09.08.2019 - 09:15 Uhr
StullnOberpfalz

Deutsche stoppt faschistische Rächer in Italien

Herbst 1944: Es herrscht nackte Angst im italienischen Brozzo. Deutsche Soldaten führen Giovan Maria Zubani ab. Er soll an die Wand gestellt werden. Benzin wird verschüttet um das Dorf in Brand zu stecken. Da schreitet Rosa Schnell ein.

Die Deutsche Rosa Schnell wird in Brozzo verehrt, weil sie im Herbst 1944 einen Familienvater vor dem Erschießen und den Ort vor dem Niederbrennen gerettet hat.
von Irma Held Kontakt Profil

Die Deutsche wohnt mit ihrem Mann Edmondo Bertuzzi im Haus der Schwiegermutter in der Nachbarschaft der Zubanis, kennt die Leute im Dorf. Die gebürtige Niederbayerin spricht mit den deutschen Soldaten und es gelingt ihr tatsächlich, ihre Landsleute von ihrem grausamen Vorhaben abzuhalten, Das Erschießungskommando lässt sich stoppen. Das mutige Einschreiten hätte auch für Rosa Schnell tödliche Folgen haben können, wenn sie an die Falschen, uneinsichtige Fanatiker, geraten wäre.

Ihre Heldentat hängt Rosa Schnell nie an die große Glocke. Im Gegenteil: "Meine Tante hat nie darüber gesprochen. Meine Mutter hat's gewusst, glaube ich", sagt der Stullner Rudi Kral, der Neffe von Rosa Schnell. "Meine Mutter hat nur gesagt, die Tante sei dort recht angesehen." Als Erste weiß Klaudia Lobenz, Rudi Karls Lebensgefährtin, von dem positiven Familiengeheimnis. Luise Kral, Rudis Mutter, vertraut es ihr an.

Das Dorf Brozzo, vermutlich in den 60er Jahren aufgenommen.

So richtig ans Tageslicht kommt Rosa Schnells Heldentat erst 2016 als in Stulln bei Rudi Kral eine Einladung zu einem Festakt am italienischen Nationalfeiertag in Brozzo ins Haus flattert. Die Alpini, italienische Gebirgsjäger, und die Gemeinde Marechano enthüllen und lassen an diesem Tag eine Tafel zu Ehren der 1988 verstorbenen Rosa Schnell und ihres Mannes auf dem Friedhof in Brozzo segnen. "Die Gedenktafel war mit einer italienischen Flagge verhüllt", beschreibt der 73-Jährige die Feier. In mehreren Redebeiträgen des Bürgermeisters, von Vertretern der Alpini und der ANPI (Nationale Vereinigung der Partisanen Italiens im Zweiten Weltkrieg) wird Rosa Schnell gewürdigt.

Wann genau sich diese lebensgefährliche Situation vor 75 Jahren, bei der es für Brozzo Spitze auf Knopf stand, auf den Tag genau zugetragen hat, lässt sich laut Rudi Kral nicht mehr rekonstruieren. Der Grund für den in letzter Minute verhinderten Racheakt umso mehr. In einem Ordner bewahrt der Stullner Dokumente, Schriftverkehr und Briefe auf.

Ein Soldat, zehn Zivilisten

Warum es im Herbst 1944 genau Brozzo treffen soll, ist wie bei vielen deutschen Kriegsverbrechen dieser Art ist Zufall. Brozzo ist das Naheliegendste. Italienische Faschisten und Deutsche haben nach einem Massaker auf einem Fest in Bovegno versucht, das Hochtal von den Partisanen zurückzuerobern. Im oder beim etwa zehn Kilometer entfernten Brozzo finden sie einen ihrer Soldaten tot auf. Die Konsequenz ist klar: Zehn Italiener sollen für einen Deutschen sterben, ein Teil des Dorfes, wenn nicht gleich das ganze niedergebrannt werden. Deshalb stürmen sie in der Morgendämmerung in den Ort, um ihr grausames Tun zu erledigen, bis Signora Rosa, wie sie in Brozzo genannt wird, dazwischen geht.

In einem Ordner bewahrt Rudi Kral Unterlagen zur und über seine Tante Rosi auf. Nicht nur er und seine Lebensgefährtin Klaudia Lobenz, sondern auch die Gemeinde Stulln in Person von Bürgermeister Hans Prechtl (rechts) pflegen intensive Kontakte nach Brozzo.

"Auch Italo erinnert sich noch an die Benzinkanister", erzählt Rudi Kral. Der über 80-jährige Italo Zappa kümmert sich um die Tante, hat deren Haus gekauft. Sein Enkel lernt Deutsch. "Sonst spricht dort keiner Deutsch." Über die Kontakte Kral/Zappa entstehen auch die Verbindungen zu Stulln und Bürgermeister Hans Prechtl. Eine Gemeindepartnerschaft will Bürgermeister Hans Prechtl nicht eingehen. "Die größte Barriere ist die Sprachbarriere. Eine Partnerschaft muss auf eine breite Basis gestellt werden. Da gehören beispielsweise Vereine und Musikgruppen dazu." Ausschließlich offizielle Vertreter von Gemeinden können nach Auffassung Prechtls keine richtige Partnerschaft pflegen.

