31.03.2021 - 16:31 Uhr
SchwarzenfeldOberpfalz

100 Jahre Arztpraxis Dr. Peter in Schwarzenfeld: Auf den Spuren der Familiengeschichte

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100 Jahre lang existiert die Arztpraxis der Familie Peter in Schwarzenfeld. Gerhard Peter forscht intensiv zu seiner bewegenden Familiengeschichte, die ihn nicht loslässt. Vor allem nicht sein Großvater, Dr. Paul Peter.

Neben all den Unterlagen hat Gerhard Peter auch zahlreiche Fotos seines Großvaters Dr. Paul Peter entdeckt.
von Vanessa Lutz Kontakt Profil

Vor Gerhard Peter liegt ein dicker Aktenordner, randvoll mit Unterlagen, die er gesammelt hat. "In unserem Haus", erzählt er, "findet man überall Briefe, Zeitungsausschnitte und Fotos versteckt. Im Weinkeller, in einer Zwischendecke, in Büchern." Mit all diesen Dokumenten versucht Peter akribisch, die Geschichte seines Großvaters Dr. Paul Peter zusammenzutragen. "Vieles ist noch ein schwarzer Fleck, der Opa hat über viele Sachen nicht gesprochen." Sein Großvater hat sich am 1. April vor 100 Jahren als Arzt in Schwarzenfeld niedergelassen, die Praxis existiert nun in dritter Generation.

Dr. Paul Peter ist 1889 in Hildburghausen geboren, stammt aus einer Bäckersfamilie. "Eigentlich hätte er in die Fußstapfen seiner Eltern treten sollen", erzählt Gerhard Peter. Doch der Opa hatte seinen Kopf durchgesetzt, in Erlangen Medizin studiert und Wehrdienst geleistet. Eingezogen hatte man ihn schließlich im Ersten Weltkrieg. "Der Opa" war an der Front als Arzt, erlebte die Schlachten von Verdun, Galizien.

Nie vom Krieg erzählt

"Nie hat er etwas erzählt", sagt sein Enkel. "Ich hätte gerne davon erfahren, aber ich glaube, er wollte niemanden damit belasten." Schweigsam sei sein Großvater gewesen. Alte Feldpostbriefe hat Gerhard Peter im Haus entdeckt, Zeugnisse, die Einblicke geben in die Gefühlswelt seines Großvaters. Fein säuberlich hat er sie im Ordner abgeheftet. Über die Fronterlebnisse hat Dr. Peter kein Wort verloren in den Briefen, die an seine Familie gingen - meist ohne eine Antwort. Stattdessen immer wieder verzweifelte Klagen: "Warum schreibt ihr mir nicht? Ich lebe immer noch."

1921 hat sich Dr. Paul Peter in Schwarzenfeld niedergelassen. Geplant war das nicht. "Er ist dort Radl gefahren", erzählt sein Enkel und lacht. "Er hat den Ort gesehen und beschlossen, dass er hier bleiben will."

Rund um die Uhr im Einsatz

Anerkannt sei der Arzt gewesen in Schwarzenfeld, rund um die Uhr im Einsatz. "Im tiefsten Winter, wenn ein Notfall war, hat man den Opa mit der Kutsche abgeholt." 1927 gründete Dr. Paul Peter die Sanitätskolonne Schwarzenfeld. "Ich glaube, der entscheidende Anlass war auch der Erste Weltkrieg."

Irgendwann ist im Laufe des Gesprächs der Gartentisch von Gerhard Peter über und über voll mit Fotos und Dokumenten, die er zusammengetragen hat und zur Untermalung seiner Erzählungen über "den Opa" ausbreitet.

Schwere Familientragödie

Erst vor kurzem sei er auf eine Familientragödie gestoßen, die seinen Großvater schwer geprägt habe, wie Gerhard Peter sagt: Der Tod seiner ersten Frau Hildegard 1932 und seiner drei Söhne. "Jener November, hatte der Opa einmal gesagt, war sein schlimmster Monat." Seine zweite Frau Marie, eine Krankenschwester, habe schließlich die Familie zusammengehalten und sei der Anker für Dr. Paul Peter gewesen.

Während des Zweiten Weltkriegs war Dr. Paul Peter Mitglied der NSDAP, engagierte sich im Gemeinderat und war Zweiter Bürgermeister. Viel wisse er nicht darüber, sagt Enkel Gerhard Peter. Als im Jahr 1945 der Todesmarsch von Flossenbürger KZ-Häftlingen durch Schwarzenfeld führte, der Zug mit den Insassen von US-Bombern angegriffen wurde und SS-Männer fliehende jüdische Bürger erschossen und in einer Kiesgrube verscharrten, habe sein Großvater wohl im Lazarett gearbeitet.

Bis 1947 war Dr. Paul Peter inhaftiert wegen seiner NS-Zugehörigkeit und dessen "herausgehobenen Stellung". Und auch während dieser Zeit habe er, so sein Enkel, in verschiedenen Straflagern als Arzt gearbeitet. "Er war einfach nur Mediziner und wollte den Leuten helfen." Dr. Peters Sohn trat in dessen Fußstapfen und wurde ebenfalls Arzt, gemeinsam führten sie die Geburtshilfe. "Die haben viele Schwarzenfelder auf die Welt gebracht", sagt Gerhard Peter und lächelt. So, wie sein Großvater, sei auch sein Vater Tag und Nacht unterwegs gewesen. Und nun führt Christina Luger, die Schwester von Gerhard Peter, die Praxis in dritter Generation weiter.

"Ich stehe noch ganz am Anfang bei der Forschung um meine Familie", sagt Gerhard Peter. "Ich denke, ich weiß bisher nur einen Bruchteil." Als nächstes wolle er alle Stationen im Leben seines Großvaters abfahren. Und sich Unterstützung holen bei der Entzifferung der alten Handschriften. Gerhard Peter ist getrieben. "Ich will diese Geschichte als Erinnerung für meine Familie aufarbeiten."

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