14.09.2020 - 13:46 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

"Das Erscheinen eines Buches ist ja gewissermaßen die Spitze des Eisbergs"

Mit einem Großen der Szene startet das Literaturhaus Oberpfalz ins neue Veranstaltungsprogramm. Schriftsteller Ingo Schulze stellt aber nicht nur seinen neuen Roman "Die rechtschaffenen Mörder" vor – er hat auch etwas zu feiern.

Mit Schriftsteller Ingo Schulze startet das Literaturhaus Oberpfalz in das Herbstprogramm.
von Anke SchäferProfil

Wie so vieles war auch diese von Thomas Geiger moderierte Lesung eigentlich schon viel früher geplant. An Aktualität und politischer Brisanz hat Ingo Schulzes fesselnder Roman allerdings während der Corona-Zwangspause nichts verloren. Vor der Lesung am Dienstag, 15. September, um 19.30 Uhr im Capitol hat der Schriftsteller im Interview auch verraten, warum dieses Datum für ihn ein ganz besonderes ist.

ONETZ: Herr Schulze, wird dieser Roman allein schon wegen der Begleitumstände immer ein besonderer für Sie sein?

Ingo Schulze: Das Erscheinen eines Buches ist ja gewissermaßen die Spitze des Eisbergs, weil es von der ersten Idee über die ersten Versuche, diese Idee aufzuschreiben und weiterzuschreiben bis zum Ende doch ein längerer Prozess ist. In diesem Fall waren es nur zwei Jahre, was für mich sehr kurz ist. Aber dieses Buch hat sich eigentlich selbst seine Struktur und Form gesucht. Das ist während des Schreibens mitunter merkwürdig, weil es nie so geht, wie man will, aber am Ende war ich einfach froh, dass es aufging. Zudem hatte ich das Glück, dass es ja noch die Rezensionen und ein paar Lesungen gab, bevor alles zum Stillstand kam. Deshalb hat es auch mit Corona zu tun, aber eigentlich ist das nicht so wichtig.

ONETZ: Sehen Sie in den Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen vielleicht auch eine konsequente Fortsetzung der hoch politischen Geschichte um den aus dem Raster gefallenen Antiquar Paulini?

Ingo Schulze: Mit Paulini ist es ja nicht so einfach. Der, der seine Geschichte schreibt, ein gewisser Schultze (mit tz!), wird ja zusehends auch zu einem unsicheren Kandidaten. Ich weiß nicht, in welchem Maß diese ganzen Vorstellungen und Phantasien schon früher existierten. Und es gibt ja reale Dinge, die klingen wie Phantasien, denken Sie nur an das, was durch Edward Snowden oder Julian Assange und verschiedene Whistleblower aufgedeckt wurde. Und wie hart die Konsequenzen sind, insbesondere für Assange. Einige Corona-Maßnahmen sind ja durchaus kritikwürdig, auch wenn die Verantwortlichen es insgesamt recht gut gemacht haben. Aber darum und die ökonomischen Folgen geht es auf den Demonstrationen bestenfalls am Rand. Diese Proteste zeigen für mich auch eine große Leere und ein Verlangen, diese Leere zu füllen. Und das treibt seltsame Blüten. Gefährlich wird es, wenn Rechtsextreme das instrumentalisieren. Und das geschieht ja.

ONETZ: Sie sind seit einiger Zeit schon wieder unterwegs auf Lesereise. Braucht es in diesen Zeiten dafür auch ab und zu eine Portion Mut?

Ingo Schulze: Eher Durchhaltevermögen. Die langen Reisen mit Maske sind wirklich kein Vergnügen. Aber es gibt wahrlich Schlimmeres.

ONETZ: Haben Sie den Eindruck, Abstand und Maske nehmen spürbar Einfluss auf die Atmosphäre bei den Lesungen?

Ingo Schulze: Es ist anders. Für die Veranstalter und Buchhändler ist es natürlich ein Problem, halbwegs auf ihre Kosten zu kommen. Nach vier oder fünf Lesungen findet man es plötzlich gar nicht mehr so fremd, wenn die Zuhörer einzeln oder zu zweit oder zu dritt sitzen und nicht in dichten Reihen. Ich bin einfach froh, dass doch vieles – zumindest für uns Schriftsteller – wieder möglich ist.

ONETZ: Im Juni haben Sie im Interview erzählt, dass Ihnen auch der Austausch mit dem Publikum fehlt. Haben Sie zwischenzeitlich neue Sichtweisen auf Ihren Roman gewonnen?

Ingo Schulze: So viele Diskussionen gab es leider noch nicht. Aber mich interessiert sehr, was da gesagt wird und wie der Roman gelesen und beschrieben wird. Ich selbst habe ja eine Weile gebraucht, um begrifflich darüber reden zu können.

ONETZ: In einem anderen Interview haben Sie bekannt, als Kind lieber vorgelesen bekommen zu haben als selbst zu lesen. Wie ist es dann jetzt für Sie, als Vorleser auf der Bühne zu sitzen?

Ich lese sehr gern vor. Am 15. September 1995 erschien mein erstes Buch, ich mache das jetzt also 25 Jahre, da bekommt man etwas Übung. Und diejenigen, die zu einer Lesung kommen, scheinen das Zuhören in aller Regel zu genießen.

Kartenvorverkauf:

Ingo Schulze im Capitol

Die Lesung mit Ingo Schulze findet am Dienstag, 15. September um 19.30 Uhr im Capitol statt. Thomas Geiger (Literarisches Colloquium Berlin) moderiert. Kartenvorverkauf telefonisch unter 09661/8 15 95 90 oder per E-Mail an info[at]literaturarchiv[dot]de. Keine Abendkasse.

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