26.08.2021 - 11:53 Uhr
SchwarzenfeldOberpfalz

Endlich Heiraten: „Corona hat zugelassen, dass wir wieder feiern dürfen“

Nach den Corona-Lockerungen im Sommer trauen sich viele Paare dann doch: Endlich Heiraten. Von Brautkleid-Kauf über Weddingplannerin bis Hochzeitsfotograf - Die Hochzeitsbranche zwischen Glücksmomenten und Verzweiflung während der Krise.

Cindy Kleidl bei der Anprobe ihres Brautkleides.
von Wiebke Elges Kontakt Profil

Von Wiebke Elges, Celina Rieß und Laura Schertl

Ein kleiner Laden mitten in Schwarzenfeld. Im Schaufenster weiße Kleider aus Tüll, Glitzer und Spitze. An der Ladentür ein Schild: „Wir beraten gerade eine Braut.“ „Für den schönsten Tag im Leben, braucht es natürlich auch das perfekte Brautkleid“, erzählt Nina Blaß. Die Inhaberin vom "Brautzauber" in Schwarzenfeld möchte ihren Kunden bei der Suche nach dem Traumkleid helfen. Dabei ist die Atmosphäre entspannt. „Die Anprobe läuft ganz locker ab. Wir begrüßen die Braut, dann haben wir ein kurzes Vorgespräch, was die Braut sich wünscht und dann dürfen sie sich die Brautkleider aussuchen.“

Die Idee, einen Brautladen zu eröffnen, kam der 32-Jährigen im Jahr 2018 durch ihre eigene Hochzeit. Gegründet hat Nina Blaß den Laden dann mitten in der ersten Corona-Welle. „Die erste Welle haben wir gut hinter uns gebracht. Der Sommer war dann trotz Corona erfolgreich.“ Die zweite Welle traf den Laden allerdings umso härter. „Wir mussten die ganze Hauptsaison im Winter schließen. Das hat uns dann einen Dämpfer verpasst.“ Seitdem der Lockdown allerdings wieder vorbei ist, erlebt Nina einen echten Boom auf ihre Brautmoden. Spontan melden sich bei ihr Bräute, die kurzfristig heiraten und noch kein Kleid haben. „Corona hat zugelassen, dass wir wieder feiern dürfen. Dadurch ist es gerade zwar stressig, aber es geht Gott sei Dank wieder bergauf.“

Hochzeitsplanung in Corona-Zeiten

Auch Nicole Manning hat mittlerweile wieder alle Hände voll zu tun. Die Hochzeitsplanerin aus Sulzbach-Rosenberg kümmert sich seit 2015 um die Wünsche ihrer Brautpaare. Corona hat ihre Pläne aber ordentlich durcheinander gewirbelt. „Die meisten Brautpaare haben ihre Hochzeiten mehrmals verschoben. Es musste die Location erneut gebucht, Dienstleister neu gefunden werden, neue Einladungen geschrieben werden. Der Aufwand war enorm.“ Gerade in dieser Zeit zeigt sich: Als Hochzeitsplanerin ist Nicole Manning nicht nur Organisationstalent, sondern auch emotionale Unterstützung. „Man fiebert natürlich mit den Brautpaaren mit. Nicht immer hatte der Lieblings-Fotograf der Paare dann am neuen Termin auch Zeit, die Locations waren oftmals schon total ausgebucht. In dieser Zeit sind viele Tränen geflossen – auf beiden Seiten.“ Aufgeben ist für Nicole Manning aber keine Option – und für ihre Brautpaare sowieso nicht. „Die allermeisten haben wirklich cool auf das ganze Chaos reagiert. Manche haben sogar mich aufgebaut, wenn es mal besonders hart war. Da habe ich wirklich gestaunt“, erzählt sie.

Das Chaos der Corona-Pandemie machte auch vor Fotograf Patrick Thomas nicht Halt. Seit knapp 10 Jahren begleitet er Brautpaare an ihrem großen Tag, normalerweise sind das etwa 50 Hochzeiten im Jahr. „Während der Pandemie waren es dagegen nicht mehr als drei oder vier. Die meisten haben ihre Hochzeit abgesagt oder verschoben, weil kaum Gäste kommen durften.“ Für kurze Zeit kehrt er zurück zu seinen Wurzeln und produziert Imagefilme und Businessshootings für Werbeagenturen. Seine große Leidenschaft – die Hochzeitsfotografie – muss eine Zwangspause einlegen. „Die perfekte Hochzeit muss für mich einfach, entspannt und emotional sein.“ Das war während der Pandemie kaum möglich.

Planung - Je früher, desto besser

Leise klingelt eine Glocke und die Tür des Schwarzenfelder Brautladens schwingt auf. Eine Frau mit braunen Haaren, Jeanshose und Jeansjacke kommt herein. Cindy Kleidl suchte bereits im Jahr 2020 ihr Traumkleid. Die 33-Jährige steuert auf ein Regal gefüllt mit Kleidern zu. Sie greift zwischen die Stoffe aus Tüll und Glitzer. Cindy weiß noch genau: „Hier habe ich damals mein Kleid gefunden.“ Im Juli 2020 kam sie mit ihrer Mama und ein paar Freundinnen in den Laden. „Da haben wir uns einen schönen Tag bei Nina gemacht.“ Die Vorstellungen für das Kleid waren klar: Ein leichtes Boho-Kleid mit grober Spitze und am besten eng anliegend.

