26.06.2018 - 18:15 Uhr
Oberpfalz

Der Sultan verlässt den Palast erst mit den Füßen voran

Ein Plakat mit einem Bild des Staatspräsidenten Erdogan ist ein Tag nach den Wahlen in der Türkei vor einem bewölkten Himmel zu sehen. Trotz Manipulationsvorwürfen der Opposition hat sich der türkische Staatspräsident noch vor dem Ende der Auszählung zum Sieger der Präsidentenwahl erklärt.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Und der Gewinner ist: Recep Tayyip Erdogan. Die Überraschung ist in etwa so groß wie bei Präsident Putins Wiederwahl. Auch wenn es dieses Mal einen ernstzunehmenden Gegenkandidaten gab: Noch immer steht die konservative, ländliche Bevölkerung mehrheitlich hinter dem AKP-Herrscher. Und selbst wenn nicht: Würde Erdogan bei einer Wahlniederlage abtreten?

Auch bei dieser Wahl gab es Unregelmäßigkeiten: Wahlbeobachter wurden bedroht, nicht zugelassen. Vertreter der oppositionellen Mitte-Links-Partei CHP sprechen von offener Manipulation: Erdogan sei nie über 48 Prozent gekommen. Eine BBC-Korrespondentin berichtet von Blockstimmen aus der Provinz Sanliurfa, von massenhaft vorab gestempelten Stimmkarten, die widerrechtlich in die Wahlurnen gestopft wurden.

Die Entwicklung des 64-Jährigen vom demokratischen Reformer zum Tyrannen lässt kaum hoffen, dass er die Macht noch dem Zufall einer Wahlentscheidung überlässt. Spätestens seit dem Putschversuch, der Erdogan auffällig in die Karten spielte, demontierte er alle Kräfte, die ihm gefährlich werden konnten, als angebliche Gülen-Verschwörer. Macht korrumpiert. Absolute Macht erzeugt Verfolgungswahn. Deshalb ist zu befürchten: Der Sultan wird sich erst mit den Füßen voran aus seinem Palast tragen lassen.

Die Türkei hatte auch ohne EU-Beitritt eine glänzende Perspektive. Die Wirtschaft florierte, der Kurden-Konflikt schien lösbar. Erdogan zerstört selbst, was er vorher geschaffen hat - zugunsten eines prall gefüllten Kontos in der Schweiz.


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