12.01.2022 - 16:33 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

"Gefährliche Ethik": Reisinger warnt Corona-Demonstranten vor Nähe zu Querdenkern

Landrat Richard Reisinger macht Sulzbach-Rosenberg keine Hoffnung, dass Behörden von Amberg verlagert werden, er empfiehlt, wie mit Querdenkern und ihren Provokationen umzugehen ist und verrät, warum Stammtisch-Treffen für ihn wichtig sind.

Nicht angemeldet und eine staatsfeindliche Haltung: Anfang Dezember marschierten Querdenker wegen der Corona-Politik am Sulzbach-Rosenberger Geschichtsbrunnen vor dem Rathaus auf - und lösten einen größeren Polizeieinsatz aus.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Im Interview zum Jahresauftakt geht Richard Reisinger besonders auf Fragen ein, die Sulzbach-Rosenberg betreffen. Gegenüber Oberpfalz-Medien wird der Landrat dabei auch deutlich, wenn es um Querdenker und Corona-Leugner geht.

Querdenker

Anfang Dezember haben sich rund 90 Anhänger der Querdenker-Bewegung zu einem illegalen Aufmarsch in Sulzbach-Rosenberg versammelt, um gegen die Corona-Politik der Regierung zu demonstrieren, und dabei vor dem Rathaus temporär den Verkehr blockiert. Die Polizei rückte zu einem Sondereinsatz an und sprach von einer "latent staatsfeindlichen Haltung" der Teilnehmer, die "überwiegend nicht gesprächsbereit" gewesen seien. In Amberg wiederum gab es die vergangenen Tage und Wochen gleich einige als "Spaziergänge" titulierte Versammlungen mit mehreren Hunderten Teilnehmern, dabei kam es auch zu einer Verharmlosung des Holocausts.

Richard Reisinger hat dazu eine klare Meinung. "Ich habe fast täglich damit zu tun, bekomme Anrufe oder anonyme Briefe, manche sprechen mich auch an und sagen, man kenne doch gar keinen, der an Corona gestorben ist, oder die Impfung sei für den Tod verantwortlich." Zwar halte er sich für sehr tolerant und könne schon "von Amts wegen mit Andersdenkenden gut umgehen". Doch das habe Grenzen: "Wo Esoterik, Staatsfeindlichkeit und gar Menschenverachtung kumulieren, da bin ich nicht mehr zugänglich. Wer behauptet, die Menschen im Altenheim sind ja über 80 und sterben sowieso – das ist für mich bedenklich und verachtend." Reisinger bezeichnete solche Gedanken als "gefährliche Ethik" und sagte, man könne diesen Leuten, wenn sie selbst ein hohes Alter erreichen, nur wünschen, dass jüngere Generationen nicht ähnlich mit ihnen verfahren wollten. Gerade weil auch die "rechte Szene" in Querdenker-Kreisen Unterschlupf suche, sollten sich alle, die "ehrlich demonstrieren" und konstruktiv an der Corona-Politik der Regierung Kritik üben wollen, davon distanzieren. "Das lässt sich sonst nämlich nicht mehr trennen. Ich kann normalen Demonstranten nur raten, sich von Querdenkern und Rechten fernzuhalten und sich eigene Foren zu suchen."

Reisinger, der sich selbst als "Impfbefürworter" bezeichnet und auch für eine allgemeine Impfpflicht plädiert, betont aber, dass er den gesellschaftlichen Diskurs für wichtig erachtet. Wenn die viel diskutierte Impfpflicht tatsächlich kommen sollte, "wird das unsere Gesellschaft stressen". Dies dürfe deshalb "nicht nur schnell verordnet werden, sonst geht es schief".

Keine Behördenverlagerung für Sulzbach-Rosenberg

Obwohl Amberg eine kreisfreie Stadt ist, sind dort die meisten Behörden des Landkreises Amberg-Sulzbach konzentriert. Mancher Sulzbach-Rosenberger blickt noch heute mit Wehmut auf die Zeit vor der Gebietsreform von 1972 zurück, als die Stadt noch Sitz des gleichnamigen Landkreises war. Doch auch – beispielsweise – ein Auerbacher muss rund 40 Kilometer zurücklegen, wenn er sein Auto anmelden möchte. Die KfZ-Zulassungsbehörde hat ihren Sitz nämlich in Amberg. Manch einer wünscht sich deshalb mehr Dezentralisierung. Doch der Überlegung, Behörden aus Amberg auszulagern und im Kreisgebiet zu verteilen, erteilt der Landrat eine Absage.