Rudi Kral und Klaudia Lobenz lernen erst spät Italienisch, obwohl die Kontakte zur Tante immer eng gewesen seien. Seit 1957 oder 1958 fährt Familie Kral regelmäßig nach Brozzo. Daher resultiert auch Krals Faible für Italien. Derzeit weilt er mit seiner Lebensgefährtin wieder dort. Erlernt hat er die Sprache in Volkshochschulkursen. "Solange meine Tante lebte, bestand die Notwendigkeit nicht, denn sie freute sich, wenn sie Deutsche sprechen konnte. Auch meine Mutter konnte Italienisch."

Pension am Gardasee

Die aus Winzer bei Niederalteich stammende Rosa Schnell, Jahrgang 1915, kommt mit 13 Jahren nach Gardone am Gardasee. Ihre Tante, Witwe eines Fabrikanten, hat das dortige Ferienhaus zu einer Pension umgebaut. "Tante Rosi arbeitete als Zimmermädchen am Gardasee." 1930 oder 1931 folgt ihr Krals Mutter Luise. Kurz vor Kriegsbeginn 1939 muss diese Italien wieder verlassen. Signora Rosa ist zu diesem Zeitpunkt bereits mit Edmondo Bertuzzi, Onkel Dino, verheiratet und darf bleiben. Die Pension in Gardone, weiß Rudi Kral, wird irgendwann verkauft, gehört jetzt einer Erbengemeinschaft und verfällt. Im Haus in Brozzo lebt Italo Zappa mit seiner Familie, Er ist das Hauptbindeglied zwischen Stulln und Brozzo,

Die Ehrentafel für Rosa Schnell und Edmondo Bertuzzi auf dem Friedhof von Brozzo.
Kriegsverbrechen :

Massaker in Italien

Italien steuerte nicht so zielstrebig auf einen Krieg zu wie Hilter-Deutschland. Es wollte eine militärische Auseinandersetzung nicht zwingend, weil es zu diesem Zeitpunkt nicht unbedingt dafür gerüstet war, trat aber schließlich am 10. Juni 1940 in den Zweiten Weltkrieg an der Seite Deutschlands ein. Drei Jahre später, am 10. Juli 1943, begann die Operation Husky, die Landung der alliierten Truppen auf Sizilien und die Befreiung Italiens. Am 8. September 1943 schloss Marschall Pietro Badoglio ein Waffenstillstandsabkommen mit den Alliierten. Benito Mussolini war bereits im Juli 1943 abgesetzt worden. Die deutschen und italienischen Faschisten gaben sich aber keineswegs geschlagen. Mussolini wurde Regierungschef der neu gegründeten Republik von Salò am Gardasee.

Grausame Rache verübte besonders die SS nach Partisanen-Angriffen bis zum 2. Mai 1945 an Zivilisten. Die Gräueltaten wurden erst nach und nach aufgedeckt. Das bekannteste neben dem Massaker in den Adreatinischen Höhlen ist das Massaker von Sant’Anna di Stazzema vom 12. August 1944 in der Toskana. Italienische Historiker gehen im „Atlas des Grauens“ von Hunderten dieser Kriegsverbrechen aus.

Es herrschte eine, schreibt in diesem Buch Gianluca Fulvetti „wahre Partisanenpsychose“ vor. Darauf führen die Autoren auch die grausamen Gewaltausbrüche gegen Antifaschisten zurück. Die Historiker arbeiten auch Unterschiede im Umgang mit dem Gegner heraus. Hitlers Botschafter in Mussolinis faschistischer Republik Salò Rudolf Rahn soll versucht haben, die Gewaltexzesse in Grenzen zu halten, während wohl Feldmarschall Albert Kesselring äußerst brutal vorgegangen sein soll. Diese Kriegsverbrechen konzentrieren sich auf Norditalien, von der Toskana bis zum Gardasee.

Brozzo:

Der Ort Brozzo mit etwas über 1000 Einwohnern gehört zur Gemeinde Marcheno. Das Dorf liegt zwischen Garda- und Iseosee, etwa 50 Kilometer östlich des Gardasees in einer bergigen Gegend. Brozzo gehört zum Kreis Brescia, Lombardei. Das Dorf hat einen Kindergarten und eine Schule. Diese beiden Einrichtungen lagen Rosa Schnell besonders am Herzen. Sie hat sie stets gefördert.

Rosa Schnell (Mitte) bei einem Besuch von einer ihrer Schwestern und einer Freundin 1979.
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