27.09.2020 - 17:24 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Immerwährende Gefahr : Seit hundert Jahren rechte Attentate

Rechter Terror darf nicht verharmlost werden. Viele Beispiele, darunter auch das Oktoberfest-Attentat 1980, belegen die Gefahren. Der Journalist Robert Andreasch beleuchtet die Thematik aus verschiedenen Richtungen und stellt sich den Fragen.

Robert Andreasch klärte im Capitol über rechte Gewalt auf.
von Andreas Royer Kontakt Profil

Anlässlich des 40. Jahrestages des Attentats auf das Münchner Oktoberfest lud der Verein für Politik und Kunst (PUNK e.V.) in Sulzbach-Rosenberg zu einer Veranstaltung mit dem bayerischen Rechtsextremismus-Experten Robert Andreasch ein. Der Soziologe und Journalist beschäftigt sich seit mehr als 25 Jahren mit der rechtsextremen Szene in Bayern und war unter anderem als Gutachter für den NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages tätig. Wir haben ihn zum Interview getroffen.

ONETZ: In ihrem Vortrag wird deutlich, dass der Terror von Rechts nicht mit dem Oktoberfestattentat 1980 begann? Wie lässt sich die Geschichte des rechten Terrors in Bayern beschreiben?

Robert Andreasch: Wir haben eine mindestens hundertjährige Geschichte rechter Attentate, rechter Morde und rechtsterroristischer Netzwerke. Von der Ermordung des bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner bis zum „Südkreuz“-Netzwerk von Angehörigen der Sicherheitsbehörden heutzutage zeigen sich Kontinuitäten in Personal und Strukturen, aber vor allem auch Kontinuitäten der Ideologien, der terroristischen Konzepte und ein Wissenstransfer. Neonazis hinterlassen mit ihren Taten immer auch ein „Erbe“, das dann Andere, auch in späteren Generationen, zu rechtem Terror inspiriert und motiviert.

ONETZ: Wie bewerten sie die Rolle von Polizei und Verfassungsschutz wenn es um die Aufklärung und Verhinderung rechtsterroristischer Aktivitäten geht?

Robert Andreasch: Die Kontinuitäten von Neonazipersonal und -organisierung hätten unterbrochen werden müssen, die Netzwerke zerschlagen und die Verbreitung rechter Ideologie ernst genommen und bekämpft gehört. Stattdessen haben Polizei und Verfasssungsschutz rechten Terror und Gewalt über Jahrzehnte verharmlost, bestritten, ignoriert und als Einzelfälle bezeichnet. Hinzu kam eine behördliche „Entpolitisierung“ der Täter, deren rechte Ideologie oder Einbindung in einschlägige Strukturen bestritten wurden und die stattdessen als irgendwie psychotisch dargestellt wurden.

ONETZ: Zuletzt standen immer wieder Polizisten oder gar Bundeswehrsoldaten im Fokus wenn es um rechtsterroristische Netzwerke geht. Gibt es auch hier Kontinuitäten?

Robert Andreasch: Ja, von der „Nationalsozialistischen Kampfgruppe Großdeutschland“ in den frühen 1970er Jahren, über die „Wehrsportgruppe Hoffmann“ bis zur „Wehrsportgruppe Süd“ Anfang dieses Jahrtausends – immer wieder waren diejenigen, die rechtsterroristische Taten verübt oder vorbereitet hatten, Bundeswehrsoldaten. Soldat zu sein, ein harter Krieger sein zu wollen, Herr über Leben und Tod sein zu können, sich einem autoritären System unterzuordnen, all das entspricht ja auch dem, was zentrale Männlichkeitsvorstellungen der extremen Rechten oder eine faschistische Identität ausmachen.

ONETZ: Gibt es auch Verbindungslinien des rechten Terrors und der rechten Gewalt in die Region?

Robert Andreasch: Ein Beispiel sind die internationalen rechtsterroristischen Netzwerke von „Combat 18“ und „Blood & Honour“. Das sind die Strukturen, die die Aufrufe zum bewaffneten Kampf, die terroristischen Konzepte und die tödliche Vernichtungsideologie verbreitet haben und weiter verbreiten, oder wie am Beispiel des NSU belegt, das Unterstützungsnetzwerk für die Mörder gebildet haben. Die bayerische Sektion von „Blood & Honour“ (B&H) wurde bis zum Jahr 2000 lang von einem Neonazi aus Amberg geleitet. Man kann im nordbayerischen und ostbayerischen Raum auch aktuell immer noch Aktivitäten und Strukturen von Combat 18, Blood & Honour bzw. dessen Nachfolgeorganisationen beobachten.

ONETZ: Häufig stehen die Täter nach rechtsterroristischen Anschlägen und Gewalttaten im Mittelpunkt der öffentlichen Berichterstattung. Was muss sich ändern damit die Opfer und ihre Perspektive stärker im Fokus rücken?

Robert Andreasch: Die Betroffenen sind die Hauptzeugen. Sie haben in vielen Fällen schon sehr frühzeitig auf rechte Täter oder eine mögliche rechte Tatmotivation hingewiesen, wurden aber von den Behörden und der Gesellschaft nicht ernst genommen. Stattdessen wurde ihnen Opferentschädigung, Hilfe und Solidarität vorenthalten und manchmal gerieten sie, auch selbst in Verdacht und wurden diffamiert und durch die Polizei drangsaliert.
An die Toten zu erinnern, die Geschichten der Betroffenen und Angehörigen zu hören, sich mit ihrer Lage auseinanderzusetzen und ihnen beizustehen, das muss zukünftig den Diskurs nach rechten Gewalttaten prägen. Das ist nicht nur das Mindeste was wir für die Betroffenen tun können, so erkennen vielleicht auch mehr Menschen die Gefahren durch rechte Ideologie und rechte Gewalt und werden dagegen aktiv.

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Kommentare

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Dr. Jürgen Spielhofen

Unsere Aufmerksamkeit muss allen Arten politisch wirksamer Gewalt gelten: rechter Gewalt, linker Gewalt, religiöser Gewalt und - in vielen Ländern zunehmend - auch staatlicher Gewalt!

28.09.2020
Josef Förster

Sehr einseitige Darstellung mit den üblichen massiven Übertreibungen. Solche Veröffentlichungen sind unvollständig, wenn nicht auch der mindestens genauso gefährliche linke Terror und der Linksextremismus berücksichtigt werden. Man kann den Teufel nicht mit Beelzebub austreiben.

28.09.2020