"Das sind eigentlich Fragen, die waren in den 70er Jahren aktuell", sagt Reisinger. Gerade die Zulassung eines Autos sei heutzutage "das Schmerzloseste überhaupt". "Ein normaler Bürger kauft alle sechs bis sieben Jahre ein Auto, viele überlassen gleich dem Händler die Zulassung oder holen es direkt vom Werk ab." Wem es zu viel sei, einmal pro Dekade wegen der Zulassung nach Amberg zu fahren, der könne in Zeiten der Digitalisierung das Auto auch online anmelden. Zudem sei die Zulassungsstelle vor Ort barrierefrei gestaltet und habe ein modernes Schließfachsystem. Würde eine Zulassungs-Außenstelle in Sulzbach-Rosenberg oder Auerbach eingerichtet, würde das sofort Reflexe auslösen: "Was sage ich dann einem Schmidmühlener oder einem Kasteler, die auch weit fahren müssen?" Die Frage der Behörden-Konzentration in Amberg sei durch die fortschreitende Digitalisierung "nicht mehr zeitgemäß". Und Reisinger mit einem Augenzwinkern weiter: "Durch das Homeoffice sind die Mitarbeiter des Landratsamtes sowieso schon überall im Landkreis verteilt."

Generalsanierung Berufsschulzentrum

Für den beachtlichen Wert von rund 80 Millionen Euro lässt der Landkreis das Berufliche Schulzentrum in Sulzbach-Rosenberg abreißen und neu bauen. Sind diese enormen Summen für das größte Bauprojekt des Landkreises überhaupt langfristig gesichert und tragbar? "Wer sich Neubauprojekte anderer Landkreise anschaut, wird feststellen, dass dort auch schnell solche Summen erreicht werden", sagt Richard Reisinger, der auch der Sprecher der Oberpfälzer Landräte ist. Zudem müsse der Bau allen modernen, berufsspezifischen Anforderungen Rechnung tragen. Es sei mit einem Abbruch und Neubau auf Raten zu rechnen und einer Bauzeit von zehn bis fünfzehn Jahren. "Das werde ich gar nicht mehr einweihen." Die Kosten würden aus der Kreisumlage getragen, in Bauabschnitte gesplittet und über die jahrelange Bauzeit aufgeteilt. Reisinger schätzt auch, dass circa 50 Prozent der Ausgaben förderfähig sind. Aber: "Wir werden in die Kredite gehen müssen, das wissen wir."

Stammtisch-Runden: "Normale Menschen"

Dass Reisinger nicht nur für die Politik lebt, weiß auch, wer gelegentlich in der Sulzbach-Rosenberger Gastro-Szene unterwegs ist. Wenn es die knappe Zeit zulässt, mischt sich der 57-Jährige gerne unter die Menschen in den Lokalen und Biergärten seiner Heimatstadt. "Ja, man braucht einen Stammtisch, und ich habe auch einen, glücklicherweise", sagt der CSU-Politiker. Eines schätze er an den Wirtshaus-Runden besonders: "Das sind normale Menschen, die nehmen mich nicht als Landrat wahr. Am Stammtisch sind wir alle gleich, und dort bin ich einfach nur der Richard." Einen "Geheimtipp" hat Reisinger mit dem Sulzbach-Rosenberger Spitalstüberl von Hannelore Seidl parat: "Wegen Corona war ich bei der Lore schon lange nicht mehr, aber das ist in normalen Zeiten meine Sonntagabend-Option. Ich habe dann alle Termine hinter mir und kann hier die Woche für mich abschließen." In Pandemiezeiten achte er jedoch im Privaten sehr auf Kontaktreduzierung und treffe sich auch nur in kleinen Runden, "wenn ich den Impfstatus kenne".

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Das Staatliche Berufsschulzentrum Sulzbach-Rosenberg ist in die Jahre gekommen: Für rund 80 Millionen Euro wird es die kommenden 15 Jahre etappenweise abgerissen, erweitert und neu gebaut. Es ist das größte Bauprojekt des Landkreises Amberg-Sulzbach.

"Das sind normale Menschen, die nehmen mich nicht als Landrat wahr. Am Stammtisch sind wir alle gleich, und dort bin ich einfach nur der Richard."

Landrat Richard Reisinger über seinen Stammtisch

Landrat Richard Reisinger über seinen Stammtisch

"Wer behauptet, die Menschen im Altenheim sind ja über 80 und sterben sowieso – das ist für mich bedenklich und verachtend."

Landrat Richard Reisinger über Thesen mancher Corona-Leugner

 

 

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