20.11.2020 - 16:38 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Fachjournalist übt heftige Kritik: "Herz der Maxhütte einfach abgerissen"

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Er nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um den Anblick geht, den er jeden Tag von seinem Fenster aus vor Augen hat: Fachjournalist Robert Ruthenberg kritisiert heftig den Abriss des als Industriedenkmal geeigneten MH-Stahlwerks.

Der Rest, der stehengeblieben ist vom Stahlwerk, hat laut Robert Ruthenberg keinerlei Bedeutung als Industriedenkmal.
von Joachim Gebhardt Kontakt Profil

ONETZ: Herr Ruthenberg, wie erinnern Sie sich an die Anfänge des Kampfes um das Industriedenkmal?

Robert Ruthenberg: Das ist nun fast 20 Jahre her. 2002 hat das Büro Brückner und Brückner in Tirschenreuth von der Stadt Sulzbach-Rosenberg den Auftrag erhalten, für die Maxhütte Modelle für die Zukunft zu entwickeln. Damals waren auch Stadtplaner Karl Ganser und die Landesentwicklungsgesellschaft Nordrhein-Westfalen mit im Boot. Das Ergebnis war: Eine Kahlschlagsanierung wäre um 50 Millionen Euro teurer als eine behutsame Erneuerung mit einem Mix aus Belassen und Wegnehmen, Sanieren und Entwickeln. Brückner und Brückner stellten sich ein neues Entrée am Hochofen vor. Die Konverterhalle und Stranggussanlage sollte eine Eventhalle werden. Im Walzwerk wollten sie ein Haus-im-Haus-Konzept verwirklichen. Hauptsache, der ganze Produktionsdreck bleibt versiegelt und gerät nicht ins Grundwasser.

ONETZ: War damals auch schon von Kosten die Rede?

Robert Ruthenberg: Ein Gutachten des Wasserwirtschaftsamts Amberg hat 2004 festgestellt, dass die Kosten für eine umweltgerechte Aufbereitung der Böden im Falle eines Abrisses etwa bei 27 Millionen Euro liegen würden. Wenn die denkmalgeschützten Hallen aber stehen blieben, müssten nur einzelne Teile des Geländes für rund 3,7 Millionen Euro dekontaminiert werden.

ONETZ: Wo setzt Ihre Kritik an?

Robert Ruthenberg: Obwohl bereits zwei gravierende Gutachten seit Jahrzehnten vorlagen, haben die Verantwortlichen das genaue Gegenteil getan und sang- und klanglos das Herz der Maxhütte, das einmalige Stahlwerk, einfach abgerissen. Der absolute Knüller bei diesem schändlichen Vorgehen aber war: Man war noch nicht einmal in der Lage, eine der zentralsten und zu ihrer Zeit hochinnovativsten Technikkomponenten zu retten – wenigstens einen einzigen der drei OBM-Stahlkonverter hätte man erhalten können.

Video von den Abbrucharbeiten

ONETZ: Was heißt OBM-Stahlkonverter?

Robert Ruthenberg: Das Kürzel OBM steht für Oxygen-Bottom-Maxhütte oder Oxygen-Bodenblas-Metallurgie-Verfahren und gilt auch heute noch als Meilenstein der modernen Stahlproduktion. Dieses Verfahren wurde von der Maxhütte zusammen mit dem österreichischen Unternehmen Voest-Alpine zur Serienreife entwickelt.

ONETZ: Was macht das OBM-Verfahren so besonders?

Robert Ruthenberg: Es hat dabei geholfen, die Qualität des Stahls zu steigern. Die Rohstoffe, die die Maxhütte verwendete, waren für das herkömmliche Stahl-Blasverfahren nicht optimal. Das OBM-Verfahren wird heute noch in der Edelstahlherstellung verwendet.

Die Hochofenplaza mit ihrem Schrott rundherum ist völlig nutzlos und hat mit einem Industriedenkmal rein gar nichts mehr zu tun. Noch nicht einmal ansatzweise.

Robert Ruthenberg, Fachjournalist und Maxhütten-Kenner

Robert Ruthenberg, Fachjournalist und Maxhütten-Kenner

ONETZ: Sie hätten die Konverter gerne erhalten gesehen?

