13.10.2021 - 17:07 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Ein ungewöhnlicher Leseabend bei Landmaschinenhersteller Horsch in Schwandorf-Sitzenhof

Die bekannte algerisch-kanadische Literatin Nassira Belloula arbeitet derzeit im Oberpfälzer Künstlerhaus in Schwandorf. Aus ihrem soeben auf deutsch erschienenen Roman "Marias Zitronenbaum" gibt es Kostproben bei einer Soiree.

Kirstin Rokita (links) liest aus dem Roman „Marias Zitronenbaum“ von Nassira Belloula (Mitte). Elke Horsch ist nicht nur Gastgeberin der Veranstaltung des Oberpfälzer Künstlerhauses, sondern dolmetscht auch.
von Irma Held Kontakt Profil

Es ist purer Zufall: Als Nassira Belloula zu ihrem Studienaufenthalt im Oberpfälzer Künstlerhaus eintrifft, erscheint ihr Roman "Marias Zitronenbaum" im Verlag Donata Kinzelbach. Die 60-jährige Algerierin beschäftigt sich Zeit ihres Lebens mit Frauenthemen, schreibt gegen patriarchalische Strukturen an und tritt für Frauenrechte ein. In ihrem jüngsten Roman geht es um eine Frau, die beschließt nach 30 Jahren ihren Mann zu verlassen, der Entwürdigung und dem Eingeschlossensein im Haus zu entfliehen. Die Töchter sind fassungslos. Einzig ein Zitronenbaum im Innenhof bietet Maria in all den Jahren Trost und den nötigen Platz zum Träumen, um der Realität zu entfliehen.

Das Oberpfälzer Künstlerhaus und der Förderverein machen sich den Zufall - Buchveröffentlichung und Studienaufenthalt der Autorin - zunutze. Sie setzen mit einer ungewöhnlichen Lesung dem Ganzen noch eins drauf. Ungewöhnlich deshalb, weil die Regensburger Schauspielerin Kirstin Rokita liest, die Autorin und das Publikum aufmerksam zuhören und die dritte Vorsitzende des Fördervereins, Elke Horsch, das FIT-Zentrum der Firma Horsch in Schwandorf-Sitzenhof in "Le Café" verwandelt hat. Sogar an Zitronenbäumchen hat sie gedacht.

Lockere Atmosphäre

Der Leseabend gewinnt durch die aufgelockerte Sitzweise sofort den Charakter des Ungezwungenen. Zwischen den einzelnen Lesesequenzen entwickeln sich Gespräche unter den Zuhörern. Auch die Autorin ist in die Unterhaltung einbezogen. Elke Horsch übersetzt mit Unterstützung von Sabine Läufer für die 60-Jährige ins Französische.

Kenne das Milieu sehr gut

Zu ihrer Inspiration mit Maria eine Protagonistin zu erfinden, die sich immer mehr in sich selbst zurückzieht, weil sie im hermetisch abgeriegelten, islamischen Haushalt geistig und seelisch zugrunde geht, erklärt sie: "Weil ich selber eine Frau bin, kenne ich das Milieu der Frauen besonders gut. Manchen Problemen bin ich näher, manchen entfernter, aber ein Roman ist immer ein Derivat eines Ganzen. Es sind Frauenleben, die darin Niederschlag finden."

"Frauen wie Maria gibt es oft", lässt Nassira Belloula das Publikum wissen. Diese seien überall dort zu finden, wo Mädchen verheiratet würden, zu Ehen mit Männern gezwungen, die wesentlich älter seien und die sie nicht kennen würden. Marias Ehemann sei eine narzisstische Persönlichkeit. Es müsse sich alles um sein Leben drehen. "Ich habe eine Zuschrift von einer Frau erhalten, darin steht: ,Wir sind alle Maria'".

Faible für Kopfsteinpflaster

Dass der Roman über viele Seiten hinweg als innerer Monolog der Hauptperson Maria gestaltet ist, habe sich aus der Geschichte ergeben. "Der Monolog ist ein Stilmittel, die Seele zu entblättern." Nassira Belloulas Werke werden nicht nur in Europa oder Nordamerika gelesen, sondern auch in Nordafrika. "Meine Muttersprache ist Berberisch und ich werde ins Berberische übersetzt." Sie sei in Algerien bekannt. Sie gehe jedes Jahr nach Algerien und könne sich dort frei bewegen. Die algerische Frau trage zum Beispiel keinen Schleier. "Ich bin der Natur sehr verbunden," sagt sie über ihren Studienaufenthalt auf dem Land. An Schwandorf liebe sie zum Beispiel die Straßen mit Kopfsteinpflaster. Ihr gefalle einfach alles Historische.

