18.12.2020 - 12:53 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Druckerei Seidel: Ein Hauskalender als Verkaufsschlager

Im fünften Teil der Serie des P-Seminars "Geschichte" am HCA-Gymnasium "Sulzbach und Rosenberg vor 100 Jahren" beschäftigen sich die Schüler mit Andreas Wotschack und der Historie der Seidel-Druckerei.

Ein wesentlicher Teil der Sulzbacher Geschichte war das Drucker- und Verlagswesen. Insbesondere die Geschichte der Druckerei „Johann Esaias von Seidel“ lohnt einen Blick in die Vergangenheit. Sie erhielt ihren Namen, als Johann Esaias von Seidel 1785 die Druckerei seines Onkels übernahm. Ab 1877 führte die Familie Wotschack die Druckerei sowie Verlag und Buchhandlung. Um die Jahrhundertwende waren vor allem die Seidel’schen Kalender vielen Deutschen ein Begriff. Der „Gemeinnützige Hauskalender“ war mit einer Auflage über 49 000 Stück (1890) der Verkaufsschlager.

Ab 1913 leitete Andreas Wotschack das Unternehmen, doch das Geschäft mit den Kalendern lief mittlerweile nicht mehr so gut wie früher. Deshalb konzentrierte sich Wotschack vorwiegend auf seine Tätigkeit als Herausgeber des „Sulzbacher Wochenblatts“, das ab 1918 als „Sulzbacher Zeitung“ täglich erschien.

NSDAP-Mitgliedschaft

Politisch war Wotschack konservativ eingestellt und Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP). Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten trat er am 1. Mai 1933 in die NSDAP ein. Dabei sei er jedoch massiv unter Druck gesetzt worden, erläutert Stadtheimatpfleger Markus Lommer, der seit Jahren zu Andreas Wotschack forscht. Auch in den Folgejahren sei er öffentlich verunglimpft worden, da die Nationalsozialisten unbedingt seine Zeitung übernehmen wollten. 1938 hatten sie schließlich Erfolg und Andreas Wotschack musste seine Zeitung an den NSDAP-eigenen „Gauverlag Bayreuth“ verkaufen. Im Gegenzug wurden ihm Ausgleichaufträge für seine Druckerei versprochen. Doch es kam ganz anders.

Bleilettern für Kanonen

Das Finanzamt zog die Kaufsumme kurz nach der Auszahlung wieder ein, und auch die Ausgleichsaufträge blieben aus. Während des Zweiten Weltkrieges wurde sogar ein Teil der Bleilettern der Druckerei für die Munitionsproduktion konfisziert und eingeschmolzen. Dr. Markus Lommer bewertet diese Maßnahmen seitens der Nationalsozialisten, die 1943 sogar zur Einstellung der Druckerei führten, als Rache für die fehlende Willfährigkeit Wotschacks in den Jahren 1933 bis 1938.

Einstufung als „Mitläufer“

Nach dem Ende des Kriegs wurde der Betrieb wieder aufgenommen, und Wotschacks Frau Emma übernahm offiziell die Geschäftsführung, die Andreas Wotschack als ehemaliges NSDAP-Mitglied nach den Vorgaben der US-amerikanischen Militärregierung nicht mehr ausüben durfte. Im Entnazifizierungsverfahren wurde Andreas Wotschack zunächst als „minderbelastet“ eingestuft, nach einer Berufungsverhandlung 1948 jedoch milder als „Mitläufer“ beurteilt. 1952 übergab er die Firma seinem Sohn Ingomar, kümmerte sich aber trotz gesundheitlicher Probleme weiterhin um die Druckerei. Mit Andreas Wotschack starb 1961 eine der prägenden Figuren der Sulzbacher Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Verlag und Druckerei wurden 1976 endgültig eingestellt, die Buchhandlung bestand bis 2006 weiter. In ihren Räumlichkeiten knüpft heute die Buchhandlung Dorner an eine jahrhundertelange Tradition an.

Alle Artikel der Serie

Sulzbach-Rosenberg

Für Sie empfohlen

 

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.