02.03.2020 - 09:47 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Auf Schwandorfs Straßen

Für Verkehrsüberwacher Franz Prechtl gleicht kein Tag dem anderen. Ist der 56-Jährige auf Schwandorfs Straßen unterwegs, bewegt er sich zwischen Dankbarkeit, arbeitenden Zauberern und hemmungslosen Wutausbrüchen.

Franz Prechtl ist Verkehrsüberwacher in Schwandorf. Jeden Tag ist er auf den Straßen der Stadt unterwegs.
von Julia Hammer Kontakt Profil

Die Schritte hinter Franz Prechtl werden schneller. „Hallo? Ich bin schon da!“ Hinter dem Verkehrs- überwacher steht eine ältere Frau. Abgehetzt, die Kapuze ins Gesicht gezogen, um sich vor dem Schnee zu schützen. „Ich habe nur schnell etwas für meine Schwiegermutter aus der Apotheke geholt. Bitte keinen Strafzettel.“ Sie hält die Tüte mit den Medikamenten hoch. „Es waren höchstens zehn Minuten. Wirklich.“ Ihr Blick ist angespannt – bis Prechtl lächelt. „Ist schon in Ordnung. Einen schönen Tag noch.“ Der 56-Jährige ist Ansprechpartner, Orientierungshilfe für Herumirrende – und nicht selten „derjenige, der die ganze Wut einiger Menschen abbekommt“.

Franz Prechtl beugt sich über die Windschutzscheibe eines grauen Kombis. Eines von rund 15 Autos auf dem Parkplatz an der Spitalstraße. „Alles in Ordnung“, sagt er und geht zum nächsten Wagen, dann zu dem daneben. Es ist die erste Station des Verkehrsüberwachers an diesem Tag. Vor einer Stunde hat es angefangen, stark zu schneien. „Passend zum Schichtbeginn um 9 Uhr“, sagt er und lacht. Mit Schirmen versuchen vorbeigehende Passanten, sich gegen Schnee und Wind zu schützen. „Nicht das beste Wetter, um den ganzen Tag draußen zu sein.“ Prechtl ist an diesem Tag für die Bereiche um den Marktplatz, die Breite Straße und die Wöhrvorstadt zuständig. Insgesamt ist die Stadt in vier Bezirke eingeteilt, in denen vier Verkehrsüberwacher unterwegs sind. „Wir wechseln wöchentlich. Sonst wird es mit der Zeit langweilig.“

Er sieht einen Mann, der vor einer grauen Parkuhr steht. Sein Blick schweift fragend von links nach rechts. „Ist die noch in Betrieb? Ich bin nicht von hier – und so ein Urgestein habe ich schon lange nicht mehr gesehen.“ „Natürlich, einfach Geld einwerfen und drehen“, erklärt Prechtl. Der 56-Jährige ist nicht nur Verkehrsüberwacher. Er ist Wegbeschreiber, Ansprechpartner. „Und das macht mir

großen Spaß..“ Der Stullner in dunkelblauer Uniform ist ausgestattet mit einem Handy, das mit einem kleinen Drucker für die Strafzettel verbunden ist, den er an seinem Gürtel trägt. „Wir arbeiten mit einem speziellen Programm. In Schwandorf gibt es verschiedene Möglichkeiten, für das Parken zu zahlen. Parkzettel, Parkuhr oder per SMS“, erzählt er, während er sich auf den Weg Richtung Marktplatz macht. Liegt in einem Auto kein Ticket, gibt Prechtl das Kennzeichen in das System ein und erfährt so, ob der Fahrer ein digitales Ticket gelöst hat. „Hier haben wir gleich so einen Fall.“ Er zeigt auf einen schwarzen Audi, der auf einem der Parkplätze am Marktplatz abgestellt ist. Ein paar wenige Klicks und Prechtl weiß: „Im System ist nichts hinterlegt. Der Fahrer hat nicht gezahlt.“