„Wollen wir es dann noch einmal anziehen?“ fragt Nina Blaß. Die beiden Frauen verschwinden mitsamt Kleid hinter einem grünen Vorhang. Wenige Minuten später geht der Vorhang auf. Cindy Kleidl trägt ein weißes eng anliegendes Kleid mit grober Spitze. Hinten ist eine kleine Schleppe, die Nina Blaß noch einmal richtet. Cindy Kleidl strahlt, mit zittriger Stimme sagt sie: „Das Kleid wieder zu tragen, ist ein wunderschönes Gefühl. Ich denke an den Moment, als ich meinen Mann am Tag meiner Hochzeit das erste Mal im Standesamt gesehen habe.“

Es sind Momente wie diese, die auch Nicole Manning immer wieder verzaubern – und für die sie gerne hart arbeitet. Etwa 50 bis 100 Stunden Arbeit stecken in einer Hochzeit. Je früher die Brautpaare auf sie zukommen, desto besser. „Normalerweise ist ein Jahr früher optimal, jetzt während Corona bestenfalls zwei Jahre – denn in nächster Zeit ist alles ausgebucht“, erzählt sie. In absoluten Notfällen geht es aber auch kürzer: „Einmal habe ich eine Hochzeit mit 250 Gästen in 2 Monaten geplant. Aber da muss das Brautpaar auch Vertrauen in mich haben und gut mitspielen.“

Echte Emotionen

Auch Patrick Thomas hat Vertrauen – in seine Brautpaare. Denn der Fotograf gibt bei seinen Shootings lediglich kleine Anweisungen. „Die Bilder werden so viel natürlicher, wenn das Paar sich anlacht oder interagiert. So kann ich echte Emotionen einfangen. Und genau das möchte ich: Bilder fürs leben, die man sich mit den Eltern, Kindern oder Enkelkindern immer wieder anschauen kann.“ Der Ablauf von der Kontaktaufnahme bis zur Hochzeit ist bei ihm immer der gleiche: Ein kleines Kennenlern-Shooting gibt Vertrauen und ein gutes Gefühl. Am Tag der Hochzeit selbst plant er zur Reportage noch ein kleines Porträtshooting. „Das dauert etwa 30 Minuten, denn das Paar soll dann auch wieder zu seinen Gästen und die Hochzeit genießen. Darum geht es ja eigentlich: die Familie und das Zusammensein am großen Tag.“ Oftmals begleitet Patrick Thomas seine Brautpaare über mehrere Jahre hinweg, vielleicht sogar ein Leben lang. Denn wenn sich bei den frisch gebackenen Ehepaaren Nachwuchs einstellt, wird aus dem Hochzeitsfotograf nicht selten auch der Familienfotograf.

Trotz Corona - Auch positive Momente

Der Hochzeitstag von Cindy Kleidl war mitten in Corona-Zeiten. Wegen der Pandemie konnte das Brautpaar erst ein halbes Jahr vor der Hochzeit einen Termin im Standesamt ausmachen. „Wir haben uns dann den 19. Juni 2021 rausgesucht.“ Bis zwei Wochen vor der Hochzeit wussten die beiden allerdings nicht, ob sie planmäßig heiraten können. „Gott sei Dank mussten wir dann nicht verschieben. Alle 20 geladenen Gäste durften mit zum Standesamt und abends konnten wir dann mit 44 Gästen unsere Party feiern.“ Insgesamt sei alles nach Plan verlaufen. Hätten sie Abstriche machen müssen, dann hätten sie verschoben.

Ein wenig angepasst an die Corona-Pandemie war die Hochzeit dann allerdings doch. Alle Gäste brauchten einen Impfnachweis oder einen negativen Corona-Test. Da die beiden im Gebäude vom Roten Kreuz geheiratet haben, stellte das jedoch kein Problem dar. Freunde vom BRK testeten alle Gäste negativ auf Corona. „Also insgesamt waren wir trotz Corona überhaupt nicht eingeschränkt“, zieht Cindy Kleidl ihr Fazit.

Auch für Nicole Manning brachte die Pandemie nicht nur Schlechtes: „Natürlich war die Zeit eine Katastrophe für die Firma und meine Brautpaare. Aber für mich war manches ein Segen.“ 2018 bringt die Hochzeitsplanerin ihre Tochter zur Welt. Bis drei Wochen vor der Geburt ist sie noch bei Hochzeiten dabei, direkt danach arbeitet sie weiter. Bis Corona alles lahmlegt. „So konnte ich wirklich viel Zeit mit meiner Tochter verbringen, wir haben einiges unternommen und eine wirklich tolle Bindung. Diese Zeit kann mir trotz allen Schwierigkeiten keiner mehr nehmen.“

Ob beim Brautkleid-Kauf, als Hochzeitsplanerin oder Fotograf: Auch Dienstleister fiebern mit, drücken Daumen und freuen sich für ihre Brautpaare. Sie ziehen mit ihren Kunden an einem Strang, um den perfekten Tag möglich zu machen. Umso schöner, dass das jetzt wieder möglich ist. Bleibt zu hoffen, dass es so bleibt.

Hochzeit nach dem dritten Anlauf

Marktredwitz
Hintergrund:

Anzahl der Hochzeiten in den vergangenen Jahren

Laut der Bundeszentrale für politische Bildung und dem Statistischen Bundesamt gab es

  • im Jahr 2019 in Deutschland insgesamt 18 Millionen Ehen.
  • 2019 fanden 416 000 Hochzeiten statt.
  • 149 000 Ehen wurden wieder geschieden.
  • Im Jahr 2020 haben 373 300 Paare geheiratet
  • 143 800 Ehen wurden 2020 wieder geschieden.

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.