11.01.2022 - 11:10 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Mit Welthit und guter Laune in Schwandorf

Im Sommer vor 50 Jahren spazierte eine der populärsten Pop-Gruppen aller Zeiten durch Schwandorf, Eis schlecken inklusive. Eingeladen hatte sie eine der schillerndsten Figuren jener Zeit. Noch heute erinnern sich viele gut an der Tag.

„Middle of the Road“ im Sommer 1971 in Schwandorf. Das Foto entstand bei einem Bummel der angehenden Supergruppe durch die Stadt, der sie auch zu einer Eisdiele und in einen Plattenladen führte. Die Band war für drei Auftritte in der Diskothek „Apollo“ engagiert worden.
von Thomas Dobler, M.A. Kontakt Profil

TV-Berühmtheit Ludwig "Lucki" Hofmaier ("Bares für Rares") hat kürzlich seinen 80. Geburtstag gefeiert. Vor einem halben Jahrhundert betrieb er in Steinberg am See eine Diskothek. Und dorthin lotste er eine der bekanntesten Bands der Pop-Ära - "Middle of the Road".

Als Ludwig "Lucki" Hofmaier vor acht Jahren plötzlich im Fernsehen erschien und Teil der Antiquitäten-Sendung "Bares für Rares" wurde, rieben sich im Raum Schwandorf so manche erstaunt die Augen. Wer das richtige Alter hatte konnte sich noch gut an die Diskothek "Apollo" in Steinberg (damals noch ohne Zusatz "am See") erinnern, die der Regensburger Hofmaier betrieben und zu einiger Bekanntheit gebracht hatte. Später wurde ein Nachtclub aus dem "Apollo" und herrschte strengstes Jugendverbot, wenn Damen ihre Striptease-Vorführungen zeigten und sich entblätterten.

Aber Anfang der 1970er Jahre war das noch nicht soweit. Hofmaier, Jahrgang 1941, hatte allerdings schon damals einen Ruf als Paradiesvogel. Bereits Mitte der 60er Jahre gab es über den kleinen "Lucki" (Körpergröße: 1,55 Meter) bewundernde Zeitungsartikel. Er war von Kindheit an recht sportlich, war als Turner aktiv und konnte wie kein zweiter auf Händen laufen. Das brachte ihm später einen Ehrentitel ein. Denn Hofmaier legte im Jahr 1967 innerhalb von drei Monaten auf den Händen die 1070 Kilometer lange Strecke von Regensburg bis Rom zurück. Seither wird er in Mediendarstellungen gern als „Weltmeister im Handlaufen“ betitelt.

Seine Zeit als Diskothekenbetreiber und Nachtclub-König begann in den 70er Jahren, parallel zur gleichlaufenden Karriere von Walter Klankermeier in Weiden. "Er hat das frühere Café Wagner an der Nittenauer Straße in Steinberg umgebaut und in eine Diskothek verwandelt," erinnert sich Jakob Scharf noch gut an Hofmaier. Scharf, Jahrgang 1948 und damit nur sieben Jahre jünger als Lucki, wurde später Bürgermeister von Steinberg und hatte mit dem umtriebigen Kneipier viel zu tun. Aber auch schon als Student in Regensburg war Scharf mit Hofmaier bekannt - wohnte er doch in einem Zimmer, das dieser in der Universitätsstadt vermietet hat.

Scharf lässt auf das "Apollo" nichts kommen, zumindest nicht zu dessen guter Zeit. "Das war anfangs eine seriöse Disko," betont der Steinberger und erinnert sich, dass "alle vier Wochen ein Starabend war". Dann fallen Namen wie der der Sängerin Marianne Rosenberg oder des Volksmusik-Idols Franzl Lang. Lucki Hofmaier ließ sich das etwas kosten. So nahm er auch "Middle of the Road" ins Visier. Das Quartett war damals bereits eine der bekanntesten europäischen Popgruppen.