Mehr zum aktuellen Programm des Oberpfälzer Künstlerhauses

Schwandorf
Hintergrund:

Nassira Belloula und der Studienaufenthalt im Oberpfälzer Künstlerhaus

■ Steckbrief: geboren am 13. Februar 1961 in Batna (Algerien). Sie ist eine kanadisch-algerische Schriftstellerin, Essayistin, und Dichterin. Ab 1993 arbeitete sie als freie Journalistin für unabhängige algerische Zeitungen. Im Alter von 20 Jahren veröffentlichte sie ihr erstes Werk, eine Sammlung von Gedichten aus ihrer Schulzeit. 2010 siedelte sie mit ihrer Familie nach Montreal über. Die Autorin, deren Muttersprache Berberisch ist, schreibt auf Französisch. Ihre Werke wurden in verschiedene Sprachen übersetzt. Der Roman "Marias Zitronenbaum" (Originaltitel Aimer Maria) ist ihr erstes Werk auf dem deutschen Markt. ■ Stipendium: Nassira Belloula ist vom 14. September bis 22. Oktober Stipendiatin des Bayerischen Wissenschaftsministerium, das hierfür mit dem Oberpfälzer Künstlerhaus kooperiert. Der Studienaufenthalt wendet sich an Kunstschaffende in den Bereichen Literatur, Comic/Graphic Novel und literarische Übersetzung. Im Austausch bekommt ein bayerischer Stipendiat die Gelegenheit, in der kanadischen Provinz Quebec zu arbeiten. ■ Der fabelhafte Mann: Während ihres Aufenthaltes in Schwandorf-Fronberg arbeitet Nassira Belloula an ihrem neuen Werk "Der fabelhafte Mann". Der Roman handelt von einem Mann, der bei Adoptiveltern aufwächst, weil seine leiblichen Eltern Ehrenmorden zum Opfer fielen. Er geht zurück in das Dorf seiner Vorfahren, um sie zu rächen. Dort hilft er Frauen, die sich gegen die patriarchalische Gesellschaft wehren. "Das ist seine Rache", sagt die Autorin.

  • Steckbrief: geboren am 13. Februar 1961 in Batna (Algerien). Sie ist eine kanadisch-algerische Schriftstellerin, Essayistin, und Dichterin. Ab 1993 arbeitete sie als freie Journalistin für unabhängige algerische Zeitungen. Im Alter von 20 Jahren veröffentlichte sie ihr erstes Werk, eine Sammlung von Gedichten aus ihrer Schulzeit. 2010 siedelte sie mit ihrer Familie nach Montreal über. Die Autorin, deren Muttersprache Berberisch ist, schreibt auf Französisch. Ihre Werke wurden in verschiedene Sprachen übersetzt. Der Roman "Marias Zitronenbaum" (Originaltitel Aimer Maria) ist ihr erstes Werk auf dem deutschen Markt.
  • Stipendium: Nassira Belloula ist vom 14. September bis 22. Oktober Stipendiatin des Bayerischen Wissenschaftsministerium, das hierfür mit dem Oberpfälzer Künstlerhaus kooperiert. Der Studienaufenthalt wendet sich an Kunstschaffende in den Bereichen Literatur, Comic/Graphic Novel und literarische Übersetzung. Im Austausch bekommt ein bayerischer Stipendiat die Gelegenheit, in der kanadischen Provinz Quebec zu arbeiten.
  • Der fabelhafte Mann: Während ihres Aufenthaltes in Schwandorf-Fronberg arbeitet Nassira Belloula an ihrem neuen Werk "Der fabelhafte Mann". Der Roman handelt von einem Mann, der bei Adoptiveltern aufwächst, weil seine leiblichen Eltern Ehrenmorden zum Opfer fielen. Er geht zurück in das Dorf seiner Vorfahren, um sie zu rächen. Dort hilft er Frauen, die sich gegen die patriarchalische Gesellschaft wehren. "Das ist seine Rache", sagt die Autorin.

 

 

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