Frei nach Walter Höllerer: Auch die Nordseeküste ist "eine Möglichkeit"

Sulzbach-Rosenberg
23.09.2022 - 13:50 Uhr

Während der Titel „Daheim“ auf die falsche Fährte locken kann, passt Judith Hermanns zweiter Roman inhaltlich perfekt zum Thema ihrer Lesung zu Ehren Walter Höllerers im Literaturhaus Oberpfalz: „Provinz ist eine Möglichkeit“.

Das berühmte Bonmot des Sulzbach-Rosenbergers Schriftstellers und Literaturkritikers Walter Höllerer überschreibt insgesamt zwei Lesungen, mit denen das von ihm gegründete Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg auf dessen 100. Geburtstag im Dezember einstimmt. Den Anfang macht die Berliner Schriftstellerin Judith Hermann am Donnerstag, 29. September, um 19 Uhr in der Historischen Druckerei Seidel in Sulzbach-Rosenberg.

Das Wort "Daheim" birgt zwar durchaus bayerische Anklänge, das war aber so gar nicht beabsichtigt, erzählt Judith Hermann im Mai 2021 im RBB-Kultur-Podcast "Weiter lesen": "Für mich ist es ein Sehnsuchtswort, ein geträumtes Wort". Entstanden sei der Roman in einem Winter dort, wo er auch spielt - auf dem platten, friesischen Land. Die "sehr flache, entleerte Welt" empfindet die Schriftstellerin nach eigenen Angaben als "sehr schön".

Weit oben im Norden

Eine norddeutsche Provinz also, in der die namenlose Ich-Erzählerin einen Neuanfang wagt. Und auch in diesem Fall bestätigt sich Höllerers Feststellung: Vom Ehemann getrennt, die erwachsene Tochter in der Ferne unterwegs, findet die Protagonistin ein abgeschiedenes Haus in Küstennähe, der Bruder gibt Arbeit, eine Nachbarin wird zur Freundin und ein Schweinebauer zur Liebschaft.

Die Geschichte weckt gewisse Erinnerungen an Judith Hermanns begeisterndes literarisches Debüt 1998 mit dem Erzählband "Sommerhaus, später". Ja, im Grunde sei es schon immer dasselbe Personal, bestätigt die Schriftstellerin denn auch im Podcast. Aber während ihre Erzählerin damals die Stadt der Provinz vorzieht, fällt die Entscheidung diesmal andersherum aus.

Kein politischer Roman

Im perfektioniert puristischem Erzählton schwingen auch gesellschaftlich relevante Themen mit, Stichwort Dürresommer oder Massentierhaltung. Sie frage sich in der Tat seit einigen Jahren, wovon ein Buch in dieser schwierigen, komplizierten Welt erzählen soll, so Hermann im Podcast. Einen politischen Roman habe sie aber nicht schreiben wollen, die Dinge hätten sich letztlich allein ihren Platz im Text gesucht.

Darüber und über viele weitere Aspekte wird Judith Hermann aber sicher auch mit Thomas Geiger vom Literarischen Colloquium Berlin sprechen, der den Abend in Sulzbach-Rosenberg moderieren wird und der auch seinerzeit bei der Buchvorstellung im Podcast dabei war.

Hintergrund:

Wer, was, wann?

  • *Judith Hermann*, geboren 1970 in Berlin, gelernte Journalistin, 1998 fulminantes Debüt mit "Sommerhaus, später", für den 2021 erschienenen Roman "Daheim" u.a. ausgezeichnet mit dem Rheingau Literaturpreis 2021 und dem Bremer Literaturpreis 2022
  • *Daheim*, Roman, 192 Seiten, Hardcover, S.Fischer Verlag, 21 Euro
  • *Lesung und Gespräch* Donnerstag, 29. September, 19 Uhr, Historische Druckerei Seidel Sulzbach-Rosenberg, Moderation Thomas Geiger LCB Berlin, Tickets beim Literaturhaus Oberpfalz unter Tel. 09661/8159590 oder per Mail unter info[at]literaturarchiv[dot]de

Schriftstellerin Judith Hermann
 
 

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