12.01.2020 - 16:47 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Grüße aus der Republik Sulzbach

Kann man aus der Räterepublik, die in Sulzbach am 8. November 1918 ausgerufen wurde, für die heutige politische Auseinandersetzung lernen? Neben der Erinnerung an die damaligen Ereignisse stand diese Frage bei einer Veranstaltung im Raum.

Das Bild zeigt den Empfang der am 2. Dezember 1918 zur „Abwicklung“ eingetroffenen Truppe (I. Bataillon/6. Landwehr-Infanterie-Regiment) durch Bürgermeister Karl Julius Troeger auf dem Luitpoldplatz.
von Wolfgang BerndtProfil

Zur Veranstaltung "Grüße aus der Republik Sulzbach" mit Schriftsteller Daniel Kulla luden die Ortsvereine von Verdi und IG Medien ein. Kulturell umrahmt wurde der Vortragsabend von Sepp Lösch und Andreas Royer, die Texte aus der Zeit der Revolution von Ernst Toller und Oskar Maria Graf beisteuerten.

Zunächst wurde die Gründung einer Räterepublik, von der die Sulzbacher Zeitung berichtet, von den staatlichen Stellen nicht erst genommen, erinnerte rückblickend Verdi-Ortsvorsitzender Martin Dehling. Dass diese Ereignisse den Umsturz und das Ende des Kaiserreiches bedeuteten, war ihnen offensichtlich nicht klar.

Verdi-Ortsvereinsvorsitzender Martin Dehling beleuchtete die lokalen Ereignisse in Sulzbach 1918/19.

Erst als Vertreter des Soldatenrates, an der Spitze Ludwig Wiesel als Vorsitzender, den Behörden und dem Stadtmagistrat mitteilten, dass sämtliche Ämter von nun an in ihren Händen liegen, zwei Demonstrationen mit rund 8000 Menschen und die Hissung der roten Fahne am Rathaus folgte, änderte sich diese Einstellung. In einer Verlautbarung betonte Bürgermeister Tröger, das "der Magistrat seine Tätigkeit wie bisher fortführen und alle erforderlichen Maßnahmen treffen und durchführen wird". Der Vorsitzende des Arbeiter und Soldatenrates (ASR) Ludwig Wiesel lehnte dies mit den Worten ab, die alte Ordnung habe die Anordnungen des ASR anzuerkennen. Im Zusammenhang mit dem Entstehen des Arbeiter- und Soldatenrates gründete sich am 7. Dezember in Sulzbach-Rosenberg die SPD, die bis dahin sehr wenige Mitglieder hatte, die in Amberg organisiert waren. Dies änderte sich schlagartig.

In der Folgezeit verschärften sich die Auseinandersetzungen zwischen der alten Ordnung und dem Arbeiter- und Soldatenrat, erläuterte Martin Dehling. Dazu trug entscheidend die Aussage des bayerischen Innenministers Auer (SPD) bei, der die Tätigkeit des ASR wesentlich einschränkte. Dies konnten die Räte nicht hinnehmen, denn damit war die Demokratisierung örtlicher Politik gefährdet und der alte Klüngel erhielt seine frühere Macht zurück. Auf der anderen Seite wurde der ASR durch das Eintreffen des Landwehrregiment am 6. Dezember gestärkt, da sich dieses dem Soldatenrat unterstellte.

Nachdem am 21. Februar 1919 in München der bayerische Ministerpräsiden Kurt Eisner ermordet und der Landtag ohne irgendwelche Beschlüsse auseinander gegangen war, ergriffen die Räte erneut die Macht, um den Volksstaat zu verteidigen. So gründete sich in Sulzbach am 24. Februar 2919 ein Vollzugsausschuss, der die Kontrolle in der Stadt übernahm. Die nächsten Wochen waren in der Bevölkerung geprägt von der Unsicherheit, wer eigentlich das Sagen hat.

Vorsitzender Ludwig Wiesel

Diese historische Postkarte kündet von der Republik Sulzbach.
Daniel Kulla als Experte der revolutionären Ereignisse in Deutschland.
Hintergrund:

Revolution in Deutschland

Vor 100 Jahren breitete sich im Deutschen Reich eine Revolution innerhalb von Tagen aus, mit der die Gesellschaftsordnung fundamental umgewälzt wurde, konstatierte Daniel Kulla. Der erste Weltkrieg wurde beendet, der Kaiser und mit ihm die gesamte Monarchie wurden gestürzt. Der Achtstundentag und das Frauenwahlrecht wurden eingeführt. Die bewaffnete Konterrevolution dagegen, wurde vom ersten Tag an, durch den engsten Kreis der SPD-Parteiführung und der Obersten Heeresleitung organisiert. Aber auch mit den Mitteln der Täuschung und politischer Manöver versuchte die SPD-Führung die Revolution einzudämmen. Dennoch dauerte es fast fünf Jahre bis sämtliche Aufstands-, Sozialisierungs- und Massenstreik-Bewegungen niedergeschlagen waren. Dass die Revolution überhaupt entstanden war und immerhin einige Jahre anhielt, war nicht der Spontaneität zu verdanken, sondern dem über Jahrzehnte erfolgte Aufbau von Partei- und Gewerkschaftsstrukturen, Arbeiterbildungsvereinen, Sport- und Jugendgruppen und ähnliche Organisationen, erläuterte der Referent. Auch wenn die Revolution, die Marx und Engels vorausgesagt hat, heute von vielen nur noch als Geschichte gesehen werde, die keine Bedeutung mehr habe, sie hat stattgefunden, nur nicht im ganzen siegreich. Deshalb sollte man an die Revolution erinnern, vor allem aber an die soziale Substanz, den selbstorganisierten Zusammenschluss der Lohnabhängigen, den es nach wie vor wieder zu bilden beziehungsweise zu verstärken gelte, resümierte Daniel Kulla.

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