06.10.2020 - 10:31 Uhr
StullnOberpfalz

Highland Cattle am Stullner Haselberg

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Schottische Hochlandrinder auf Weiden zwischen Stulln und Brensdorf: Familie Bayer hat eine gemeinsame Leidenschaft - und das Dorf im Kreis Schwandorf eine neue, lebendige Sehenswürdigkeit.

Gerhard und Simon Bayer (von links) mitten in der Herde: Auf der Weide zwischen Stulln und Brensdorf grasen Schottische Hochlandrinder.
von Clemens Hösamer Kontakt Profil

Die Herde Schottischer Hochlandrinder grast am Waldrand zwischen Stulln und Brensdorf, Kälber liegen in der Wiese, der Bulle dreht die Runde. "Camillo!", ruft Simon Bayer. Der rot-braune Stier hebt langsam den Schädel mit den mächtigen Hörnern und trottet los, auf den 33-Jährigen zu. Schließlich gibt's gleich ein paar Streicheleinheiten. Simons Vater Gerhard (63) lockt Kuh Baily näher zu sich.

Highland Cattle mitten in der Oberpfalz? Eher ungewöhnlich. Genauso, dass ihre Halter mitten in einem Stullner Wohngebiet leben. Gerhard Bayer und seine Söhne Simon, Sebastian und Johannes haben aus einer Idee heraus eine Leidenschaft entwickelt.

Im Ursprung sollten es ja nur ein paar Weidetiere sein, die eine Streuobstwiese kurz halten. "Ein paar Schafe oder Ziegen", erzählt Gerhard Bayer. Als Simon Bayer vor fünf Jahren auf einem Weihnachtsmarkt mit Konrad Wagner ins Gespräch kommt, wächst eine ganz andere Idee. Der Leiter des Fachzentrums für Mutterkuhhaltung am Amt für Landwirtschaft Schwandorf schlägt vor, es doch mit Rindern zu versuchen. "Als wir auf einer Schau die Hochlandrinder sahen, war klar: Die müssen es sein", erzählt Simon Bayer daheim am Esszimmertisch.

Zwei Jahre dauert es dann noch, bis die ersten beiden Tiere nach Stulln kommen: Die Bayers kaufen drei Färsen, also geschlechtsreife, weibliche Rinder, die noch kein Kalb geboren haben. Im April 2017 kommen sie auf der Weide bei Stulln an. "Wir haben's kaum erwarten können", erinnert sich Simon Bayer. Schnell wuchs der Wunsch nach mehr Tieren. "Drei Kühe sind keine Herde", sagt Vater Bayer. Nach einer Tour zu Züchtern in halb Deutschland werden in Gera zwei Kühe mit Kälbern gekauft. "Als nächstes haben wir uns einen Zuchtbullen gekauft", erzählt Vater Bayer. "Einen friedlichen, für uns blutige Anfänger".

Gerhard Bayer war bis zur Rente jahrzehntelang als Geschäftsführer in der Landmaschinenbranche. "Der Simon hatte schon immer einen Spleen für die Landwirtschaft, erzählt der Vater, "der hätte eigentlich Bauer werden sollen, aber wir hatten halt keinen Hof". Simon Bayer ist Projektmanager bei einem großen Industriekonzern, Sebastian Bayer geschäftsführender Gesellschafter eines Maschinenunternehmens in der Region. Johannes Bayer arbeitet im Vertrieb für Baukräne und Aufzüge. Über Module des "Bildungsprogramms Landwirt" (BiLa) haben die Bayers Grundlagen für die Viehhaltung gelernt.

"Vom Haselberg"

"Wichtig war uns von Anfang an, dass wir mit Herdbuchtieren arbeiten," bekräftigt Simon Bayer, "weil man dann sowohl in die Zucht als auch in die Fleischvermarktung gehen kann". Herdbuch heißt der vom Zuchtverband geführte Abstammungsnachweis. "Vom Haselberg" heißt die Herde der Bayers, nach einem Stullner Flurnamen.

Zu den Grundlagen gehört, die Hochlandrinder an das Halfter zu gewöhnen, also halfterführig zu machen. Denn die Tiere sind zwar friedlich, mit ihren mächtigen Hörnern aber auch wehrhaft. "Man muss Respekt haben und immer aufpassen," sagt Simon Bayer. "Auch wenn sie einem nichts tun wollen, wenn sie den Kopf nach einer Fliege drehen, kann das dumm ausgehen." Wenn die beiden die Tiere kraulen, haben sie immer eine Hand an einem der Hörner. Stier Camillo hat einen Nasenring - aber nur, weil der Pflicht ist. "Wir haben ihn noch nie gebraucht", sagt Gerhard Bayer, "das ist quasi nur eine Art Notbremse". Wesentlich für die Bayers, die keine Hofstelle haben: Die Hochlandrinder bleiben das ganze Jahr auf der Weide. Fünf Flurstücke werden bewirtschaftet. Auf der größten Wiese Richtung Brensdorf grast die Mutterkuh-Herde mit Stier Camillo und den weiblichen Kälbern. Die Jungbullen haben einen prominenteren Platz: Ihr Weide liegt direkt neben der Staatsstraße von Stulln Richtung Nabburg, unmittelbar am Ortsende. Die grasenden Rinder fallen sofort ins Auge - nicht nur weil Weidevieh in der Region rar geworden ist, sondern Highland Cattle selten gehalten wird. Weniger als zehn Herdbuch-Betriebe hat Zuchtleiter Konrad Wagner in der Oberpfalz registriert.

