17.12.2020 - 18:59 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Landwirte fühlen sich vom Verbraucher nicht verstanden

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Immer mehr Auflagen, aber sinkende Preise für die Produkte: Die Landwirte im Kreis Schwandorf kämpfen mit massiven Problem. Sie fühlen sich vom Verbraucher nicht verstanden und haben einen konkreten Vorschlag an die Politik.

Nahrungsmittel, die in Deutschland mit Auflagen fürs Tierwohl, den Verbraucher-, Natur- und Umweltschutz erzeugt worden sind, sollten auch so gekennzeichnet sein, fordert der Bauernverband.
von Claudia Völkl Kontakt Profil

"Die jammern doch immer": Nicht-Landwirte urteilen schnell über Bauern. Wohl auch, weil Landwirtschaft hochkomplex geworden ist, viele Verbraucher sie einfach nicht mehr verstehen. BBV-Kreisobmann Josef Irlbacher und Geschäftsführer Josef Wittmann versuchen im Gespräch mit Oberpfalz-Medien eine Situationsbeschreibung.

Das Aufregerthema überhaupt sind derzeit die sogenannten "roten Gebiete", die über dem Nitrat-Grenzwert liegen und mit gravierenden Auflagen verbunden sind. Sie ziehen sich im Landkreis von Nittendorf über Maxhütte, Burglengenfeld und Schwandorf/Neukirchen bis in den Ensdorfer Raum. Um sie detailliert zu erfassen, braucht es "eine Binnendifferenzierung" und "die Modellierung eines tolerierbaren Endsaldos". Alles verstanden? "Die Berechnung ist höchstkompliziert," so Josef Irlbacher.

Wer fällt in das rote Gebiet? Für die Landwirte soll dies im Infoportal für Landwirte (iBalis) ersichtlich sein. Ziel ist es, dass der Stickstoff im Kreislauf gezielt nach dem Verursacherprinzip eingeschränkt wird. Wie kann das punktgenau ermittelt werden, wenn sogar Stützpunktmessstellen fehlen? Mit der Thematik beschäftigen sich "Spitzenleute in München". Die Verständnisfähigkeit vor Ort stoße da an ihre Grenzen, so Josef Irlbacher. Doch das Ganze soll zum 1. Januar in Kraft treten und hat enorme Folgen: Mehr Lagerraum für Gülle oder veränderte Ausbringungstechniken. Von den 1800 Betrieben im Voll- und Nebenerwerb im Landkreis Schwandorf sind wohl rund zehn Prozent betroffen, schätzt Irlbacher grob.

Tiere kann man nicht abstellen

Dann ein Schwenk zu einem Fiasko: Der Rückstau auf den Schlachtviehmärkten. Bundesweit sind es bis Weihnachten eine Million Schweine, schätzen Josef Irlbacher und Josef Wittmann. Im Landkreis haben 60 Zuchtsauenhalter und 200 Mastbetriebe mit den aktuellen coronabedingten Absatzproblemen zu kämpfen. Zudem schwebt über ihnen das Damoklesschwert Schweinegrippe. 1,19 Euro für das Kilo Schweinefleisch, ein Abstürzen des Ferkelpreises von 80 auf 30 Euro in einem halben Jahr. Das spricht für sich. "Doch die Landwirtschaft kennt keinen Lockdown. Tiere kann man nicht abstellen und nach Corona von heute auf morgen hochfahren. Dann haben die Tierhalter auch sechs Monate nichts zu verkaufen", schildern die BBV-Vertreter die Lage.

Die Kosten bleiben gleich, aber die Erzeugerpreise sind im Keller. Deshalb wurde auch vor Supermarkt-Auslieferungslagern demonstriert. Der Handel müsse endlich mit den Dauerniedrigpreisen aufhören, fordert Wittmann. Der Milchpreis habe sich in über 20 Jahren nicht verändert, doch die Kosten seien gestiegen. Ein Stück Butter von Kerry Gold sei im Lockvogelangebot für 1,09 Euro zu haben. Etwas Zuversicht darf sich hier breit machen: Die Proteste kommen jetzt allmählich an, wie erste Verhandlungsgespräche zeigen.

Nicht nur auf dem Rücken der Landwirte dürfe auch das Thema "Tierwohl" abgeladen werden. "Wenn ich eh schon draufzahle, wie kann ich dann noch die Tierwohl-Forderungen und entsprechende Stallumbauten umsetzen? Da kann ich Betrieben wirtschaftlich betrachtet den Strick mitschicken", macht Wittmann deutlich.

Das Höfesterben gehe weiter. Jedes Jahr hören drei bis fünf Prozent auf. Viehbestände würden aktuell abgebaut. "Ende des Jahrzehnts haben wir eine andere Landwirtschaft als wir uns wünschen. Der Strukturwandel ist zum Strukturbruch mutiert." Es sei gefährlich, die Ernährungssicherheit des Landes auf immer weniger Schultern zu haben.

Österreich als Vorbild

Wittmann ist kein Illusionist. "Der Verbraucher alleine wird es nicht richten". Er plädiert für eine Umlage für den zusätzlichen Aufwand in der Tierhaltung und in der Landwirtschaft. Sein Stichwort: Ein Deutschlandfonds für Lebensmittel. Doch diese Produkte aus deutscher Erzeugung, die all die gewünschten Auflagen auch erfüllen, müssten im Handel für den Verbraucher auch erkennbar gekennzeichnet sein. Österreich sei in diesem Umdenken schon wesentlich weiter, "bei uns ist die Exotik schick", so Wittmann.

Die BBV-Vertreter könnten noch von diversen "Baustellen" berichten, die letztlich zu einer "Wahnsinnsüberforderung" und zunehmenden Burnout-Problemen in landwirtschaftlichen Familien führen. Dabei wurde noch nicht das drängende Thema "Klimawandel" angesprochen. Waldaufbau, Steigerung der Düngeeffizienz, Umstellung der Rinderzucht, Humusaufbau, Klimagase reduzieren: Bei der Co 2-Bindung könne die Landwirtschaft auch als Problemlöser beitragen. Eigentlich sollte man beim Sebastiani-Bauerntag am 12. Januar Infos aus Expertenhand bekommen.

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Hintergrund:

Abgesagt oder digital

  • Der Sebastiani-Bauerntag am 12. Januar wurde ersatzlos gestrichen, da diese Art der Kontaktpflege nicht auf ein digitales Format umgepolt werden kann.
  • Entfallen werden der Landfrauentag und der Ball der Landwirtschaft. Noch offen sind die Lehrfahrten im Frühjahr/Sommer. Das Ernährungsprogramm "Schule fürs Leben" ist gestoppt.
  • BBV-Bildungsveranstaltungen laufen digital, auch die Ortsbäuerinnentagung ging so über die Bühne. Der Kreisverband kommuniziert derzeit per Video-Schalte miteinander. Da die Technik manchmal hakt, wurde die Surferkapazität beim BBV verstärkt. Beratungen laufen vorwiegend telefonisch ab.
Für eine sichere und wertgeschätzte Lebensmittelversorgung mit heimischen Produkten wirbt BBV-Geschäftsführer Josef Wittmann. Ein Deutschlandfonds könnte der Weg dahin sein.

Die Landwirtschaft kennt keinen Lockdown. Tiere kann man nicht abstellen und nach Corona von heute auf morgen hochfahren.

BBV-Kreisvorsitzender Josef Irlbacher

BBV-Kreisvorsitzender Josef Irlbacher

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