18.04.2019 - 16:09 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Die letzten Grenzen ausloten

Johann Betzinger (83) weiß genau, welche Behandlung er in einem Notfall noch erfahren will und welche nicht. Wie das zu Papier bringen? Dabei hilft ihm Edith Hösl. Sie berät zur "Gesundheitlichen Vorsorgeplanung".

Das Elisabethenheim etabliert als eine der ersten Alten- und Pflegeheime im Landkreis die "Gesundheitliche Vorsorgeplanung für die letzte Lebensphase". Gemeint ist damit unter anderem eine sehr detaillierte Patientenverfügung.
von Clemens Hösamer Kontakt Profil

Johann Betzinger ist vor knapp vier Jahren ins Elisabethenheim gezogen, zu seiner pflegebedürftigen Frau. Sie ist vor gut einem Jahr an ihrer Erkrankung verstorben. Sie habe lange leiden müssen, erzählt Betzinger. Schon vor einiger Zeit hatte er eine Patientenverfügung ausgefüllt, um zu regeln, welche Behandlung er im Falle des Falles erfahren will und welche nicht. Lebensverlängernde Maßnahmen um jeden Preis: "Das will ich nicht".

Ein Angebot des Elisabethenheims ließ ihn seine Verfügung erneuern. Mit der "Gesundheitlichen Vorsorgeplanung für die letzte Lebensphase" (GVP) steht den Bewohnern eine kompetente Beratung zu, deren Ergebnis eine sehr detaillierte Patientenverfügung ist. Edith Hösl, seit sieben Jahren beim Elisabethenheim beschäftigt, hat sich für die Gesprächsbegleitung ausbilden lassen.

Betzinger war einer der ersten, der das Gespräch mit Hösl suchte. "Sie kann das viel genauer erklären, als ich das je verstehen würde," erzählt er. Denn die Fragen, die geregelt werden können, sind sehr persönlich, betreffen auch genaue medizinische Anordnungen für den Notfall. Etwa, ob im Notfall eine "uneingeschränkte Notfall- und Intensivtherapie" einschließlich Wiederbelebung gewünscht ist, oder welche Einschränkungen der betreffende Mensch hier wünscht. Hösl erklärt: "Es kann festgelegt werden, ob sie beispielsweise bei einer Lungenentzündung ins Krankenhaus wollen und wie intensiv die Behandlung sein soll." Zum Beispiel, ob ein Antibiotikum nur per Tablette oder auch intravenös gegeben werden soll oder eine Behandlung in der Intensivstation gewünscht wird.

"Das war anspruchsvoll", erklärt die gelernte Krankenschwester. Die Möglichkeit zur Fortbildung nennt sie "einen Sechser im Lotto": Denn aus gesundheitlichen Gründen kann sie nicht mehr im regulären Pflegedienst arbeiten. Jetzt steht "ACP" auf ihrem Namensschild, das steht für "Advanced Care Planing" und ist der englische Ausdruck für die GVP. Das Heim der Bürgerspitalstitung ist eines der ersten in Bayern, das die Beratung anbietet.

Hösls Auftrag bei den Gesprächen, die zwischen 40 und 95 Minuten dauern und bei denen teils auch Angehörige oder bestellte Betreuer anwesend sein sollen, ist es erstmal heraus zu finden, was sich der betreffende im Fall einer medizinischen Krise wünscht. Darf eine Behandlung dazu beitragen, das Leben in der Krise zu verlängern? Welche Risiken dürfen dafür in Kauf genommen werden? Was soll auf keinen Fall geschehen? In welchen Situationen will ihr Gesprächspartner nicht mehr lebensverlängernd behandelt werden?

"Ich habe mich leichter getan, genau meine Meinung zu sagen", erzählt Betzinger, auch seine Schwester kennt seine Einstellung. "Eine Leidenszeit wie meine Frau will ich nicht erleben", stellt der 83-Jährige klar. Kernfrage sei, so Hösl: "Wie möchte ich behandelt werden in einer medizinischen Lebenskrise? Wo sind meine körperlichen, meine geistigen Grenzen? Auch in der sozialen Teilhabe, wo sind da meine Grenzen? Wann sollen Medikamente abgesetzt werden, nicht mehr lebensverlängernd oder lebenserhaltend behandelt werden?" Auch für den Fall, dass der Betreffende sich nicht mehr äußern kann, werden Regelungen festgeschrieben. Sie nennt ein Beispiel: "Bei einer schweren Lungenentzündung und hohem Fieber, möchte ich noch auf die Intensivstation, möchte ich noch beatmet werden? Oder möchte ich Antibiotika nur in Tablettenform hier im Haus, und wenn es nicht ausreicht, dann ist es der Zeitpunkt, an dem das Sterben zugelassen wird."