Dabei ist es gar nicht so selten, dass sich "landwirtschaftsferne" Leute für die Viehhaltung interessieren. "Landschaftspflege und die Versorgung von Familie und Verwandten mit erstklassigem Fleisch" seien Gründe dafür, berichtet Wagner. 29 Rassen sind im Fachzentrum, das für ganz Bayern zuständig ist, registriert. "Da ist für jeden was dabei", sagt Wagner, vom Galloway über Dexter-Rinder bis hin zum Zwergzebu. "Mache Leute wollen geerbte Flächen nutzen", auch der Umweltschutzgedanke spiele eine Rolle. Ganz im Sinne des Artenschutz-Volksbegehrens: Denn auf beweideten Flächen wachsen besondere Pflanzen, ist Platz für Insekten und Vögel.

Training am Halfter

Beim Futter bleiben die Bayers ganz bei der Natur. Es gibt, was auf der Wiese wächst, dazu eigenes oder zugekauftes Heu. Die Kälber kommen im April, Mai auf die Welt. "Da wartet schon das halbe Dorf drauf", sagt Simon Bayer. "Da geht's zu, da könntest du einen Kirwastand aufstellen", ergänzt sein Vater. "Letzte Woche war eine Schulklasse mit draußen", erzählt er. "Es ist schön, wenn man Anerkennung bekommt, weil man etwas macht, was anderen auch gefällt."

Das "Training" mit dem Halfter beginnt, sobald die Kälber nach gut zehn Monaten von der Mutter nicht mehr gesäugt werden. Gelbe Rüben und Streicheleinheiten helfen da weiter. "Da fängt es schon an, dass die Tiere ganz stressfrei mit uns mitgehen." Das ist wichtig, wenn der Tierarzt zum Nachschauen kommt oder der Klauenpfleger.

Vier Tiere haben die Bayers bislang in die Zucht verkauft, zwei Färsen und zwei Bullen, eines geschlachtet. Das Fleisch wird in Zehn-Kilo-Paketen verkauft, das Kilo zu 18 Euro. "Die Anfragen können wir bei weitem nicht erfüllen", so Gerhard Bayer, "da stehen über 50 Namen auf der Liste".

Der Ablauf des Schlachtens ist den Bayers wichtig. Ein Metzger mit entsprechender Erlaubnis kommt an die Weide, die Bayers führen das Rind heran. "Dann bekommt das Tier noch was gutes, dann kommt der Metzger mit dem Bolzenschuss." Das Tier wird zum Ausbluten in einen speziellen Wagen gebracht, dann geht's in die Metzgerei zum Zerlegen. "Das ist eine runde Geschichte", so Gerhard Bayer, "dass die Tiere artgerecht auf der Weide leben und stressfrei geschlachtet werden, ist uns sehr wichtig."

Weiden vorbereiten, Elektro-Zäune und Unterstand bauen, für Futter und Wasser sorgen: Für die Bayers gibt es immer was zu tun. Mindestens eineinhalb Stunden früh und abends seien fällig, erzählt Gerhard Bayer. Bei größeren Aktionen helfen natürlich alle zusammen.

Als der Bauantrag für den ersten Unterstand auf einer Weide im Stullner Gemeinderat behandelt wurde, konnte sich noch kaum einer vorstellen, was Vater und Söhne da auf die Beine stellen wollen. Dass da gefrotzelt wurde, ist klar. Heute gibt Gerhard Bayer augenzwinkernd heraus: "Ich sag' dann, wir sind die drittgrößten Rinderhalter in Stulln."

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Tirschenreuth
Hintergrund:

Unterschiedliche Hörner

Relativ klein und leicht, dazu robust und gutmütig: Das sind Eigenschaften, die Schottischen Hochlandrindern oder Highland Cattle rassetypisch zugesprochen werden. Das rot-braune, zottelige Fell gehört ebenso dazu. Die Bullen der Fleischrinder-Rasse sind deutlich größer und schwerer als die Kühe, auch am "Kopfschmuck" lassen sich die beiden Geschlechter deutlich unterscheiden: Bei den Stieren sind die kräftigen, sehr symmetrischen Hörner eher waagrecht nach vorne gebogen. Bei Kühen haben sie eine weit ausladende, nach oben gerichtete Form.

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