10.05.2019 - 17:04 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Kinderlachen freut Künstlerseele

Es gibt Zeiten, da lebt Puppenspieler Eugen Tränkler nach eigenen Aussagen unter dem Sozialstandard. Trotzdem bezeichnet er sich als den reichsten Mann der Welt.

Es muss nicht der Kasperl sein. Puppenspieler Eugen Tränkler bringt zum Interview den Räuber mit.
von Christopher Dotzler Kontakt Profil

Jedes Jahr wieder schlägt Eugen Tränkler mit seinem Puppentheater in der Region auf. Auch heuer tritt er mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Teublitz, Schwarzenfeld und Nabburg auf. Der 39-Jährige hat zwar seit etwa fünf Jahren einen Wohnsitz in Neumarkt, ist aber kaum dort. Er tourt durch Bayern Hessen, Baden-Württemberg, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und ab und an durch Nord-Rhein-Westfalen und Österreich. So wie einst seine Vorfahren. Die Tränklers spielen seit 1882 Theater. Damals waren sie noch mit Pferden unterwegs, heute reist der 39-Jährige hauptsächlich mit dem Wohnwagen. Im Interview mit Christopher Dotzler von Oberpfalz-Medien spricht er über das Puppenspiel als Leidenschaft, Geldsorgen und warum seine Kinder trotz ständiger Schulwechsel gute Noten haben.

ONETZ: Wie kamen Sie zum Beruf des Puppenspielers?

Eugen Tränkler: Ich wollte früher nie Puppenspieler werden, obwohl ich in diesem Beruf aufgewachsen bin. Bei mir hat es mit einem Schlüsselerlebnis angefangen. Als meine Mama krank war, hat mein Papa gesagt: Du musst mitfahren, ich brauche einen zweiten Spieler. Ich war 15 oder 16 Jahre und wir haben in einer Behindertenwerkstatt gespielt. Da habe ich festgestellt, wie viel einem dieser Beruf gibt – was ich vorher gar nicht so realisiert habe. Ich habe damals erstmals gesehen, was alles mit dem Puppenspielen möglich ist.

ONETZ: Sie führen damit eine Tradition fort. Die Tränklers sind seit 1882 auf den Bühnen unterwegs. Sie haben gerade die schönen Seiten des Berufs skizziert. Mit welchen Problemen haben Sie zu kämpfen.

Eugen Tränkler: Vor allem: Du kannst nie mit einem sicheren Einkommen rechnen – der Nachteil eines jeden Selbstständigen. Bei öffentlichen Veranstaltungen – also dann, wenn wir nicht fest gebucht sind –, sind wir vom Wetter und anderen Veranstaltungen abhängig. Und wir werden staatlich in keinster Weise gefördert. Dabei haben wir unsere Rechnungen zu zahlen. Die Krankenversicherung, die als Freiberuflicher nicht gerade günstig ist. Hinzu kommt die Instandhaltung der Fahrzeuge. Bei meinem Auto sind gerade die Antriebswelle und das Radlager kaputt. Die Reparatur kostet 600 bis 700 Euro. Geld, dass du natürlich erst einnehmen musst. Das Negative ist: Du hast nicht die Gewissheit, ob du es einspielst. Wenn du einen Monat Pech hast, dann sitzen 10, 15 Leute in der Vorstellung – da kann man sich ausrechnen, wie weit man mit den Einnahmen kommt. Wir sind, wenn das jetzt auch hart klingt, oftmals unterm Sozialstandard.

ONETZ: Würden Sie sagen: Das Kinderlachen wiegt diese Probleme wieder auf?

Eugen Tränkler: Den Stress und die Sorgen zuweilen schon. Wenn diesen Beruf jemand macht, weil er damit reich werden möchte, dann ist er damit definitiv an der falschen Adresse. Mein Papa hat immer gesagt: Wenn du diesen Beruf nicht mit Leidenschaft machst, dann lass es gleich bleiben.

ONETZ: Kann man sagen, dass eine Künstlerseele in ihnen steckt?