Zehn Minuten

Ab diesem Moment läuft die Zeit rückwärts. „Zehn Minuten. Ist der Wagenbesitzer bis dahin nicht da, stelle ich einen Strafzettel aus.“ Prechtl macht ein Foto. Ein wichtiger Beweis, wenn es darauf ankommt. „Bevor wir die Möglichkeit hatten, Bilder zu machen, gab es etliche Leute, die abgestritten haben, dass sie an dem entsprechenden Tag in Schwandorf waren. Jetzt können wir solche Behauptungen widerlegen.“ Bis zu 30 Minuten Parken ohne gültiges Ticket kostet 10 Euro, über zwei Stunden 20, über drei Stunden 30 Euro. Doch die Fahrerin hat Glück. Nach rund sieben Minuten eilt die Frau zu ihrem Audi. „Ich bin schon da. Ich wollte eine SMS schreiben. Aber dann habe ich es vergessen. Es tut mir leid.“ Sie ist in der Zeit. Prechtl löscht das Kennzeichen aus dem System – und geht zu den gekennzeichneten Behindertenparkplätzen. „Wir achten besonders darauf, dass auf diesen Stellplätzen wirklich nur Personen mit entsprechenden Ausweisen parken. Sie sind davon abhängig, weil sie oft nicht gut zu Fuß sind. Ich habe kein Verständnis, wenn sich Menschen, denen nichts fehlt, aus Bequemlichkeit daraufstellen.“ Zwei Autos sind an diesem Vormittag dort abgestellt. In beiden liegen Ausweise, die ihre Fahrer dazu berechtigen. „Wir erleben immer wieder, dass Familienmitglieder die Ausweise ihrer verstorbenen Angehörigen benutzen. Das ist strafbar.“ Wieder geht Prechtl von Auto zu Auto, blickt in die Windschutzscheiben, kontrolliert die Tickets. Eine aufgeregte Stimme reißt ihn aus seinen Gedanken. „Ist der Automat kaputt? Er nimmt mein Geld nicht an.“ Eine ältere Frau steht am Parkautomat. Noch einmal versucht sie, den Euro durch den Schlitz zu stecken. Der Verkehrsüberwacher will sich selbst ein Bild machen. „Ja, da funktioniert etwas nicht. Ich kümmere mich darum.“ „Was soll ich jetzt machen? Ich muss schnell was abholen. Und ich habe keine Zeit.“ Empathie. Verständnis. Elementar im Umgang mit den Bürgern. Das weiß der 56-Jährige. „Wenn Sie in zehn Minuten zurück sind, ist das kein Problem. Wo steht Ihr Auto?“ Die Frau zeigt auf einen Twingo. „Danke!“

Weniger Glück hat der Fahrer eines Kastenwagens in der Friedrich-Ebert-Straße einige Minuten später. Er parkt auf dem Fußgängerweg. Zehn Minuten Kulanz gibt es in so einem Fall nicht. Prechtl zückt sein Handy, macht Fotos und stellt den Strafzettel aus. Als der Fahrer kurze Zeit später zu seinem Fahrzeug kommt, nützt auch seine Erklärung nichts. „Sie dürfen hier überhaupt nicht stehen“, betont Prechtl. Der junge Mann nimmt es gelassen. „Ich verstehe, kein Problem. Ich fahr' sofort weg.“ Bis zu 25 Strafzettel stellt der Verkehrsüberwacher pro Tag aus. „Falsch geparkt wird immer. Es gibt auch alte Bekannte. Notorische Falschparker. Manche schreibe ich drei bis vier Mal pro Woche auf.“ Die Konsequenzen sind nicht nur teuer. „Hat jemand eine bestimmte Anzahl an Verwarnungen, geben wir das an die Führerscheinstelle weiter. Die prüft, ob der Fahrer noch in der Lage ist, ein Fahrzeug zu führen.“ Prechtl biegt in die Breite Straße ein – und erblickt sofort ein falsch abgestelltes Auto.

"Zauberer bei der Arbeit"

Ein schwarzer Mercedes steht im Zonenhalteverbot. „Dieser Bereich ist nicht gekennzeichnet. Deshalb darf er hier nicht stehen.“ Wieder läuft die Zeit. Der 56-Jährige speichert das Kennzeichen im System. Zehn Minuten. Zeit, die er nutzt. Wieder geht er von Auto zu Auto, kontrolliert. „Alles in Ordnung.“ Noch eine Minute. Von dem Fahrer ist nichts zu sehen. Durch einige Klicks bestätigt Prechtl digital, dass der Fahrer verwarnt wird. Nach wenigen Sekunden schiebt sich ein kleiner weißer Zettel aus dem handlichen Drucker. Noch ein prüfender Blick, dann klemmt ihn der 56-Jährige unter den Scheibenwischer. 15 Euro kostet das den Falschparker. „Richtig teuer wird es, wenn man unberechtigt auf einem Behindertenparkplatz steht. 35 Euro. Gehweg kostet 20 Euro, Feuerwehrzufahrt ebenfalls 35 Euro.“

