17.06.2019 - 14:21 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Kein Zuckerl zur bitteren Pille

Papiertaschentücher, Kugelschreiber, Pflaster oder eine Hand voll Traubenzucker. Mit den lieb gewordenen Dreingaben zu den Medikamenten ist es weitgehend vorbei. Apotheker finden das gar nicht so verkehrt.

Zum rezeptpflichtigen Medikament gibt es kein Hustenbonbon und kein Pflaster mehr. Im Verbot sieht Thomas Wittleben eine Stärkung der Apotheken auf dem Land.
von Irma Held Kontakt Profil

Weitgehend deshalb, weil der Bundesgerichtshof (BGH) kürzlich entschieden hat, dass Apotheker künftig beim Verkauf von rezeptpflichtigen Medikamenten keine geringwertigen Werbegaben dazulegen dürfen. Wer sich Vitamine, Kopfschmerztabletten oder eine Pflegelotion aus der Apotheke holt, kann Bonbons, Notizblock oder Pflaster weiterhin mitnehmen. Bei frei verkäuflichen Produkten dürfen Preiskampf und Wettbewerb sein.

Wettlauf um Geschenke

Aber 80 bis 85 Prozent machen nach den Worten von Thomas Wittleben von der Nikolaus-Apotheke in Schwarzenfeld die rezeptpflichtigen Medikamente aus. "Ich halte es für sehr gut", sagt er zu Oberpfalz-Medien und meint die Entscheidung des BGH. Gerade bei Versandapotheken habe es "richtige Auswüchse" gegeben. Auch für Kunden seien die Dreingaben so entscheidend geworden, dass er bisweilen zu hören bekommen habe, man hole seine Arznei da oder dort, weil man mehr geschenkt bekomme.

Preiskonstanz

"Die Leute haben sich einfach daran gewöhnt. Ich möchte aber, dass sie zu mir kommen, weil sie mit der Beratungsqualität zufrieden sind." Die Entscheidung des Gerichtes wertet er als Stärkung der Apotheken in der Fläche. Thomas Wittleben fühlt sich in seiner Position bekräftigt, nicht mal eine Packung Taschentücher dazu zu geben. Natürlich würden Kunden auch das Urteil dahingehend kommentieren: "Ja, haben die nichts Bessers zu tun". Dieses Unverständnis über das Verbot ist Thema unter den Leuten, auch in der Paracelsus-Apotheke in Nabburg. Katrin Duschner wartet die Ausführungen der Kammer zu dem Urteil ab, aber "wir wissen, dass wir vorsichtig damit umgehen müssen". Sie würde es begrüßen, wenn alle einheitlich verfahren. Ebenso wie Wittleben legt sie Wert auf den Service und nicht, dass "Apotheken nach den Geschenken ausgewählt" würden.

Einen vierstelligen Betrag gibt sie jährlich für diese Beigaben aus. Wittleben zufolge können diese Zusatzkosten auch fünfstellig werden. "Es geht um Preiskonstanz", kommentiert Katrin Duschner das Urteil. Vor allen Versandapotheken machten, ist aus verschiedenen Äußerungen von Apothekern hören, eingesessenen das Leben schwer, Im Notfall sei dann die Apotheke um die Ecke wieder gefragt.

Auch in der Altstadt-Apotheke in Pfreimd beschweren sich Kunden darüber, dass alles geregelt sein müsse, sogar Kleinigkeiten. Apotheker Hermann Schönberger wird alle Kunden gleich behandeln und nichts mehr hergeben. Er habe es schon stark eingeschränkt. Sollte es bei nicht rezeptpflichtigen Arzneimitteln verlangt werden, werde es noch ein Geschenk geben. Er sieht allerdings den einheitlichen Abgabepreis wegen des EU-Rechts grundsätzlich in Gefahr. Kundenreaktionen von Kopfschütteln bis hin zu Äußerungen, "wie man sich mit solchen Bagatellen abgeben kann", kennt auch der Schwandorfer Apotheker Karl-Heinz Spies. Das Verbot gelte für die rezeptpflichtigen Medikamente. Brauche jemand beides, ein vom Arzt verordnetes und ein frei verkäufliches, könne für Letzteres ein Geschenk zur Arznei gelegt werden. Nicht betroffen von dem Verbot ist die Apotheken-Umschau.

Preisbindung:

Seit 2013 gesetzlich geregelt

Verschreibungspflichtige Arzneimittel, wie etwa Antibiotika, müssen in Deutschland überall gleich viel kosten. Apotheker, die ihren Kunden beim Rezept einlösen kleine Präsente oder Gutscheine für den nächsten Einkauf in die Hand drücken oder Bonusstempel gewähren, unterlaufen nach Ansicht der Richter diese Preisbindung indirekt. Bisher hatte der BGH Geschenke bis zu einem Euro trotzdem durchgehen lassen. Die jüngste Entscheidung untersagt auch dies. Geklagt hatte die Zentrale gegen unlauteren Wettbewerb. Seit 2013 ist in einem Gesetz ausdrücklich geregelt, dass Zuwendungen oder Werbegaben unzulässig sind. Dies gilt für Deutschland. Ausländische Apotheken sind daran nicht gebunden.

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