Eugen Tränkler: Ja. Ich mache das Puppenspielen mit Leidenschaft. Mein Publikum merkt das auch. Selbst wenn wenig Leute in der Vorstellung sind, sagen die: Du spielst für die Wenigen genauso, wie wenn das Zelt voll ist. Das hat den Hintergrund: Die Leute, die da sind, können nichts dafür, dass nur 10 oder 15 Besucher erschienen sind.

ONETZ: Sie sind in einer Familie voller Puppenspieler aufgewachsen, üben den Beruf selbst seit 20 Jahren aus. Schleicht sich da irgendwann Routine ein?

Eugen Tränkler: Nein. Vom Puppenspielen her sowieso nicht. Dafür gibt es zu viele unterschiedliche Charaktere, die man bei sich begrüßen darf. Sowohl im Theaterzelt, als auch im Pfarrheim oder Kindergarten. Dadurch ist auch mein Spiel nicht immer gleich. Es verändert sich jedes Mal aufs Neue. Das hält das Ganze für mich auch immer wieder spannend. Du kannst gar nicht hinter der Bühne stehen und sagen: Ich babbel das jetzt einfach runter, weil ich keine Lust habe. Das funktioniert definitiv nicht.

ONETZ: Wie viel sind Sie unterwegs?

Eugen Tränkler: Ich bin mehr oder weniger das ganze Jahr unterwegs. Bis auf ein bis zwei Monate, wo ich dann in Neumarkt bin. Es kommt ganz aufs Wetter drauf an.

ONETZ: Gefällt Ihnen diese Umtriebigkeit?

Eugen Tränkler: Ja. Das Schöne ist, du lernst immer wieder neue Leute kennen. Natürlich triffst du alte Bekannte wieder – und du freust sich, sie wieder zu sehen.

ONETZ: Auch ihre zwei Söhne – 13 und 18 Jahre alt – und ihre 20-jährige Tochter sind immer mit dabei, wenn Sie durch Deutschland touren. Wie regeln Sie das mit der Schule?

Eugen Tränkler: Für meine Kinder ist das immer ganz normal gewesen. Für sie war es kein großes Problem, die Schule regelmäßig zu wechseln. Der einzige Nachteil bei unseren Kindern ist: Sie können es sich nicht erlauben, schlecht zu sein. Denn egal wo, ob in Bayern, Hessen oder Thüringen, der Lernstoff am Schluss ist immer gleich. Die eine Schule arbeitet aber mehr in Mathematik voran, die anderen in Deutsch oder Englisch. Für die Kinder ist es schon schwieriger, daran anzuknüpfen. Deshalb fragen wir in der Schule nach, wo wir gerade vor Ort sind: Wie weit seid ihr. Was machen die Kinder aktuell. Schaut doch mal nach, ob irgendwo Defizite oder Schwierigkeiten zu erwarten sind. Dann schauen wir, dass wir das daheim aufholen können.

ONETZ: Das heißt, Ihre Kinder müssen die Schulwechsel oft mit Fleiß aufwiegen?

Eugen Tränkler: Ja, meine Tochter hat einen sehr guten Abschluss in der Schule gemacht, dass selbst die Stammschule mehr als begeistert war. Es hieß: Wir verstehen das bis heute nicht. Es gibt Kinder, die gehen regelmäßig in die gleiche Schule und haben nicht so ein gutes Zeugnis, wie ihre Kinder. Es gibt halt dieses Klischee: Leute, die mit dem Wohnwagen unterwegs sind, bilden sie sich nicht weiter. Das stimmt aber nicht. Wir sind natürlich hoch bemüht – unser Beruf hat schließlich auch viel mit Pädagogik zu tun.

ONETZ: Wie laufen die Schulwechsel rein technisch ab?

Eugen Tränkler: Es gibt ein Schultagebuch. Das wird von den aktuellen Lehrern geführt. Es ist ganz simpel aufgebaut. Dort gibt es Bemerkungen zu Mathematik, Deutsch, Sachkundeunterricht, dem Verhalten in der Schule und der Einschätzung der jeweiligen Lehrer. Derzeit gehen meine Kinder in Schwarzenfeld in die Schule.

