktioniert. Deshalb war es umso überwältigender.“

Jay geht an die Öffentlichkeit, erzählt von dem langen Weg, Kämpfen und persönlichen Erfolgen im August 2019 in einem Artikel im „Neuen Tag“. „Ich wollte die Menschen informieren. Viele kennen die Thematik nicht – oder sie macht ihnen Angst.“ Die Reaktionen: „Viele positiv – aber auch viel Unverständnis.“ Über soziale Netzwerke erreichen Jay Glückwünsche, Nachrichten, die diese Entscheidung bestärken, „Menschen, die sich dafür interessieren und mehr darüber wissen wollen“. Doch es gibt Kritik, Verwirrung. „Einige haben gefragt, ob es etwas mit sexueller Orientierung zu tun hat. Nein, das hat es nicht. Ich habe sehr viel männliches Äußerlichkeitsdenken erlebt. Sie haben gesagt: ,Sie sieht doch aus wie eine Frau. Wo ist das Problem?‘. Genau das ist das Problem. Die Menschen können es nicht sehen, wie man sich fühlt. Es ist unsichtbar und deshalb für viele nicht greifbar.“ Geschlecht sei nicht nur etwas Körperliches, sondern auch etwas Soziales. „Ich erkläre es den Leuten gern. Aber viele trauen sich nicht zu fragen. Die Hemmschwelle ist oft riesig.“ Kurz verschwindet das Strahlen. An eine Nachricht erinnert sich Jay besonders: „Ein Bekannter aus Schwandorf hat mich gefragt, auf was ich jetzt stehe. Ich habe gesagt: Auf Menschen. Seine Antwort: Ja aber aus was? Männer oder Frauen. Wieder habe ich geschrieben: Na, auf Menschen. Er hat es nicht verstanden.“ Jay streicht über den rechten Unterarm, der mit sieben Fledermäusen verziert ist. Ein wichtiges Tattoo, das für Jay einen Wendepunkt im Leben symbolisiert. Ein Leben, dass „auch sehr dunkel“ war. „Ich hatte Depressionen, Selbstzweifel. Habe lange nicht zu mir gefunden. In der Phase stand ich eines Abends am Waldrand. Ich habe gemerkt, dass sich etwas bewegt. Plötzlich stand ich inmitten eines Fledermausschwarms, der immer wieder zum Feld und zurück in die Bäume geflogen ist. Ein befreiender Moment.“

Probleme mit eigenem Körperbild

Jay wird als „normales Mädchen“ geboren, als „normales Mädchen“ unter zwei Schwestern erzogen. „Ich bin in einem kleinen Dorf großgeworden. Relativ konservativ. Ich habe nie darüber nachgedacht, dass es etwas anderes als das klassische Mann-Frau-Bild geben könnte.“ Doch schon immer hat Jay Probleme mit ihrem Körperbild. „Ich habe nicht dem Bild einer Frau entsprochen. Meine Rundungen sind weiblich. Ich habe versucht mich anzupassen, aber es ging nicht. Und eigentlich wollte ich es auch nicht.“ Jay spricht nicht über Zweifel, Ängste, inneren Kämpfe. Nicht in der Kindheit. Nicht in der Pubertät. Nicht als junge Erwachsene. „Ich hätte auch nicht gewusst, mit wem.“ Als Jugendliche beginnt Jay sich maskulin zu kleiden – „und das habe ich schon präsentiert. Ich wollte der Norm entsprechen und doch anders sein“.

Nach dem Abitur zieht es Jay in die Großstadt. Berlin. Als Julia beginnt sie, Filmwissenschaft und Anthropologie zu studieren, knüpft Kontakte in die „Queer-Gemeinschaft“ und „Bi-Gender-Community“. „Ich habe mich das erste Mal mit so richtig mit den Geschlechtermodellen auseinandergesetzt – und damit, sich keinem Geschlecht verbunden zu fühlen. Ich habe viel mit Betroffenen geredet, mir ihre Erfahrungen angehört und dabei gemerkt: Ich erkenne mich darin wieder.“ Auch das Studium hilft. „In der Anthropologie erfährt man viel darüber, wie menschliche Gesellschaften funktionieren. Man bekommt einen Blick dafür, was normal ist. Ich habe gemerkt: alles ist normal. Auch ich.“ Seit ihrer Geburt fühlt sich Jay das erste Mal in sich angekommen, „normal“, sicher – und bereit, es ihrer Familie zu sagen. „Zuerst meinen zwei Schwestern. Eine von ihnen ist Urologin, auf geschlechtsangleichende Operationen spezialisiert. Sie kennt sich damit aus“, erzählt Jay und lacht. „Für sie war es absolut in Ordnung. Keine große Sache.“ Auch Jays Eltern unterstützen ihre Tochter, geben ihr Halt. „Nur das mit dem Namen hat gedauert. Sie haben mich noch lange Jay genannt – auch nachdem mein Name im Mai 2019 offiziell in Jay geändert war. Sie meinten es nicht böse. Die Umstellung war nur schwer. Aber inzwischen funktioniert auch das gut.“