Die vier Musiker wurden eingeladen, im "Apollo" aufzutreten - zunächst waren zwei Vorstellungen geplant. Und zwar am Sonntag, 15. August 1971, am Nachmittag um 15 Uhr und am Abend um 20 Uhr. Am Tag darauf sollte die Gruppe dann am Nachmittag in Schwandorf Autogramme geben und am Dienstag um 20 Uhr noch einmal in Steinberg spielen. Ihre Gastspiele dauerten laut Absprache jeweils eine halbe Stunde. Das Honorar dafür betrug die damals sehr hohe Summe von 2000 DM. „Middle of the road,“ so hieß es vor den Auftritten in der Zeitung, "rangiert derzeit mit 'Chirpy. chirpy, cheep cheep' und 'Tweedle dee, tweedle dum' in den Hitlisten der ganzen Welt". Lieder, die man immer noch kennt und denen eine Vielzahl noch größerer Hits folgen sollten.

"Heute um 15 Uhr noch zu Gast im ZDF bei Ilja Richters 'Disko 71'. Morgen, Sonntag, direkt nach Steinberg!" So vollmundig pries Hofmaier seinen prominenten musikalischen Fang an. Für die Schotten, die durchaus schon internationale Auftrittserfahrungen vorweisen konnten und kurz vorher noch in Spanien gespielt hatten, war Deutschland neu. Steinberg war mithin der erste deutsche Ort, in dem "Middle of the Road" auf der Bühne stand.

Rund 300 Zuhörer waren damals zu jedem der drei Konzerte ins "Apollo" gepilgert, um sich von dem Gute-Laune-Pop der erfolgreichen Newcomer begeistern zu lassen. Leadsängerin Sally Carr, Schlagzeuger Ken Andrew, Gitarrist Ian Lewis Campbell und am Bass dessen Bruder Eric Lewis Campbell aus Glasgow – alle etwa Mitte 20 – hatten die Band erst ein Jahr vorher am 1. April 1970 gegründet. Im April 1971 feierte die Band ihren ersten Welt-Hit mit "Chirpy Chirpy Cheep Cheep", der ein Pop-Klassiker der 1970er Jahre wurde.

Der Schwandorfer Künstler Karlheinz König, damals 19 Jahre alt, kann sich lebhaft an den Trip der Schotten in die Region erinnern. "Nach dem Auftritt im Apollo besuchten sie noch die Diskothek Ranch auf dem Weinberg. Das war eigentlich noch besser als im Apollo, denn hier in der Ranch waren sie privat und man konnte mit ihnen auf Tuchfühlung gehen. Ich weiß das, weil ich mit Sally, der Sängerin, ein paar Runden getanzt habe." König meint sich auch noch zu erinnern, dass "sie danach noch ins Universal, das spätere Cook, gefahren sind". Letzteres kann Herbert Trepte bestätigen: "Im Universal beim Hauser Jacky waren sie auch noch." Bei den genannten Lokalitäten handelt es sich um legendäre Schwandorfer Diskotheken früherer Zeiten: Die "Ranch" befand sich auf dem Weinberg, das "Tanzcafé Universal" beziehungsweise die Diskothek "Capt'n Cook" waren in dem Gebäude Rathausstraße 5.

Eigentlich sollten die vier Schotten am Sonntag nur jeweils eine halbe Stunde spielen, aber es wurde viel länger, wie die beiden Schwandorfer Reporter Wolfgang Houschka und Reiner Taubert berichteten, die damals das Quartett bei Auftritt und Stadtbummel begleitet haben. Immerhin waren es die ersten Konzerte von "Middle of the Road" vor deutschen Jugendlichen. Gewohnt haben die Musiker damals im renommierten Schwandorfer Hotel "Waldlust" an der Fronberger Straße, wo man sich nach der langen Nacht erst gegen Montagmittag zum Frühstücken trifft. "Ham and eggs" stehen für die Gäste von der Insel auf dem Tisch, bemerken die Journalisten, die später mit den jungen Popstars die Naab entlang in die Innenstadt spazieren. Man plaudert über Konzerterfahrungen der Gruppe im europäischen Ausland, über musikalische Vorbilder und die aktuellen Hits der Band - die nach ihrer Rückkehr nach Großbritannien in der BBC-Sendung "Top of the Pops" spielen darf; eine Ehre, die nur Spitzenbands widerfährt.