Robert Ruthenberg: Die Verantwortlichen, egal ob Maxhütte-Eigentümer oder Politiker von Stadt und Land, hielten es nicht für nötig, wenigstens einen der drei Konverter für die Nachwelt zu retten. Das ist so ähnlich, als wenn man drei Picassos, die bekanntlich auch Meilensteine im Bereich Kunst sind, einfach zum Schüren eines Holzofens benutzen würde. Der geldwerte Vorteil ist übrigens ähnlich. Auch der Roheisenmischer, der ebenfalls wichtig für den Maxhütte-Stahlprozess ist, wurde schnell vernichtet.

ONETZ: Aber es gibt doch noch Pläne für die Maxhütte?

Robert Ruthenberg: Genau, jetzt gehen erst kürzlich verantwortliche Politiker der Stadt hin und betreiben eine abermalige Steuerverschwendung, indem sie nochmals ein Architektenbüro mit einer sinnlosen Studie beauftragten, die sowieso gleich in den Rundordner wandert.

ONETZ: Wie sehen Sie die Pläne zum Erhalt des Hochofens?

Robert Ruthenberg: Dass die kläglichen Reste des ältesten Stahlwerks von ganz Deutschland sowie das einzige hochintegrierte Stahlwerk von ganz Europa nun für zig Millionen Euro erhalten werden sollen, schlägt dem Fass erneut den Boden aus. Diesen rein folkloristischen Teil der Maxhütte, die sogenannte Hochofenplaza – auch Würstlbudenplaza genannt –, nun erhalten zu wollen, ist in Anbetracht der Steuerverschwendung in Millionenhöhe und der fehlenden Industriedenkmal-Substanz schon ein Skandal.

ONETZ: Was ist mit dem Umfeld?

Robert Ruthenberg: Die Verantwortlichen wollen nun den heruntergewirtschafteten Teil einer Industrieruine mit zig Millionen erhalten, der nur noch der Schatten seiner selbst ist. Das zeugt von Borniertheit und Arroganz. Die einmalige, bis zum Schluss rein manuell bediente Cowper/Winderhitzer-Anlage besteht wirklich nur noch aus lächerlichen vier Stahlhütchen ohne jeglichen Sinn und Verstand. Man könnte ebensogut von einem Schrottplatz irgend ein paar große Behälter aufs MH-Gelände hinknallen.

ONETZ: Aber der Hochofen hat doch zumindest den Charakter eines Wahrzeichens?

Robert Ruthenberg: Der Hochofen selber hat kaum einen wahren Wert. Als Industriedenkmal steht er völlig sinnbefreit herum. Die einmalige und einzigartige Aufbereitungsanlage der Möller wurde doch ebenso schon vor langer Zeit plattgemacht. Und das sogenannte Turbogebläsehaus – also mal ganz im Ernst: Was soll das, solch ein Minihäuschen erhalten zu wollen?

ONETZ: Was vermissen Sie besonders?

Robert Ruthenberg: Was ist eigentlich aus den einmaligen uralten Dampfmaschinen geworden, die bis zum Ende des MH-Betriebes im September 2002 einwandfrei gelaufen sind? Auch schon irgendwo in einem glühenden Elektroschrott-Ofen verwertet? Ich erinnere mich an den Satz, den ein Einheimischer Ende 2019 beim Betrachten der Trümmer gesagt hat: Endlich ist das Glump weg.

ONETZ: Ihr Kritik-Fazit?

Robert Ruthenberg: Kurz zusammengefasst: Die Hochofenplaza mit ihrem Schrott rundherum ist völlig nutzlos und hat mit einem Industriedenkmal rein gar nichts mehr zu tun. Noch nicht einmal ansatzweise.

Mehr zur Folgenutzung des Maxhüttengeländes

Sulzbach-Rosenberg
Hintergrund:

Zur Person: Robert Ruthenberger

  • Geboren 1955 in Neuss am Rhein, 1986 nach Bayern umgesiedelt, wohnt seit rund zwölf Jahren in Sulzbach-Rosenberg.
  • Beruflich tätig als Maschinenbau-Ingenieur, war zehn Jahre in der Industrie tätig. Heute freiberuflicher Journalist.
  • Journalistische Arbeiten für verschiedene Verlage, unter anderem für den Hoppenstedt-Verlag, zu den Themen Technik und Maschinenbau. Dabei Einblick in viele Industrieanlagen und Verfahrenstechniken.
Der Fachjournalist Robert Ruthenberg vor der MH-Kulisse: Er übt heftige Kritik am Abriss des kompletten Stahlwerks.
Für Robert Ruthenberg ist die Hochofen-Plaza mit Umgriff nicht als Industriedenkmal geeignet.

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