Abgeschleppt werde in Schwandorf nur sehr selten. „Außer, jemand blockiert eine Feuerwehrzufahrt. Dann halten wir aber Rücksprache mit der Polizei.“ Nicht die einzige Situation, in der die Schwandorfer Verkehrsüberwacher mit den Beamten zusammenarbeiten. Prechtl erinnert sich an eine Situation vergangenen Sommer. „Schrecklich war das. Es herrschte eine brütende Hitze. In einem Auto saß ein schreiendes Kind. Es hatte einen hochroten Kopf. Alle Fenster waren geschlossen. Wir haben sofort die Polizei geholt. Immer wieder erleben wir das auch mit Hunden. Das ist grausam.“ Doch Prechtl erlebt auch Situationen, die ihn zum Lächeln bringen. „Es gibt etliche Schmankerln, die man in diesem Beruf erlebt. Ein Fahrer hatte einmal einen Zettel auf der Ablage liegen, auf dem stand: ,Zauberer bei der Arbeit‘. Ein anderer ,Bin beim Arzt. Kann länger dauern‘. Kreativ, das muss man ihnen lassen.“ Der 56-Jährige arbeitet seit der ersten Stunde bei der Verkehrsüberwachung. „1993. Dass ich heute Verkehrsüberwacher bin, war Zufall – und ich habe es nie bereut“, erinnert er sich, während er sich auf den Weg in die Wöhrvorstadt macht. Er zieht seine schwarze Mütze mit dem Wappen des Ordnungsamtes weiter ins Gesicht. Es schneit stärker, der Wind bläst durch die Breite Straße. Eine vorbeifahrende Taxifahrerin lächelt ihn an, winkt. „1992 arbeitete ich noch an der Pforte des Elisabethenheims. Als die Verkehrsüberwachung ein Jahr später eingeführt worden ist, haben sie Angestellte gesucht. Es hat mich interessiert – und es hat gleich geklappt. Ein Bürojob wäre nichts für mich.“ Doch die ersten Jahre waren nicht leicht. „Sehr viel Unverständnis der Bürger. Bis 1993 haben Politessen die Autos kontrolliert. Plötzlich waren wir da. Jeden Tag. Wir haben viel informiert, bis das neue System im Bewusstsein der Leute war.“ Zu dieser Zeit erlebte Prechtl „den einzigen körperlichen Angriff“ in seiner Karriere. Er ist auf der Spitzwegstraße unterwegs, als er einem angetrunkenen Mann und dessen Freundin begegnet. Er pöbelt den Verkehrsüberwacher an, beschimpft ihn und tritt ihm so stark in die Ferse, dass sich Prechtl gerade noch fangen kann, bevor er stürzt. „Er war wütend, und ich habe es abbekommen.“

Wut, Ausraster, Frustration

Prechtl blickt in die Windschutzscheibe eines dunkelgrünen Mercedes. Die Parkuhr ist auf 10 vor 10 eingestellt. Es ist 10.25 Uhr. „Alles in Ordnung. In der Wöhrvorstadt darf man zwei Stunden mit Scheibe parken.“ Er geht zum nächsten Auto, das einige Meter weiter vorne abgestellt ist. Wieder beugt er sich über die Scheibe, nickt. „Ich erlebe viel Schönes in meinem Beruf. Nette Worte, Verständnis, Menschen, die dankbar sind, wenn ihnen jemand hilft. Aber manche machen mich auch nach 27 Jahren noch sprachlos. So viel Wut, Ausraster. Und oft trifft es uns als Verkehrsüberwacher. Am Anfang hat mich das sehr getroffen. Aber mit der Zeit stumpft man ab.“ Das Problem: „Viele halten uns für Unmenschen. Sie denken, man könne mit uns nicht reden. Wir verteilen gnadenlos Strafzettel und hätten kein Verständnis. Aber das stimmt nicht. Wir haben immer ein offenes Ohr.“ Prechtl versteht den Ärger darüber, verwarnt zu werden. „Aber wir als Überwacher können nichts dafür. Es gibt Regeln – und unsere Arbeit ist es zu kontrollieren, ob diese Regeln eingehalten werden.“ Der Stullner ist zurück am Parkplatz Spitalstraße. Die letzte Station vor der Mittagspause. Wieder prüft er jedes Fahrzeug. „Kein Falschparker, alle haben bezahlt. So muss es sein“, sagt der Angestellte des Ordnungsamtes. Er packt das Handy in seine Jackentasche. „Zeit, um sich kurz aufzuwärmen“. Prechtl reibt seine Hände aneinander, bevor er zurück ins Rathaus geht. Ein heißer Kaffee, ein kurzes Gespräch über die Ereignisse des Vormittags mit den Kollegen. Dann geht es zurück auf die Straßen Schwandorfs.

Parken in Schwandorf:

1993: erste kommunale Verkehrsüberwachung

Nach § 24 haben in Bayern neben der Polizei Gemeinden und Städte die Berechtigung, Verstöße gegen das Straßenverkehrsgesetz – darunter Parkverstöße – zu ahnden. Ihnen steht es aber frei, ob sie diese Möglichkeit nutzen oder nicht. Die Stadt Schwandorf hat sich bereits 1993 entschieden, eine kommunale Verkehrsüberwachung zu integrieren.

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