24.02.2019 - 19:33 Uhr
MünchenOberpfalz

Sorge wegen des Judenhasses

Der zunehmende Antisemitismus zwingt Juden über ihre Zukunft in Europa nachzudenken. Bleiben oder gehen - diese Frage wird wieder diskutiert. Was ist mit jenen, die keinen Ort finden, wohin sie gehen können.

Ronen Bergman (von links), Amos Yadlin, Michel Friedman und Tom Malinowski diskutierten unter der Leitung des Präsidenten der Europäischen Rabbinerkonferenz Rabbi Pinchas Goldschmidt.
von Alexander Pausch Kontakt Profil

Angesichts des wachsenden Antisemitismus und des zunehmenden Hasses gegenüber Minderheiten in Europa ist Michel Friedman überzeugt, dass die nächsten fünf bis zehn Jahren entscheidend sein werden, Der ehemalige Vorsitzende des Europäischen Jüdischen Kongresses (EJC), des europäischen Zweiges des Jüdischen Weltkongresses, warnt: Wenn es Normalität werde, sich antisemitisch und rassistisch zu äußern, "sind wir wirklich in Gefahr". Er sei überzeugt, dass "wir derzeit nicht den Höhepunkt der antisemitischen Bewegungen sehen", sagte Friedman, Sohn von Holocaust-Überlebenden: "Es hat erst begonnen. "

Es lässt sich überall in Europa beobachten: in Frankreich am Rande der Gelb-Westen-Proteste, in Deutschland, wo die Zahl der judenfeindlichen Straftaten 2018 im Vergleich zum Vorjahr um knapp zehn Prozent gestiegen ist und antisemitische Gewalttaten von 37 Fällen im Jahr 2017 auf 62 im Jahr 2018 zugenommen haben. Oder in Ungarn, wo mit Ministerpräsident Viktor Orbán ein Regierungschef systematisch den Antisemitismus schürt.

Dies ist Anlass für die Europäische Rabbiner-Konferenz zu fragen: "Sollen Juden bleiben oder gehen? Wenn Antisemitismus tödlicher Terror wird - wie lassen sich jüdische Gemeinden rund um die Welt sichern?" Darauf suchten am letzten Tag der Münchener Sicherheitskonferenz unter der Leitung des Präsidenten der Rabbiner-Konferenz, Rabbi Pinchas Goldschmidt, Michel Friedman, der israelische Journalist Ronen Bergman, der ehemalige Chef des israelischen Militärgeheimdienstes Amos Yadlin und der amerikanische Kongressabgeordnete Tom Malinowski eine Antwort.

Pessimistischer Blick

Diese Antwort fiel wegen der zunehmenden Akzeptanz rassistischer und antisemitischer Haltungen eher pessimistisch aus. Friedman ließ erkennen, er sei sich nicht sicher, ob er in zehn Jahren noch in Deutschland leben werde. Zugleich fragte der 63-jährige ehemalige CDU-Politiker: "Was ist mit meinen Freunden, die keinen deutschen Pass haben. Wohin gehen sie?" Für ihn geht es nicht nur um Juden und um Minderheiten, für ihn geht es um die Zivilität der Gesellschaft. Er warnte: "Nicht nur Nazis und Neo-Nazis haben ein Interesse die Geschichte umzuschreiben - es gibt Vertreter von Staaten, die ein Interesse daran haben."

Staaten würden versuchen die Geschichte so umzuschreiben, dass sie als Opfer erscheinen, mehr noch als Juden - oder sogar als Opfer wegen der Juden, wie dies der polnische Ministerpräsident im Jahr 2017 in München versucht hatte. Die modernen sozialen Plattformen machten es immer leichter Verschwörungstheorien zu verbreiten, zugleich würden Fakten immer unwichtiger werden.

Als wenig hilfreich werteten die Diskutanten die Rolle des israelischen Premiers Benjamin Netanjahu. Wenn die Europäische Union das Verhalten und die Politik des ungarischen Ministerpräsidenten kritisiere, dürfe Netanjahu nicht kommen und diesem ein "Kosher-Siegel" geben. "Gibt es irgendetwas, das wichtiger ist als der Kampf für die Menschenrechte und gegen Diskriminierung", fragte Friedman. Auch Aussagen des amerikanischen Präsidenten Donald Trump kamen zur Sprache. Dieser hatte nach dem rechtsextremistischen Anschlag auf Demonstranten in Charlottesville im US-Bundesstaat Virginia davon gesprochen, dass es auf "beiden Seiten gute Leute gebe". Es sind derartige Aussagen von Politikern, die Extremisten als Rechtfertigung verwenden - weltweit.

Anstieg um 60 Prozent

Malinowski berichtete, dass es in den USA bei rechtsextremistischer Gewalt einen Zuwachs um 60 Prozent gegeben habe. Dieser Hass gipfelte in dem Anschlag auf eine Synagoge in Pittsburgh, bei dem elf Menschen ermordet und sechs verletzt wurden. "Ich war etwas naiv. Rassismus und Antisemitismus sind noch immer ein Problem in den USA", betonte der Demokrat. Antisemitismus gebe es rechts und Links, selbst in seiner Partei und unter den Kongressabgeordneten.

Eine Lösung sah Friedman in der Bildung. Kinder würden nicht als Antisemiten geboren. "Wir sprechen über Erinnerung nicht um Schuld zu erzeugen, sondern als eine Methode um Lehren aus der Vergangenheit für die Gegenwart zu ziehen." Rabbi Goldschmidt forderte die Regierungen auf, die Sicherheit der Minderheiten zu garantieren. Es könne nicht sein, dass in einigen Ländern von jüdischen Gemeinden erwartet werde, sich selbst gegen drohenden Terrorismus zu schützen.

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