Im Vergleich zu einer "multiple Choice"-Patientenverfügung, bei der bestimmte Fallkonstellationen recht pauschal angekreuzt werden können, geht die GVP-Beratung viel tiefer. "Die Gespräche sind sehr intensiv, sehr emotional", berichtet Hösl aus ihrer Erfahrung. Für medizinische Fragen der Arzt zuständig. Es geht um persönliche Grenzen, auch um die Frage, wie weit man sein Leben in die Hände Dritter legen will und kann.

Enge Zusammenarbeit

Ausführliche Gespräche

Eine enge, vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Ärzten, Rettungsdiensten und anderen Beteiligten sei von entscheidender Bedeutung, damit der Bewohnerwille auch beachtet werden kann. Im Notfall muss der Arzt oder Sanitäter eben wissen, dass beispielsweise die "Ärztliche Anordnung für den Notfall" dem Wunsch des Bewohners entspricht. Vier Unterschriften - vom Bewohner, einem zertifizierten Arzt, gegebenenfalls einem Bevollmächtigten/Betreuer und dem GVP-Gesprächspartner - belegen das.

Das Angebot stößt auf rege Nachfrage im Elisabethenheim. Nicht nur bei Bewohnern, die teils schon drauf gewartet haben, mit jemandem über das Thema sprechen zu können. Auch Mitarbeiterinnen haben sich schon mit der Bitte um Beratung an Edith Hösl gewendet.

Die ersten GVP-Gespräche hat Hösl bereits abgeschlossen. Wenn sie die Papiere aushändigt - allein die Verfügung hat 19 Seiten -, sei sie bisher stets auf Erleichterung gestoßen. Da heißt es dann, "ich bin froh, dass das gemacht ist". Oder, wie es Hans Betzinger ausdrückt: "Jetzt ist das genau so geregelt, wie ich mir das vorstelle."

Lebenserfahrung nötig:

Aufwändige Ausbildung

Der Anspruch auf die GVP ergibt sich aus dem Hospiz und Palliativgesetz – eigentlich seit 2016, wie Geschäftsführer Egon Gottschalk erläutert. Allerdings hat es lange gedauert, bis die Ausführungsverordnung vorlag und klar war, wie das Angebot finanziert wird. Die gesetzlichen Kassen haben dies für ihre Versicherten übernommen. Für Privatversicherte gilt das nicht, allerdings mache das Elisabethenheim hier keinen Unterschied, sagte Gottschalk. Der Personalschlüssel besagt, dass für 400 Bewohner eine Fachkraft gestellt werden soll. Für das Elisabethenheim bedeutet dies, dass knapp eine Stelle finanziert wird. Es bestehe auch die Möglichkeit Kooperation mit anderen Heimen.

„Es gibt sehr wenige Beschäftigte, die diese Qualifikation erworben haben“, sagt Gottschalk. Gefragt sind Pflegefachkräfte mit Berufs- und Lebenserfahrung. Von den 16 Kräften, die mit Edith Hösl an einer Regensburger Akademie die Ausbildung begonnen haben, haben fünf recht schnell die Segel gestrichen. Auch weil sie aus Sicht der hochkarätigen Dozenten persönlich nicht geeignet waren. „Da haben einige die individuellen Ansprüche unterschätzt“, sagt Hösl. Es gehört viel dazu, mit Menschen über die letzten Dinge zu sprechen. Besonders, die eigenen Ansichten hintan zu stellen, offen für Lebensplanungen, Weltbilder, Werte und Ziele zu sein. „Da braucht’s jemanden, der eine gewisse Lebenserfahrung hat, auch schon mit dem Tod schon zu tun hatte. Das ist schon ein schwerer Job“, so Gottschalk. (ch)

Edith Hösl (links) hat mit Johann Betzinger (83) die "Gesundheitliche Vorsorgeplanung" besprochen. "Sie kann das sehr gut erklären", lobt der Bewohner des Elisabethenheims.

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