"Schwandorf ist eine sehr schöne Stadt," versichern die Gäste. "Nice and marvellous" heißt es immer wieder beim Gang durch die Altstadt. Ziel sind die "Plattenstubn", ein Schallplattenladen an der Breite Straße, wo Horst Goldfuß bayerisches Bier spendiert. Nicht nur dort, sondern auch auf der Straße müssen die Stars immer wieder Autogramme zu geben, denn sie sind ständig von jungen Schwandorfern umgeben. Petra Bauernfeind, damals acht Jahre alt, erinnert sich daran: "Ich habe auch ein Autogramm bekommen!" Im Laufe der letzten 50 Jahre ist es allerdings verloren gegangen...

An diesem warmen Sommertag darf eine kalte Erfrischung nicht fehlen und so schlecken die vier von "Middle of the Road" mit sichtlichem Behangen Schwandorfer Softeis. Und Sängerin Sally Carr, die mit ihrer langen, blonden Mähne nicht nur in der Oberpfalz den jungen Burschen den Kopf verdreht, spekuliert derweil an der Auslage eines Trachtenmoden-Geschäfts, ob ihr wohl ein Dirndl stehen würde. Natürlich muss es auch zu einem ganz speziellen Foto für den damaligen Zeitungsbericht kommen. "Middle of the Road" heißt auf Deutsch "Mitte der Straße" und so stellen sich die Musiker auf Bitten des Fotografen auch genau dahin – und zwar auf dem Marktplatz. Der Artikel, der eine ganze Zeitungsseite einnimmt, erscheint am 17. August, also dem Dienstag, im "Neuen Tag" unter dem Titel "Zu Gast in Schwandorf: Middle of the Road".

Antiquitätenhändler Ludwig Hofmaier mochte sich übrigens vor ein paar Jahren nicht mehr so gern an seine Zeit als Nachclubbesitzer in Steinberg bei Schwandorf erinnern. Als im September 2017 bei „Bares für Rares“ im ZDF-Studio ein Schwandorfer Ehepaar ein Armband anbot, vermutete er die Stadt „in Niederbayern“. Nein, wurde der 75-Jährige korrigiert, Schwandorf sei in der Oberpfalz. Dazu passt eine Erfahrung, die der Steinberger Altbürgermeister Jakob Scharf gemacht hat. Scharf, zu Zeiten des Nachtlokals „Apollo“ Gemeindeoberhaupt, hatte den Handstandweltmeister zu einem Nostalgieabend eingeladen. Natürlich mit kostenloser Übernachtung im besten Haus am Platz. Auf Antwort wartet er bis heute.

Rückkehr einer Legende

Hintergrund:

Middle of the Road

  • Middle of the Road ist eine schottische Band, die vor allem in der ersten Hälfte der 1970er Jahre mit einprägsamen Pop-Songs in Europa erfolgreich war.
  • Im April 1971 hatte die Band ihren ersten Welt-Hit mit Chirpy Chirpy Cheep Cheep, der ein Pop-Klassiker der 1970er Jahre wurde.
  • Chirpy Chirpy Cheep Cheep wurde ein Nummer-eins-Hit in den UK-Charts sowie in Australien, Norwegen und der Schweiz. In Deutschland und Österreich erreichte der Song Platz zwei der Charts. Weltweit wurden mehr als zehn Millionen Singles verkauft.
  • 1978 löste sich die Band auf, wobei es in den Folgejahren zu diversen Neugründungen kam.
  • Leadsängerin Sally Carr war beim Auftritt in Schwandorf 26 Jahre alt; sie ist Jahrgang 1945 und lebt noch.
  • Von den drei anderen Bandmitgliedern ist Bassist Eric Lewis Campbell bereits verstorben (Quelle: Wikipedia)

Middle of the Road
Middle of the Road, hier eine Aufnahme aus den frühen 1970er Jahren, war eine überaus populäre und erfolgreiche Pop-Gruppe. Die Musiker um Sängerin Sally Carr brachten viele Welthits auf die Bühne. Unter anderem spielten sie in der Diskothek „Apollo“ in Steinberg am See. Gewohnt haben die vier damals in einem Hotel in Schwandorf.
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