Jay – ein Spitzname, den Julia Schnorrer schon seit Jahren hat. „Deshalb bin ich dabei geblieben. Er ist neutral, ich bin daran gewöhnt. Und viele meiner Freunde auch.“ Neben der Namensänderung wagt die gebürtige Schwandorferin im Frühjahr 2019 den Schritt und beantragt eine Geschlechtsänderung im Geburtenregister. „Ich habe einen Antrag gestellt und ein ärztliches Attest beigelegt. Kein psychologisches Gutachten oder große Untersuchungen. Es waren drei Zeilen vom Arzt, das war genug.“

Die Antragszustimmung flattert im Frühjahr in den Briefkasten von Jays Wohnung in Berlin-Steglitz. „Die Namensänderung ging schnell. Einen Termin für die Änderung auf „divers“ habe ich im Oktober.“ Jay wird sicherer. Innerlich und äußerlich. „Ab dem Moment war es offiziell, auch von Amtswegen her. Ich habe es allen erzählt, habe mich so darüber gefreut.“ Eine Änderung, die auch Schwierigkeiten mit sich bringt. Plötzlich ist sie keine „sie“ mehr. Doch was ist Jay jetzt? „Im Deutschen gibt es kein Personalpronomen für uns. Sie ist falsch, aber er ist noch falscher. Deshalb habe ich mich mit sie abgefunden. Im Englischen ist das leichter. Da gibt es ,they‘.“

"Das ist zu weiblich"

Auch die Klamotten-Frage wird anfangs zum Problem. „Ich habe Kleidung angeschaut und mir gedacht: das kannst du jetzt nicht mehr anziehen. Das wirkt zu weiblich“, erzählt Jay, die „noch nie der Rock- oder Kleidertyp war“. „Aber das verging. Ich versuche, mich neutral zu kleiden, aber ich verbiete mir nichts. Ich trage das, worauf ich Lust habe.“ Eine Sache will Jay bald ausprobieren: Einen Binder. „Damit drückt man die Brust platt, wirkt männlicher. Ich will wissen, was das für ein Gefühl ist“, sagt Jay. Das neu gewonnenes Selbstbewusstsein wirkt sich auch auf Beziehungen aus. „Lange wollte ich das nicht. Aber jetzt date ich sogar hin uns wieder. Vor kurzem mit einem Mann aus Berlin. Ich habe ihm ziemlich schnell erzählt, dass ich als Transgender lebe und seine Reaktion war toll. Er kannte bereits Leute aus der Community. Für ihn war das völlig normal.“ Hochzeit oder gar Kinder kommen für Jay aber nicht in Frage. Die Erfüllung liegt im beruflichen. Drehbuchautor, Screenwriter, Filmliebhaber. Seit zwei Jahren arbeitet Jay – auch unter dem Künstlernamen Jay – aktiv am großen Ziel Hollywood. Zwei Kurzfilme sind abgedreht, ein weiterer gerade in Arbeit. Alle haben eins gemeinsam: „Ich arbeite dort viele Themen der Queer-Community ein – eher beiläufig. Dann ist der Hauptdarstellen eben mal schwul – na und? Und irgendwann will ich damit international erfolgreich sein. Und das werde ich. Daran glaube ich.“

Es ist diese Unbeschwertheit, die Jay gerne nutzt, um das Umfeld auf die Probe zu stellen. „Öffentliche Toiletten. Daraus mache ich mir oft einen Spaß.“ Denn wohin, wenn es nur Damen- und Herrentoiletten gibt, im Ausweis aber divers steht? „Wenn möglich gehe ich auf die Behindertentoilette. Die ist von Grund auf neutral. Es ist nicht definiert, ob der Rollstuhlfahrer männlich oder weiblich ist. Wenn ich gerade keine Lust auf Diskussionen habe, gehe ich zu den Frauen. Wenn nicht, dann schon mal zu den Herren.“ Die Reaktionen: „Viele weisen mich darauf hin, dass ich die falsche Toilette erwischt habe, sind irritiert. Andere schauen mich nur an. Ein kleiner Junge hat mal zu seiner Mutter gesagt: Schau mal, die Frau geht ins falsche Klo. Sowas bringt mich zum Lachen.“

Jay strahlt, ist dankbar für den Rückhalt der Familie, die bedingungslose Liebe der Freunde, die „mich immer so akzeptiert haben, wie ich bin“, für die Offenheit vieler Menschen. Dankbar für die neu gewonnene Freiheit und glücklich darüber, endlich „Jay, einfach nur Jay“ sein zu können.

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