11.06.2021 - 16:18 Uhr
AmbergOberpfalz

Tief in den Schwandorfer Drogensumpf

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Ein Prozess in Amberg hat deutlich gemacht, welch kriminelle Ausmaße der Drogenhandel in Schwandorf im Jahr 2020 hatte. Erstmals wurde dabei beschrieben, dass zwei Frauen an der Spitze einer Vielzahl von Deals standen.

von Autor HWOProfil

Der in einen Drogenhandel verstrickte Angeklagte erhielt eine Haftstrafe. Wie sich in der Verhandlung vor dem Amberger Schöffengericht herausstellte, war er allerdings nur ein Rädchen in den kriminellen Rauschgiftgeschäften.

Der Angeklagte wurde gefesselt aus der U-Haft vorgeführt. Er hatte kaum Platz genommen, kamen drei weitere, die Handschellen trugen. Unter ihnen eine Frau. Der Beschuldigte zeigte sich schweigsam und zugeknöpft, auch seine ehemaligen Komplizen mochten wenig bis nichts sagen. "Ich erinnere mich nicht", hieß es in den Aussagen.

Der Prozess vor dem Amberger Schöffengericht drehte sich genau genommen um einen Nebenschauplatz der Schwandorfer Drogenszene. Der Beschuldigte, zuletzt in Mühldorf am Inn wohnhaft, hatte im vergangenen Jahr 1 000 Euro von einer Schwandorferin erhalten. Dafür sollte der Mann 22 Gramm Crystal Speed einkaufen und bei der Auftraggeberin abliefern. Pech für ihn: Sein Vorname stand in einer von Amberger Kripofahndern bei Hausdurchsuchungen beschlagnahmten Liste.

Diese Liste wurde später als "Schuldnerbuch" deklariert und dient jetzt den Behörden als wertvolles Beweismittel. Allerdings standen nicht nur säumige Kunden in dem Büchlein. Es enthielt auch eine Ansammlung von Leuten, die großteils vierstellige Geldbeträge erhalten hatten, um bei offenbar bayernweit angesiedelten Großdealern harte Drogen zu erwerben.

Der Angeklagte, früher in Schwandorf ansässig, nannte nur seine Personalien. Ansonsten verließ er sich auf seinen Anwalt Christoph Joachimbauer (Töging), der die Mitwirkung seines Mandanten an den schwunghaften Rauschgiftgeschäften anzweifelte. Das führte später im Schlussvortrag zu einem Freispruchsantrag.

In dem zwischenzeitlich bei der Staatsanwaltschaft liegenden "Schuldnerbuch" war nur der Vorname des 37-Jährigen genannt worden. Doch eben dieser Name war so selten, dass die Richter keinerlei Zweifel daran hatten: Die Anklage war zurecht erhoben worden. "Hätten Sie Stefan geheißen, wäre alles wohl schwieriger geworden", sagte die Gerichtsvorsitzende Kathrin Rieger.

"Er war da mit dabei", hob Staatsanwalt Holger Bluhm in seinem Plädoyer hervor. Er verlangte hartes Durchgreifen und forderte drei Jahre Haft. Das Schöffengericht verhängte zwei Jahre und acht Monate Gefängnis. Der Mann sei ein Rad im Gefüge der kriminellen Machenschaften gewesen, hieß es in der Urteilsbegründung.

Während der Verhandlung hatte der für Drogendelikte bei der Amberger Staatsanwaltschaft zuständige Holger Bluhm im Rahmen der Befragung eines Drogenfahnders dazu angesetzt, die sich im Jahr 2020 darstellende Schwandorfer Rauschgiftszene aufzuhellen. Dabei wurde erstmals deutlich: Es gab über ein Dutzend Polizeiaktionen in der Großen Kreisstadt mit einer Vielzahl von Festnahmen.

Ermittlungsrichter in Schwandorf und Amberg ordneten Haftbefehle an. Unter denen, die in Gefängnisse wanderten, befanden sich auch zwei Frauen. Sie stehen im Verdacht, professionell die Führung der Geschäfte übernommen zu haben. Einer von ihnen, 38 Jahre alt und im Besitz des sichergestellten "Schuldnerbuchs", wird noch in diesem Monat vor dem Landgericht Amberg der Prozess gemacht. Sie agierte von ihrer Wohnung aus, gab mutmaßlich Drogenportionen an sogenannte Kleinabnehmer weiter und schickte Ankäufer los.

Parallel dazu gab es eine weitere Frau, die in Ankäufer- und Konsumentenkreisen "Lady" genannt wurde. Auch in ihrer Wohnung wurden offenbar umfangreiche Rauschgiftgeschäfte abgewickelt. Ein bereits früher abgeurteilter Mann, der mit 1 000 Euro nach Regensburg zum Erwerb von Crystal Speed geschickt und am Haus der "Lady" verhaftet worden war, hatte in seinem Prozess gesagt, die von Unterstützung lebende Frau habe "mehrere Tausend Euro besessen", als sie ihn nach Regensburg in Marsch setzte. Auch ihr Name wird wohl nun auf einem Terminplan des Landgerichts auftauchen.

Im krassen Gegensatz dazu steht eine Nachricht, die vor einigen Monaten über einen lokalen Rundfunksender verbreitet wurde. Dabei hatte ein Sprecher der Schwandorfer Landespolizei auf Befragen einer Reporterin mitgeteilt, die Stadt habe keine größeren Drogenprobleme als andere Kommunen auch. Inzwischen reißt die Serie von Verhandlungen nicht mehr ab.

Hier ging es gleich kiloweise um Rauschgift

Schwandorf
Kommentar:

Ein Staatsanwalt, der nicht locker lässt

Die Erkenntnis gibt es nicht erst seit gestern: Wer in der Drogenszene ermittelt, muss tätig werden und kann nicht warten, bis Anzeigen eintrudeln. Das gilt für uniformierte Polizisten ebenso wie für Kripofahnder und Staatsanwälte. In Amberg sitzt jetzt bei der Ermittlungsbehörde ein Mann, der nicht locker lässt, um kriminellen Machenschaften von Rauschgiftdealern auf die Spur kommen.

Hat Schwandorf ein Drogenproblem? Die Antwort darauf muss lauten: Es hatte ein sehr gravierendes. Bis zum Vorjahr. Dann wurde durch den Staatsanwalt aufgeräumt und ein Sumpf trocken gelegt. Er ließ durchsuchen und festnehmen, brachte Verdächtige vor den Ermittlungsrichter und sorgte für zahlreiche Haftbefehle.

Seit Monaten ist die Schwandorfer und Amberger Justiz nun dabei, die üblen Drogengeschäfte abzuurteilen. Eine Vielzahl von Prozessen hat es bereits gegeben. Die bisher verhängten Strafen sind fühlbar. Sie könnten allerdings mit Blick auf die in U-Haft auf ihre Verhandlungen wartenden Hauptbeschuldigten noch weitaus drastischer werden.

Wolfgang Houschka

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