27.07.2020 - 14:52 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

In Corona-Zeiten: Urlaub auf eigene Gefahr

„Die Welt ist ein Buch. Wer nie reist, sieht nur eine Seite davon.“ Helga und Franz Kamm kennen dieses Wort von Augustinus, und sie haben es befolgt. Jahrelang, bis zu diesem Jahr. Jetzt fragen sie sich, wie es weitergehen wird.

Der Registan in Samarkand gehörte zu den Urlaubszielen der Kamms.
von Helga KammProfil

Helga und Franz Kamm sind ein Ehepaar, das eines ganz besonders verbindet: die Lust am Reisen. Verschiedene Länder und exotische Ziele haben sie gesehen in den letzten 20 Jahren. Sie gingen voller Ehrfurcht durch die Ruinen von Angkor in Kambodscha, fuhren in Strohbooten über den Titicaca-See in Peru, waren geblendet vom Glanz der Moscheen und Medresen im Iran und in Usbekistan, sie glitten auf kleinen Booten durch die von Blumen gesäumten Backwaters im südlichen Indien und sahen den Zug tausender Gnus von der Masai Mara in die Serengeti. "Sie waren alle wunderschön, unsere Reisen", sagt Franz Kamm, "wir bereuen nicht eine einzige davon." Die vielen Sehenswürdigkeiten, die zum Weltkulturerbe zählen, fremde Menschen, die den Besuchern meist offen und freundlich entgegenkommen, die Gruppe der Mitreisenden, überwiegend reiselustig und wissensdurstig, all das beschreibt Helga Kamm als unvergessliche Höhepunkte. Eine große Reise pro Jahr gönnten sich die beiden, immer mit dem Gedanken: So lange es noch geht.

Eine große Tour pro Jahr

Helga und Franz Kamm sind nicht mehr jung. Es war ihnen schon lange klar, dass Langstreckenflüge, anstrengende Besichtigungen, oftmaliger Hotelwechsel irgendwann zu beschwerlich sein werden. Alternativen waren in den letzten Jahren Flußkreuzfahrten in Portugal, Russland und in der Ukraine. "Zusammen mit überwiegend Grauhaarigen", lacht Helga Kamm, "die alle eine geruhsame und doch abwechslungsreiche Reise haben wollten". Aber dann stand im vergangenen Winter eine Anzeige in der Tageszeitung. Eine Leserreise, veranstaltet von Oberpfalz-Medien, wurde für September 2020 angekündigt, und zwar durch die Länder Armenien und Georgien. Das Ehepaar studierte das Programm: Ein relativ kurzer Flug, nur zwei verschiedene Hotels, kleine Gruppen, das klang nicht schlecht. Und dazu zwei Länder, die vom Massentourismus noch weitgehend verschont geblieben sind, mit eindrucksvollen Landschaften, alten Klöstern, ursprünglichen Dörfern und lebendigen Hauptstädten. "Das machen wir", waren beide sich schnell einig. Sie buchten, besorgten sich Reiseführer, waren voller Vorfreude.

Was wäre, wenn einer von uns dort krank werden sollte?

Helga und Franz Kamm

Dann kam Corona und alles war anders. Das Ehepaar gehört zur Risikogruppe. Ihre angepeilten Urlaubsländer liegen außerhalb Europas. Den ersten Bedenken folgten die Ge- und Verbote des Staates. Kontaktsperre, Maskenpflicht, Abstandsregelung, kein Flugverkehr mehr, Grenzen dicht, Quarantäne -Maßnahmen, Anstieg der Infektionen, der Todesfälle in aller Welt. „Das könnt ihr abschreiben“, sagten die Freunde, „Daheimbleiben“ hieß die Aufforderung, jede Hoffnung auf Urlaubsreisen zerstört.

Zur Risikogruppe

„Ein verlorener Reisesommer“, klagt Franz Kamm, und „wir haben doch nicht mehr so viele vor uns.“ Beide richteten sich ein in den Wochen ohne Termine, waren zufrieden mit Haus und Garten, gehören sie doch zu den glücklichen Ruheständlern, denen weder Arbeitsplatzverlust noch Existenzvernichtung drohen. Und trotzdem! Als die Pandemie sich ein wenig zurückzieht, die Gebote und Verbote nach und nach gelockert werden, da keimt wieder leise Hoffnung auf: Vielleicht wird es doch was mit der Reise? Anrufe bei Oberpfalz-Medien und dem Reiseunternehmen in Bamberg lassen alle Fragen offen: Wir können im Moment nichts sagen wie es weitergeht, ist die Antwort. Also heißt es abwarten, eventuell einen Plan B in Erwägung ziehen. Und vielleicht doch noch Hoffnung haben?

Dicht an dicht mit Maske

Aber die Kamms haben natürlich auch ihre Zweifel: Selbst wenn es Flüge geben sollte, will man dicht an dicht sitzen mit Masken über Mund und Nase? Dass die Luft im Flieger angeblich so rein wie im OP-Saal sein soll, bezweifeln sie. Und sie fragen sich: Wie würden die Gastländer die Hygienemaßnahmen umsetzen? Nach deutschem Standard wohl kaum. „Was wäre, wenn einer von uns dort krank werden sollte?“, überlegen sie. Krankenhaus, Heimflug – alles Fragen ohne Antwort. „Urlaub auf eigenes Risiko“, warnt der Außenminister vor Reisen ins Ausland. Dann Hoffnung: Das Robert-Koch-Institut listet die Länder außerhalb der EU auf, die gemieden werden sollten. Armenien ist dabei, Georgien nicht.

Die Globetrotter sind mit Sicherheit nicht die einzigen, für die in diesen Tagen das Kofferpacken kein Thema ist. Abwarten, beobachten und abwägen ist die Devise, mindestens bis Ende August. Sollte dann das Aus kommen für die große Reise, bleiben immer noch andere, kleinere Ziele, die ganz individuell mit dem Auto erreicht werden können. Die allerletzte Option allerdings, das Daheimbleiben, blenden die beiden aus. Sie wollen noch einmal eine neue Seite des Buches aufschlagen, wo auch immer.

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Amberg
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