16.06.2021 - 15:47 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Joints an Kinder verkauft: 44-Jähriger in Schwandorf vor Gericht

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Monatelang verkauft ein Mann Marihuana an Kinder und Jugendliche. Die Anzeige einer Mutter gegen ihr Kind und den Dealer bringt die Ermittlungen ins Rollen. Der 44-Jährige gesteht vor dem Jugendschöffengericht.

Für fünf Euro das Stück verkaufte ein 44-Jähriger Marihuana-Joints an Kinder und Jugendliche. Sein Geständnis wird ihm hoch angerechnet.
von Clemens Hösamer Kontakt Profil

Eine Mutter, die ihren Sohn anzeigt, Kinder und Jugendliche, die wie erfahrene Gauner eine Mauer des Schweigens aufbauen wollen, um einen Dealer zu schützen: Das, was sich im vergangenen Jahr in einer Stadt im östlichen Landkreis abspielte, überraschte selbst einen altgedienten Polizeibeamten. "Die veranstalteten einen Zickenkrieg, wollten für den Angeklagten lügen", sagte der 58-jährige Hauptkommissar am Dienstag vor dem Schwandorfer Jugendschöffengericht. "Die Mütter sind ihren 12-, 13-, 14-jährigen Töchtern nicht Herr geworden. Sowas habe ich noch nicht erlebt."

Es dürfte auch in der Geschichte der Stadt einmalig sein, dass sich da über Monate hinweg 12- bis 16-Jährige in einer Wohnung mit Marihuana versorgten. Nicht etwa, weil der 44-Jährige das Zeug auf der Straße angepriesen hätte. "Die Mädels und Buben waren Konsumenten, und haben bei ihm nachgefragt", stellte die Vorsitzende, Amtsgerichtsdirektorin Petra Froschauer, später im Urteil fest. Das fiel relativ glimpflich aus. Dabei hatte Staatsanwalt Fabian Hoffmann in seiner Anklage knapp 30 Fälle aufgelistet, die fast alle Verbrechenstatbestände erfüllen: Wer als über 21-Jähriger Drogen an unter 18-Jährige abgibt oder verkauft, muss mit mindestens einem Jahr Gefängnis rechnen.

Das Jugendschöffengericht – als Jugendschutzgericht zuständig, weil die Zeugen beinahe alle minderjährig waren – konnte auf die Vernehmung der Buben und Mädchen verzichten. In einem Rechtsgespräch hatte der 44-jährige Angeklagte über seinen Verteidiger Manfred Müller ein Geständnis angekündigt, dafür wurde ihm eine milde Strafe in Aussicht gestellt. So nahmen die Buben und Mädchen – samt Müttern und Vätern – in Reih und Glied Aufstellung vor dem Schöffengericht. Man konnte "Felsbrocken fallen hören" (Anwalt Müller), als sie Froschauer ohne Vernehmung entließ. Nicht ohne eine Standpauke: "Das Zeug macht euer ganzes Leben kaputt! Ich sehe es jeden Tag hier. Also Finger weg!"

Letztlich war es eine Mutter, die Mitte vergangenen Jahres bei der Polizei nicht nur ihren kiffenden Filius, sondern auch den Angeklagten angezeigt hatte. Weitere Eltern folgten mit Anzeigen. Auch wegen sexuellen Missbrauchs wurde ermittelt, weil der 44-Jährige einem Mädchen einen Pornofilm gezeigt und unsittliche Berührungen zumindest versucht haben soll. Bei mehreren Durchsuchungen bei dem 44-Jährigen schließlich fanden Beamte Marihuana, berichtete der erfahrene Polizeibeamte, der schließlich als einziger Zeuge gehört wurde. Eingehende Vernehmungen – und wohl der Druck der Eltern – brachten das Lügengebäude der jungen "Kunden" dann zum Einsturz. Auch, weil eine 16-Jährige bei der Polizei reinen Tisch gemacht hatte. Im Gegensatz zum Dealer: Der 44-jährige Arbeitslose bestritt die Taten bei der Polizei.

"Jeder hat gewusst, wo es ist", gab der 44-Jährige jetzt vor Gericht zu, identifizierte seine jungen Kunden auf Fotos. "Für'n Fünfer" habe er die Joints verkauft, teils hätten sich die Kunden auch direkt aus der Glasdose auf dem Tisch selbst bedient. Einem älteren Mädchen verkaufte er über Monate hinweg die Droge. Er selbst habe vor zwei Jahren das Kiffen begonnen, um seiner Schmerzen Herr zu werden, die ihn nach einem Unfall plagen. Irgendwann hat sich dann unter den jungen Leuten herumgesprochen, dass es da einen gibt, der in seiner Bude Gras verkauft.

Dass er den 18 beteiligten Kindern und Jugendlichen die öffentliche Vernehmung erspart hat, rechneten Staatsanwalt und Gericht dem Angeklagten hoch an. "Das war Gold wert für Sie," sagte Ankläger Hoffmann. Außerdem habe der Angeklagte die Droge jeweils nur in Gramm-Bruchteilen verkauft. Die Taten wertete Hoffmann als "minderschwere Fälle", plädierte schließlich auf zwei Jahre Haft, die zur Bewährung ausgesetzt werden könnten, und eine Geldauflage von 400 Euro. Das entspricht fast einem Monatseinkommen des arbeitslosen 44-Jährigen, der von Hartz IV lebt. Anwalt Müller hielt ein Jahr und zehn Monate Haft zur Bewährung samt Geldauflage für ausreichend.

Dem Plädoyer des Verteidigers schloss sich das Jugendschöffengericht an. Auch wenn es besonders verwerflich sei, Drogen an Kinder abzugeben, sei hier von minderschweren Fällen auszugehen, sagte Vorsitzende Petra Froschauer. Das Gericht setzte die Bewährungszeit auf drei Jahre fest, 400 Euro muss der 44-Jährige in Raten an die Staatskasse bezahlen.

Auch die über 14-jährigen Kunden des Dealers bekamen Ärger mit der Justiz: Sie wurden wegen Drogenkaufs oder -besitzes angezeigt, was separat teils mit Sozialstunden oder anderen Maßnahmen geahndet wurde.

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