02.11.2020 - 16:59 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Wegen Kinderpornografie: Cyber-Jäger erheben jetzt Anklage

Seit einem Polizeieinsatz im Januar sitzt ein junger Mann aus Steinberg am See in U-Haft. Die umfangreiche Anklage wirft ihm unter anderem vor, kinderpornografisches Material verbreitet zu haben. Im Amberg rüstet man sich für den Prozess.

Die Zentralstelle Cybercrime Bayern in Bamberg koordinierte die Ermittlungen gegen einen jungen Mann aus Steinberg am See, der im Darknet unter anderem kinderpornografische Bilder und Videos vertrieben haben soll - unter anderem als Moderator und Administrator einschlägiger perverser Netzplattformen.
von Thomas Dobler, M.A. Kontakt Profil

Vor neun Monaten hat es in Steinberg am See einen größeren Polizeieinsatz gegeben. Bei dem Zugriff durch die schwer bewaffnete und vermummte Spezialeinheit GSG 9 wurde ein damals 19-Jähriger festgenommen, der Kinderpornografie verbreitet haben soll. Die Spezialkräfte waren nachts in sein Elternhaus vorgedrungen, um Beweismittel gegen den jungen Mann zu sichern, dem die "Verbreitung kinderpornografisch Schriften in erheblichem Umfang" zur Last gelegt wurde. Die soll er über das sogenannte Darknet vertrieben haben.

Im Auftrag des Landeskriminalamts und der Zentralstelle Cybercrime Bayern (ZCB) wurde das Haus durchsucht. Ziel war es, den Tatverdächtigen am Computer zu überraschen. Damit wollten die Beamten verhindern, dass der mögliche Täter sensible Daten löschen kann. Das scheint bei dem Zugriff gelungen zu sein. Laut der federführenden Generalstaatsanwaltschaft Bamberg wurde Ende Januar "umfangreiches Beweismaterial" in der Wohnung sichergestellt - darunter technische Geräte, darunter Computer und Handy des Beschuldigten. Die Beweismittel wurden über Monate hinweg ausgewertet.

Oberstaatsanwalt Thomas Goger vom “Zentrum zur Bekämpfung von Kinderpornografie und sexuellem Missbrauch im Internet” hat die Ermittlungen gegen den Steinberger geleitet.

Der junge Mann sitzt seit seiner Festnahme in Untersuchungshaft. Bei seinen Verhören zeigte er sich weitgehend geständig, wie sein Verteidiger, der Würzburger Strafrechtsanwalt Bernhard Löwenberg, Oberpfalz-Medien mitteilte. Dem Anwalt liegt zwischenzeitlich die "sehr lange" Anklageschrift gegen seinen Mandanten vor, dem bis zu vier Jahre Haft drohen nach Jugendstrafrecht. Er rechnet mit einem Prozess wegen bandenmäßiger Verbreitung kinderpornografischen Materials.

"Moderator" im Darknet

Oberstaatsanwalt Thomas Goger hat sich zwischenzeitlich auf Anfrage von Oberpfalz-Medien ebenfalls zu dem Thema geäußert. Er hat mitgeteilt, dass das von ihm geleitete "Zentrum zur Bekämpfung von Kinderpornografie und sexuellem Missbrauch im Internet" in Bamberg mit Verfügung vom 13. Oktober 2020 gegen den Angeschuldigten Anklage zum Jugendschöffengericht am Amtsgericht Amberg erhoben hat.

Dem jungen Mann wird vorgeworfen, auf mehreren Kinderpornografie-Plattformen im Darknet kinderpornografisches Material verbreitet und bei einigen der Plattformen auch in herausgehobener Stellung an deren Betrieb mitgewirkt zu haben - zum Beispiel als "Moderator" oder "Super Administrator". Dort wurden von ihm Bilder und Videos von vornehmlich jungen Mädchen zu Beginn der Pubertät an andere Nutzer weitergegeben.

Daneben soll der Angeschuldigte in mehreren Fällen auf vier Kinder unter 14 Jahren über WhatsApp eingewirkt haben, um diese dazu zu bewegen, Nacktaufnahmen von sich herzustellen und nach Steinberg zu übermitteln. Weitere Einzelheiten zu den Inhalten der Anklageschrift könnten laut Goger im Hinblick darauf, dass der Angeschuldigte die Taten teilweise in jugendlichem Alter begangen haben soll, nicht gemacht werden. Über die Zulassung der Anklage gegen den Angeschuldigten, der sich weiterhin in Untersuchungshaft befindet, hat nun das Amtsgericht zu entscheiden.

Die Verhandlung wird vermutlich heuer nicht mehr stattfinden, sondern erst 2021. Sie könnte sich dabei zu einem längeren Verfahren mit mehr als zehn Verhandlungstagen entwickeln - mit zahlreichen Zeugenaussagen und Gutachten. Der Verteidiger hofft, dass sich das Geständnis und die Kooperationsbereitschaft seines Mandanten positiv auf das Urteil des Jugendschöffengerichts auswirken.

"Schon ziemlich heftig"

Wenn man den Ausführungen des Verteidigers folgt, ging es wohl überwiegend um den Tausch von Nacktbildern im Darknet. Es sei keine Macht oder Gewalt ausgeübt worden, "kein Hauch von Vergewaltigung" sei auf den Bildern festzustellen. Andererseits sind manche Dateien trotzdem "starker Tobak": Sie zeigen laut Löwenberg unter anderem Penetrationsmotive. "Das ist schon ziemlich heftig." Die Ermittler haben dazu bundesweit mutmaßliche Opfer des Steinbergers vernommen. Der Anwalt war bei Vernehmungen unter anderem in Schleswig-Holstein, Chemnitz, Halle und Neu-Ulm dabei.

Der Angeklagte selbst war in einer Anstalt für Sexualstraftäter in Bamberg untergebracht. Zwischenzeitlich hat man ihn nach Amberg in die JVA gebracht, wo er seine U-Haft bis zum Beginn der Hauptverhandlung absitzen muss. Ein erster Haftprüfungstermin Ende Juli scheiterte, ein nächster ist für diese Woche vor dem Oberlandesgericht Nürnberg geplant. Für Bekannte kam seine Festnahme überraschend. Ein ehemaliger Klassenkamerad versicherte: "Computer und Internet waren seine große Leidenschaft." Ansonsten sei der 19-Jährige eher "unauffällig" gewesen.

Mehr Informationen zum Polizeieinsatz in Steinberg am See

Steinberg am See
Strafverteidiger Bernhard Löwenberg hofft, dass sich das Geständnis und die Kooperationsbereitschaft seines Mandanten positiv auf das Urteil des Jugendschöffengerichts auswirken.
Im Blickpunkt:

Zentralstelle Cybercrime Bayern

Das neue "Zentrum zur Bekämpfung von Kinderpornografie und sexuellem Missbrauch im Internet" ist seit Oktober 2020 unter dem Dach der "Zentralstelle Cybercrime Bayern" bei der Generalstaatsanwaltschaft Bamberg angesiedelt. Dort ist bereits seit 2018 eine Arbeitsgruppe auf die Verfolgung von Kinderpornografie spezialisiert. Das Team wurde vor vier Wochen von vier auf acht Spezial-Staatsanwälte verdoppelt. Die Spezialeinheit wird angeführt von Oberstaatsanwalt Thomas Goger, der seine Erfahrung als stellvertretender Leiter der Zentralstelle Cybercrime einbringt.

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