06.06.2021 - 12:11 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Klezmer-Duo Azind beendet Konzert-Durststrecke in Sulzbach-Rosenberg

Kein Stuhl bleibt in der ehemaligen Synagoge frei: So ausgehungert nach Kultur, begierig nach Begegnung, sind die Menschen nach eineinhalb Jahren Pandemie.

Nicolaas Cottenie und Alina Bauer begeistern mit Klezmer und traditioneller osteuropäischer Musik
von Autor COGProfil

Das jiddische Wort „Azind“ bedeutet „Jetzt“. Es eine prägnante Beschreibung für das, was das Duo dieses Namens macht. Die beiden Musiker holen mit großem Können und Charme die Klezmermusik vergangener Jahrhunderte und traditionelle osteuropäische Volksmusik in die Gegenwart.

Das Konzert des Klezmerduos Azind war deshalb eine Wohltat für die Seele und zugleich ein hoher Kunstgenuss. Auch die Musiker Nicolaas Cottenie und Alina Bauer waren glücklich, endlich wieder „für echte Menschen“ spielen zu dürfen. Sie spielten Klezmer, also die Musik der osteuropäischen Juden, aber auch Tänze der Völker, unter denen die Juden lebten.

Melodien aus Rumänien, Moldawien, der Ukraine und der Türkei erfüllten die ehrwürdige Synagoge und brachten sie zum Glühen. Dabei wechselte Cottenie zwischen Geige und Akkordeon, Bauer tauschte immer wieder ihre Mandola, eine größere und tiefere Mandoline mit flachem Boden, gegen eine Geige. Welche Instrumente sie auch gerade spielten, immer verzauberten sie mit ihrer vollkommenen Harmonie. Sie spielten wirklich miteinander, nicht nur zusammen. Fast ohne auch nur einen Blick zu tauschen, erfühlten sie jede emotionale Bewegung des anderen, griffen sie auf, führten sie weiter und antworteten darauf.

Die jiddischen Stücke waren zumeist Hochzeitstänze. Bei einer Hochzeit, erläuterte Cottenie, wurden anfangs meist eher melancholische Tänze gespielt, weil die Braut ihre Familie verlassen musste und niemand wusste, ob man sich je wiedersehen würde. Später beim Fest wurde die Musik fröhlicher. Beides durften die Konzertbesucher erleben.

Die Tänze der christlichen Nachbarn waren in Rhythmus und Harmonie den Jiddischen ähnlich. Der arabisch inspirierte Terkish, die rumänische Hora oder der Chasakiko, der Tanz der griechischen Metzger, in Istanbul waren für die jüdischen Musiker eine willkommene Inspiration. Im Konzertprogramm fügten sie sich harmonisch zusammen – eine Anregung für das menschliche Zusammenleben.

Mit einem Chossetl endete das Programm. Dieser traditionelle Tanz war, anders als die anderen, kein Gruppen-, sondern ein Solotanz. Damit konnte der Tänzer, immer ein Mann, sein Können zeigen, aber er hatte auch eine spirituelle Dimension, denn er sollte dem Tänzer eine nähere Beziehung zu Gott ermöglichen. Das Stück mit seinem leisen Unterton von Tragik klang so, als wäre es schon vor 300 Jahren in einem osteuropäischen Shtetl gespielt worden. Tatsächlich war es aber eine Komposition von Cottenie.

Mit stürmischem Applaus forderte das begeisterte Publikum mehr von dieser Labsal. Das letzte Stück des Abends zeigte noch einmal, wie selbstverständlich der musikalische Austausch zwischen den Juden und den Menschen in ihrer Umgebung funktionierte. Die Kolomeyke war ursprünglich ukrainisch, wurde von den Juden adaptiert und jetzt in Sulzbach-Rosenberg gespielt. Stürmisch wie ein Kosakentanz, voll leidenschaftlicher Lebenslust war das der klingende Beweis dafür, dass die Tradition lebt. Azind, kommt bald wieder!

Vorschau auf den Kultursommer in Sulzbach-Rosenberg

Sulzbach-Rosenberg
Nur der Stuhl des Fotografen ist frei. Die Synagoge ist vollbesetzt, so glücklich sind die Kulturliebhaber, dass es endlich wieder Konzerte gibt.
Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.