ONETZ: Sie sind einer ganz fantasievollen Welt groß geworden. Wie sehen Sie die heutige Entwicklung angesichts überbordender Unterhaltungsangebote und der zunehmenden Smartphone-Nutzung in jungen Jahren? Machen sich diese Angebote in ihrem Beruf bemerkbar und geht die Fantasie der Mädchen und Buben dadurch mehr und mehr verloren?

Eugen Tränkler: Zum Großteil liegt es nicht an den Kindern, sondern zum Großteil liegt es in den Händen der Eltern. Es gibt einen ganz simplen Vergleich: Wenn ich mit meinen Kindern nicht in die Kirche gehe, dann gehen sie auch später nicht in die Kirche. Der Mensch lebt eben routiniert. Deshalb mache ich viel mit meinen Kindern: Wir laufen viel im Wald spazieren, gehen in den Zirkus oder ins Theater. Heute merken wir: Wenn du in einer Grundschule gastierst, gibt es nur wenige Schüler, die ohne Handy rumlaufen. Das letzte Mal hat sogar ein Kind im Kindergarten ein Tablet in der Hand gehabt. Irgendwo hört es für mich auf. Diese Entwicklung schreitet aber leider voran. Ich weiß ja selber nicht, wie lange ich meine Beruf weiter ausüben kann. Solange ich aber Kindergärten, Grundschulen, Seniorenheime oder auch Behindertenwerkstätte habe, wo ich gastieren kann, wird der Betrieb auch weiterlaufen, ganz klar.

ONETZ: Gäbe es einen Plan B, wenn es mit dem Puppenspielen vorbei wäre?

Eugen Tränkler: Nein, weil ich diesen Gedanken ganz stark verdränge. Ich bin aber auch Realist und möchte etwa nicht, dass meine Kinder diesen Beruf weiter ausüben.

ONETZ: Das hieße, es stirbt ja eine Tradition ...

Eugen Tränkler: … ja. Und auch ein Familienbetrieb, der sich dann auflösen wird, wenn es so kommt. Aber ich als Papa möchte, dass es meine Kinder leichter im Leben haben. Sie sollen einen festen Job haben, bei dem sie am Ende des Monats wissen, wie viel Geld sie haben.

ONETZ: Wie sehen das die Kinder selbst?

Eugen Tränkler: Sie sehen es mit gemischten Gefühlen. Meine Tochter sagt, dass sie den Beruf unbedingt weitermachen möchte. Ich sage zu ihr: Du musst selber wissen, was du machst. Du weißt wie schwer das ist. Sie sagt: Papa, ich weiß aber auch, wie schön es ist. Auf der einen Seite macht es mich natürlich stolz, wenn die eigenen Kinder sagen: Papa, wir möchten das gerne weiterführen.

ONETZ: Sie treten nächste Woche noch in Nabburg auf, und dann geht die Reise weiter. Sie sind an einem Ort nie länger als ein paar Wochen. Was ist Heimat für Sie?

Eugen Tränkler: Heimat ist für mich meine Familie. Da wo meine Familie ist, da fühle ich mich wohl und da geht es mir auch gut. Meine Familie steht an aller-allererster Stelle, dann kommt lange nichts. Ich bin der reichste Mann der Welt. Meine Familie ist gesund und wir halten zusammen. Kein Geld der Welt kann dir das geben.

Auftritt in Nabburg:

Eugen Tränkler und seine Familie sind in der Region unterwegs. Unter anderem spielen sie das Stück "Der verzauberte König" am Dienstag und Mittwoch, 14. und 15. Mai, am Festplatz vor der Nordgauhalle in Nabburg. Die Vorstellungen beginnen um 16 Uhr. Der Eintritt kostet 8 Euro pro Person, Kinder unter zwei Jahren sind frei.

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